Powarben

 

(Russisch heute: Stepnoje, d.h.wohl Steppendorf)

Powarben, Kr.Samland, NORDOST von Königsberg.

 

ZPowarben.jpg Gutshaus Powarben, Zeichnung.

FPowarben.jpg Gutshaus Powarben, (1943).

Geschichte

 

Gründung-18.Jh. Die Geschichte Powarbens[1] geht auf eine Ordensgründung zurück, doch liegen bisher kaum Angaben über die Vorgeschichte des Gutes bis zum 19.  Jh. vor.

1575 besaß die Familie von Hausen, ein schwäbisches Reichritterschaftgeschlecht, Powarben.

Powarben war 1785 ein adeliges Gut des Feuer-Societät-Direktors Carl Jacob von Buddenbrock. Das Gut war damals 16.500 Rtlr. wert.

 

19.Jh. Rittergutsbesitzer von Powarben war bis um die Mitte des 19. Jh. die Familie Schneider: Joseph Schneider (*19.12.1768 / V22.4.1826 Powarben), Sohn eines Kaufmanns aus Königsberg, war seit dem 16.10.1792 mit Karoline Justine Rund (*......1772 Königsberg / V13.4.1853 Powarben) verheiratet. Von den Kindern übernahm keines das Gut.

Um 1890/91 war das Gut an Leopold Heidenreich (*1855 Grumbkowkaiten / V1902 Königsberg / Foto vorh.) verpachtet. Mit seiner Frau Bertha Schulte-Heuthaus hatte er zwei Söhne, die auf Adl.Powarben geboren wurden.

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Um 1900 erwarb Leopold Heidenreich als eigenes Gut > Adlig Sawadden / Krs. Lyck.

 

20.Jh.  

Zu Beginn des 20.Jh. war Powarben im Besitz der  Familie Bruhn. Diese errichtete 1922-1924 ein neues Gutshaus, von dem man sagte, es hätte ein Vermögen gekostet und zum Ruin der Familie Bruhn geführt.

Aus der Zwangsversteigerung nach 1924 erwarb die Treuhandstelle für Umschuldungskredite Königsberg ("Ostpreußenhilfe") das Gut und ließ es durch einen Verwalter bewirtschaften.

Von 1929 bis 1945 war Karl Jüsche (* Russland 14.9.1902, 1916 nach Ostpreussen geflüchtet, 1919-1935 Gespannführer, 1935-1942 Kämmerer, 1942-1945 Inspektor in Powarben, erst 1947 konnte er Powarben mit seiner Familie verlassen, + Lengnich 27.9.1996) in Powarben  angestellt.

Am 5.8.1930 erwarb der Mennonit Paul Gerhard Goertz (*20.7.1887 Tannenrode / Krs.Graudenz / X5.5.1945 Löwenhagen bei Königsberg / Foto vorh.), der deshalb sein Gut Arnstein / Krs. Heiligenbeil 1934 verkaufen mußte, das Gut Powarben.

 

Lebensangaben: Er besuchte die Realschule in Graudenz, danach studierte er ein Semester Landwirtschaft in Berlin. Er erwarb 1911 das Gut > Schwetz[2] / Krs.

Graudenz, 1918-1934 besaß er das Rittergut > Arnstein mit den Vorwerken Mühlenhof und Milchbude, seit 1920 war er Generalbevollmächtigter der Helene von Hindenburg, 1922 - 1933 Domänenpächter zu Langenau mit Alt- und Neuvorwerk / Krs. Rosenberg. Er erwarb 1930 das Rittergut > Eichmedien mit Vorwerk Sprind von Friedrich Gisbert Hans Ferdinand von Redecker und im Februar 1931 auch das Vorwerk Gisbertshof / Krs.Sensburg.

Er heiratete in 1.Ehe am 6.7.1911 in Danzig Grete Marie Luise Wadehn (*8.11.1890 Groß Mausdorf / Krs.Elbing / V21.10.1941 Gumbinnen), die Ehe wurde am 31.3.1925 geschieden. Kinder aus  erster Ehe: Eva Maria (*1912 Gut Schwetz), Johannes (*1914 / V1930 Königsberg, ertrunken), Friedrich (*1916 / X7.2.1944 Melchowiki / Rußland), Vera (*1918), Günther (*1920 Arnstein / X11.1.1943 Wolchow) und Otto (*1923 Königsberg / X 5.10.1942 Wolchow).

In Wesensart und Charakter soll ich meinem Vater sehr ähnlich gewesen sein. Für mich pflückte er die dicksten ersten Erdbeeren und steckte mir auch sonst gelegentlich eine kleine Besonderheit zu. Meine Mutter redete er beispielsweise mit „Sie“ an, manche belächelten das natürlich, aber das war eben seine besondere Art der Verehrung. Was aber noch unglaublicher klingen mag, mich redete er ebenfalls mit „Sie“ und „Fräulein Ida“ an. [I.L.] Über die Erziehung der Kinder erzählt die Tochter Ida, daß der Vater nie geschlagen hat, sondern immer gut überlegte Straf- bzw. Erziehungsmethoden anwandte, z.B.: Als der Sohn Jan die Blumen, die der Gärnter gerade neu im Rondell vor dem Haus angepflanzt hatte, mit einem Stock abschlug, ließ der Vater ihn alle Blumen neupflanzen.

Paul Gerhard Goertz hat verschiedene Aufsätze für das Wochenblatt der Landesbauernschaft Ostpreußen „Georgine“ geschrieben: „Entscheidend ist die Stellung in der Fruchtfolge“ (Jg. 120, Nr. 2 vom 9.1.1943,  S. 22), „Meine Erfolge im Rübsenanbau in den letzten Jahren“ (Jg. 120, Nr. 31 vom 31.7.1943, S. 373).

 

Paul Gerhard Goertz war seit dem 16.6.1927 in 2.Ehe mit Margarete Schukat (*31.3.1900 Schattern / Krs. Memel / V14.2.1996 Thunder Bay / Ontario / Canada / Foto vorh.) verheiratet. Kinder der 2. Ehe waren: Adalbert (*1928), Ida (*1930), Peter (*1934 / V1992) und Johann (*1935).

 

Lebensangaben: Von 1909 bis 1916 besuchte Margarete Johanne Julie Schukat das Lyceum von Frankenberg und Proschlitz in Königsberg, Prinzenstraße 8; Lyzeumsreife: Oktober 1916. Gleichzeitig besuchte sie das Emil Kühnsche Konservatorium für Musik in Königsberg, Französische Straße, sowie vom 16.1.1925 bis 19.7.1925 das Konservatorium in Leipzig. Sie studierte Klavier, offenbar bei Nelly Lutz. Später war sie für ein Jahr Haustochter in einem Gutshaushalt , um Hauswirtschaft zu lernen.

 

Margarete Goertz schrieb über den Kauf des Gutes: Wir hörten von Powarben zum erstenmal durch eine Zeitungsannonce des Gütermaklers Broszeit aus Königsberg, in welcher er ein „Schulgut“ in der Nähe von Königsberg anbot. Da wir wegen des Schulbesuchs unserer Kinder an der Lage interessiert waren, besichtigten wir das Gut. Als die Familie Goertz nach Powarben zog, war das Gut in traurigem Zustand, es heißt[3], daß nicht einmal ein Schlachtschwein für den Haushalt vorhanden war. Die an sich sehr hübsch gelegenen sechs Arbeiterhäuser mit 22 Wohnungen waren naß und versanken. Die Wege waren grundlos; es ereignete sich z.B. daß der täglich zur Molkerei Görken vorbeifahrende Milchkutscher vom benachbarten Ginthieden sich am Powarber Gartenzaun auf dem grundlosen Weg das Genick brach und zu Tode kam. Die Rinder hatten von den versauerten Dauerweiden alle Lungenwürmer und Weißblütigkeit und gingen täglich ein bzw. wurden an den Schlächter verkauft. Paul Gerhard Goertz hatte also sehr viel zu tun, um da Grund zu schaffen. Es waren keine Einnahmen, die Leute zu löhnen; man hatte sich damit geholfen, ihnen Naturalien zu überlassen. Die Felder standen im Herbst unter Wasser, die Getreidefelder trugen mehr Unkraut als Getreidehalme, so daß der Aufwand für den Drusch nicht lohnte. Es wurde ab 1930 systematisch die ganze alte versunkene Drainage auf 334 ha ausgegraben und neugelegt, neue Flächen in Größe von 55 ha wurden neu drainiert, ein Kanal von 750 m gegraben, 5.200 laufende Meter Vorflut wurden verbreitert und vertieft. An dieser Vorflut hing das ganze Wohlergehen dieser Wirtschaft. Da das Gelände sehr flach über dem Meeresspiegel lag, so daß nur ein sehr geringes Gefälle vorhanden war, mußte sehr genau mit jedem Zentimeter Gefälle gerechnet werden, um einen Erfolg zu erzielen, wenn die Entwässerung funktionieren sollte. Es wurde ein ständiger Drainierer, Gustav Geduhn, beschäftigt; er hatte stets ein bis zwei Hilfskräfte. An der Westseite, in der Nähe des 4,5 ha großen Waldes, war ein zerrissenes, mit Erlengestrüpp durchsetztes Stück Gelände, das eigentlich zu nichts zu gebrauchen war. Mit unvorstellbarer Geduld und Zähigkeit ließ Paul Gerhard Goertz die Erlenbüsche roden. Die Wurzeln wurden mit Dynamit gesprengt, mit Ketten umschnürt und mit Pferden herausgezogen, unentwegt Stück für Stück, anschließend drainiert, dann gegrubbert und Hafer eingesät. Nach zwei Jahren war es Kulturland. Morgen um Morgen wurde den angrenzenden Ackerschlägen zugeteilt und niemand wußte mehr, wie es vorher ausgesehen hatte, wenn es so schön sauber bestellt dalag, und welche schwere Pionierarbeit hier geleistet worden war, um einige Hektar Acker zu gewinnen und nutzbar zu machen. Mein Vater wirtschaftete anders als seine Nachbarn, weil er aus dem Kreis Graudenz in Westpreußen stammte. Er hielt von Dauerweiden nichts. Er pflügte diese um, drainierte sie und beackerte sie dann. Auf den alten Melkplätzen der Weiden baute er zuerst Weißkohl an, dessen Köpfe doppelt so groß waren wie die gewöhnlichen Kohlköpfe. Der Kohl wurde nach Königsberg verkauft und erregte dort Aufsehen. Ebenfalls wuchs auf diesen Melkplätzen Kohlrabi mit bis zu sieben Köpfen, welche butterweich waren. [...] Außerdem baute mein Vater Flachs und Hanf an. Ein herrlicher Anblick war das Flachsfeld in der Blütezeit. Die Blüten hatten eine himmelblaue Farbe. Wenn es etwas kühl war und die Sonne oft durch die Wolken verdeckt wurden, schlossen sich die Blüten halb. Dann wurde das Blau etwas matter. Schien aber die Sonne intensiver auf das Feld hinab, so öffneten sich die Blütten, und das Feld erstrahlte in einem leuchtenden Blau. Das war sehr selten der Fall, so daß mein Vater extra kam, um uns zu holen, damit wir „das blaue Meer“ ansehen sollten. [...] Wir hatten nicht nur ein „blaues Meer“ in Powarben, sondern auch ein „gelbes Meer“. Das waren unsere Raps- und Rübsenfelder in der Blüte. Solange der Raps blühte, fuhren wir sonntags an das „gelbe Meer“ und machten dort Picknick. [A.G.]

Alle Arbeiterhäuser wurden ringsherum drainiert, Dachtraufen angebracht und durch Umbau im Innern vergrößert. Der Wohnraum bestand vor dem Umbau aus einer Stube, einem Flur und einer unheizbaren Kammer. Durch den Anbau eines Flures mit Treppenaufgang zu einer neu ausgebauten Oberstube wurden die Wohnungen vergrößert. In einem weiteren Gebäude, das zuvor der Unterbringung lediger Arbeiter gedient hatte, wurden durch An- und Umbau 3-Familien-Wohnungen und ein Gemeinschaftsraum von 60 qm geschaffen. Paul Gerhard Goertz war sich immer bewusst, daß er wirtschaftlich von seinen „Leuten“, den Arbeitern (Deputanten und Instleuten) und Angestellten (Beamten) abhängig und auf deren guten Willen angewiesen war. Es war damals keine Geldwirtschaft in heutigem Sinne. Geld war knapp in der Landwirtschaft seit der Geldreform von 1924. Die Deputanten erhielten frei Wohnung, sehr knapp bemessen für die z.T. grossen Familien, sowie das Deputat, d.h. Getreide, ein oder zwei Kühe, die im „Leutekuhstall“ untergebracht waren, Garten- und Weideland, dazu etwas Geld. Um seine „Leute“ zu motivieren, schuf er für einige von ihnen Titel, die ich sonst nirgends gehört habe, und redete sie entsprechend an: Schweinemeister Albert Dereschkewitz (*30.2.1914), Maurermeister Karl Ehlert (*1885), Schmiedemeister Otto Franz (*1884), Drainagemeister Gustav Geduhn (*1896), Schweizermeister Paul Schedwill (*1913), Stellmachermeister Karl Schulz (*1914), Pflastermeister Zink, Gärtnermeister Paul Oelsner. Jeder dieser Leute hatte seinen Meistertitel nicht vor einer staatlichen Stelle erworben, sondern in der Betriebspraxis von Powarben. Die Entwässerung etwa im flachen Powarber Land hing entscheidend davon ab, wie gut Gustav Geduhn mit seiner Mannschaft das Gefälle „meistern“ und die Gräben von Verkrautung freihalten konnte. Sie entschied über Ernte oder Versumpfung.

Eine Scheune wurde als Schafstall umgebaut und der ehemalige Schafstall als Schweinestall.[4] Es wurde auch eine Scheune und ein Kartoffelsilo neu gebaut. Sämtliche umgebaute Wohnungen wurden an das Stromnetz angeschlossen. Die Stromversorgung machte es erforderlich, daß ein zweiter Transformator gebaut werden mußte. Es wurden zwischen 1936 und 1940 4.800 qm Straßen gepflastert, u.a. der Weg vom Kleinbahnhof Powarben nördlich zwischen Kleinbahn und Parkostseite Richtung Ginthieden. In welchem Jahr genau der Hof in Powarben gepflastert wurde, kann ich nicht sagen, etwa 1935/36, und zwar rundum von der Chaussee kommend an allen Stallgebäuden und Scheunen entlang, um den neuen Gemüsegarten herum, am Hühnerstall und Jüsches Haus vorbei [...], auch in der Mitte um die Schmiede herum. Diese Arbeiten wurden weitgehend mit den gutseigenen Arbeitern durchgeführt. Schlimme Zeiten brachen an, wenn es tagelang regnete, da ist man im Dreck stecken geblieben und konnte ohne Gummistiefel nicht hinaus. Zwischen 1939/42 wurde mit eigenen Leuten unter Leitung des Pflastermeisters Zink der gesamte Hof rundum mit Kopfsteinpflaster versehen, es begannen bessere Zeiten. Auch der Abgang  mit leichtem Gefälle in den Dorfteich auf dem Hof wurde mit Steinen versehen, weil die Pferde manchmal ausgerutscht sind und dort nach der Feldarbeit trinken wollten. Besonders das Herauskommen war manchmal schwierig. Am Hofteich wurde ein zweiter Gemüsegarten angelegt.

Mein Vater sagte manchmal: „Ich muß doch die Städter alle satt machen!“, gemeint hat er die Königsberger, die sich ihr Brot im Laden kaufen mußten. Vom Frühjahr bis zum Schluß der Erntezeit stand er gegen 4 Uhr morgens auf, um über seine Felder zu gehen, das Wetter stets im Auge. im Frühjahr brauchte er den Regen, zum ernten betete er um trockene Erntezeit. Im Garten stand ein Regenmeßgerät mit Millimetereinteilung, da hat er immer nachgeschaut. Eigentlich war er mit dem Klima in Ostpreußen ganz zufrieden. [...] Vater hatte einen sehr starken Lebensmotor und war der geborene Landwirt. Stets mit seinen Produkten aus seinen Feldern und seinem Nutzvieh beschäftigt. Die Milchwirtschaft war ihm sehr wichtig - und eine tägliche Geldeinnahme, aber auch die große Schafherde (Merinoschafe). In den letzten Jahren hatten wir außergewöhnlich viele Schimmel und auch Apfelschimmel. Mein Vater war so begeistert, daß er sich vorgenommen hat, gezielt Schimmel zu züchten und - dies nur zum Spaß - den Namen Powarben in „Schimmelgard“ umzutaufen. Leider konnte er sich diesen Wunsch nicht mehr erfüllen, weil der Krieg alles zunichte machte. [I.L.]

1934 wurde das Gut auf den Sohn aus der 1. Ehe von Paul Gerhard Goertz, Günther Paul Goertz (*14.8.1920 Arnstein / X11.1.1943 am Wolchow), der jedoch bei seiner Mutter in Königsberg lebte und selber nur zu Ferien aus der Mennonitenschule Weierhof / Pfalz in Powarben war, eingetragen.[5]

Letzter Inspektor war Karl Jüsche .

(*  14.9.1902 in Russland. Vorfahren aus Schlesien.  1916 nach Ostpreussen geflüchtet. 1929 in Powarben geheiratet und dort  bis etwa 1935 als Gespannführer, bis 1942 als Kämmerer gearbeitet. Als Inspektor  Anderson (aus Schweden)  fristlos entlassen wurde,  wurde er Betriebsleiter.  Auf der Flucht  1945  wurde er  in  Nodems  im westlichen Samland  eingezogen und  war 2  Monate Soldat  und  4 Jahre in Kriegsgefangenschaft. Von  1949 bis 1958 lebte er  mit seiner Frau in Ostfriesland, dann in  Köln. Seinen Lebensabend verbrachte er bei seinem Sohn Lothar in Lengerich und starb dort am 27.9.1996)

 

Zweiter Weltkrieg: Am 1.9.1939, als die Führer-Rede zum Polenfeldzug angekündigt war, versammelten sich alle Bewohner des Hauses im Jagdzimmer - alle schwiegen und einige weinten heimlich.

Alle drei Söhne aus 1.Ehe, die sich freiwillig gemeldet hatten, fielen im Krieg: Am 5.10.1942 fiel Otto Goertz am Wolchow in Rußland, am 11.1.1943 fiel Günther Goertz am Wolchow. Der dritte Sohn Friedrich (Fritz), der als fröhlicher Mensch beschrieben wird, war einmal für eine Woche in Powarben auf Fronturlaub, bevor er am 7.2.1944 bei Melchowiki in Rußland fiel.

Da der größte Teil der jungen Männer eingezogen wurde, erhielt das Gut polnische und russische Kriegsgefangene, wobei aber genauere Angaben noch nicht vorliegen. So schreibt Adalbert Goertz:   Wir hatten um 1940-1941 Franzosen als Kriegsgefangene in Powarben. Ich erinnere mich an meinen Bruder Otto, der in den Ferien vom Weierhof zuhause war und mit einem Langenscheidt bewaffnet sie zu befragen suchte.  Wir hatten auch um 1942 oder 1943 polnische  Arbeiter von unserem Gut Schwetz, die im Herbst halfen die Zuckerrüben einzubringen, weil unsere Arbeiter in Powarben das nicht allein schafften bzw. alle jungen Arbeiter eingezogen waren.   ,

Seine Schwester Ida erinnert sich, daß zumindest während der Ernte 1944 Russen in Powarben waren: Diese waren nur in den Sommer- und Erntemonaten auf Anforderung bei uns. Es muß in meinen Sommerferien 1944 gewesen sein, da erlebte ich sie in Powarben. Es waren etwa 12 - 14, sie wurden im Doppelhaus von Kämmerer Karl Jüsche und Kutscher Reuter auf Strohsäcken untergebracht, da war eine ganze Wohnung frei, die Fenster waren von außen mit Eisengittern versehen, nachts wurden sie eingeschlossen. Ein älterer Soldat bewachte sie, aber jeder hatte vor jedem Angst. Man hörte von Ausbrüchen einzelner, die einfach vom Feld in den Wald verschwanden und sich dort versteckten, nie gefunden wurden. Sie bekamen bei uns gut und reichlich zu Essen, was sie auch bestätigt haben, und wurden gut behandelt. 1 oder 2 von ihnen konnten sogar deutsch. Dennoch sie freuten sich über jeden Luftangriff auf Königsberg. [I.L.]

Horst Jüsche schreibt: An Kriegsgefangenen  waren zuerst Polen (1940?), dann Franzosen (1940-1941?), dann Italiener (1943?), zuletzt Russen (1944-1945) da. Die Polen blieben als Zivilarbeiter, als sie aus dem Lager entlassen wurden. Auch waren weibliche Fremdarbeiter in Powarben. 

Am 15.1.1945 starb in Powarben die Mutter der Gutsfrau, Johanne Friederike Luise Schukat geb. Pichler, die 1944 aus Gowarten bei Skaisgirren (nach 1938 Kreuzingen)[6] geflüchtet war; sie wurde in Schaaken beerdigt.

Am 26.1.1945 mußte die Gutsbevölkerung den Hof verlassen. Konradswalde brennt. Familien auf dem Treck: Karl Jüsche (Inspektor), Gehrau (Kämmerer), Zink (Pflastermeister), Springer, Ehlert, Wagner, Franz (zuletzt auf Hela gesehen), Rauschning, Petersen, Samland, Grohnert, Geduhn, Dunker (nach 1945 in Canada), Alex, Schedwill, Oelsner, Wiese, Münsterberg. Russen 3 km von Powarben, keine Hauptkampflinie. Wehrmacht auf Rückzug. Alle Powarbener können abfahren. Treck fährt über Trömpau, Schaaken, Powunden, Rudau, Grünhoff, nach Thierenberg, Germau. Treck wird von Russen überrascht in Tenkitten bei Germau nachts am 12.2.1945. Plünderung durch die Russen. Pferde werden weggenommen. 24 Stunden unter den Russen. Schmuck und Uhren werden abgenommen. Deutsche Gegenoffensive am 15.2.1945. Russen geben alte Pferde mit Befehl, nach Powarben zurückzufahren. Treck weiter nach Groß Thierenberg, Heiligenkreuz, Rauschen. Paul G. Goertz muß zum Memeler Volkssturm in Rauschen. Treck weiter nach Nodems bei Palmnicken, bleibt 12 Wochen im Samland. Habseligkeiten alle geplündert. [Willi Grohnert, Lübeck, Brief vom 5.11.1945] Das Schicksal der Menschen ist verschieden; einige Leute kehrten zurück und sind dort elend verhungert. Es sollen 40 Leute im Park verscharrt sein. Einige andere kamen rechtzeitig heraus. Unterwegs gerieten wir dann aber zwischen die Fronten, überall wurde geschossen und die Tiefflieger bombardierten uns. Wir mußten alles stehen und liegen lassen. Kleine Kinder gingen verloren, die Menschen irrten in der Kälte umher auf der Flucht und wußten nicht mehr, welche Richtung sie gehen sollten. Das Chaos und die Panik unter der Zivilbevölkerung kann niemand in Worte fassen. Wir beschlossen sehr bald, uns bei Dunkelheit in Richtung Küste zu bewegen, da waren wir wenigstens vor den Tieffliegern sicher. Der Schnee auf den Feldern spendete etwas Helligkeit. Eine Mutter trug ihr Baby in einer Decke im Arm und hatte nichts zu essen. Es starb vor Hunger und Kälte, aber sie wollte sich nicht davon trennen. Dann legte sie es in den Graben und deckte es mit Schnee zu, sie war allein und wirkte völlig verwirrt. Nur sehr wenige waren noch im Besitz von 2 Pferden mit einem vollen Wagen. Man fragte ständig: „Von wo kommt Ihr - und wo sollen wir weitergehen?“ Ich selbst hatte Erfrierungen an den Füßen und Händen und im Gesicht. Mein Bruder Peter war noch schlimmer dran, er mußte oft getragen werden. Ich habe zwei alte Menschen gesehen, zu Fuß unterwegs, ohne Gepäck, am Ende ihrer Kraft, sie haben sich untergehakt hingesetzt gegen einen Baum gelehnt und sind kurz danach erfroren, wurden in Sitzstellung weggetragen. Zeitweise habe ich mich mit dem Gürtel von meinem Mantel an ein Familienmitglied angebunden, damit ich nicht verloren ging, durch ausrutschen, hinfallen oder im Massengedränge weggedrückt wurde. ... [I.L.]

Margarete Goertz mit den Kindern Ida, Peter, Johann, der Schwester Anna Schukat, der Hausdame Elisabeth Frank verließen den Treck noch bevor dieser unter die Russen geriet. Wie durch ein Wunder sind wir dann wirklich alle nach Pillau gelangt. So viele Menschen, wie dort im Hafen, habe ich noch nie gesehen. Es war ganz wichtig sich festzuhalten, noch besser aneinander zu binden – das war meine Idee, Mama lobte mich dafür. In Pillau lag auch die „Wilhelm Gustloff“ vor Anker. Doch die Familie kam nicht mehr auf dieses Schiff – glücklicherweise. Mit dem kleinen Dampfer Undine gelangten wir am gleichen Tag zur Danziger Bucht nach Gotenhafen - dort Landung am 11.2.1945. Dort war ein provisorisches Lager in einer riesigen Halle vorbereitet mit Matratzen auf der Erde. Es war sehr kalt, unser Platz war ganz vorne am Wasser und wir hatten einen Blick auf alles. Die Schiffe kamen von allen Seiten, aus dem Westen beladen mit Kriegsmaterial und Soldaten für die Front. Die „Kettenhunde“ (Wehrmachtspolizei) waren überall zum aufpassen wegen Sabotage, und dann lief auch die Gustloff ein, da viele auch aussteigen wollten, weil sie in der Nähe Verwandte hatten und dort unterkommen wollten. Andere dagegen wollten wieder mitgenommen werden und auf dem Seeweg weiter nach Westen. Mit der Eisenbahn ging es nach Pommern, d.h. mit einem Güterzug im Viehwagen. Es war bitterkalt auf dem Fußboden einer neben dem anderen. Manchmal waren wir stundenlang irgendwo auf einem Nebengleis abgestellt, auf freier Strecke. Keiner konnte uns sagen, wo wir uns befanden. Parolen jagten sich und die Ungewißheit zerrte an den Nerven. Manchmal hörte man einen entgegenkommenden langen Zug, durch kleine Luftlöcher konnte man erkennen, daß es sich um Wehrmachtstransporte handelte, die für die Ostfront bestimmt waren, auch diese wurden von mitfahrenden „Kettenhunden“ streng bewacht. Irgendwo in einem mir unbekannten kleinen Ort wurde unser Zug wieder gestoppt, die Türen von außen aufgeschoben und es hieß „nebenan auf dem Gleis steht ein von der Wehrmacht verlassener Lazarettzug, der nicht mehr gebraucht wird, die Flüchtlinge könnten sich nehmen, was sie wollen“. Sie können sich nicht vorstellen, was da los war! Das Aussteigen aus den Güterwagen ohne Stufe etwa über einen Meter war äußerst schwierig, alle sprangen hinunter, taumelten, fielen hin, aber jeder wollte der Erste sein. Meine Mutter – die kleine Person – kletterte auch aus dem Waggon und stürmte mit allen anderen den Lazarettzug. Man konnte schlichtweg alles gebrauchen und meine Mutter raffte alles an sich, was sie nur tragen konnte: Handtücher, Verbandszeug, Schere, kleine Schüsseln etc. Alles waren Kostbarkeiten und in kurzer Zeit hatten die Flüchtlinge den Lazarettzug leergeräumt. Nach langer Wartezeit ging es endlich weiter, aber die Ernüchterung kam ziemlich schnell. Irgendwo wurden wir wieder gestoppt und es hieß „Alles aussteigen und in den anderen Zug umsteigen!“ Der andere Zug war diesmal keine geschlossenen Güterwagen, sondern offene halbhohe Loren. Man hatte etwas Stroh auf den Boden gelegt, Niemand kann sich vorstellen, wie alle in der eisigen Kälte gelitten haben. Dann fing es auch noch zu schneien an. Manche versuchten, auf der Stelle zu treten und Beine und Arme zu bewegen – die nicht vorhandenen Toiletten erwähne ich nicht. Alles war menschenunwürdig. Ich habe alte Männer gesehen, denen war der Atem gefroren und es bildeten sich Eiszapfen bis über das Kinn herab. Sie konnten sich tagelang nicht rasieren. Niemand hatte etwas zu essen, Kinder weinten, alle zitterten vor Kälte, manch einer starb lautlos. In der Nähe von Rummelsburg war die Fahrt dann entgültig beendet mit der Begründung „bis hierher kommen die Russen garantiert nicht“. Mit LKWs wurde man auf die umliegenden Dörfer verteilt und sich selbst überlassen. Für  wenige Tage wurden wir auf einem Gutshof aufgenommen, kurz danach auf das naheliegende Vorwerk Barenkaten gebracht. Das liegt am Ende der Welt und ist auf keiner Landkarte zu finden. Ehemalige Fremdarbeiterinnen waren in den Kriegsjahren dort untergebracht, nun hausten wir da, wieder mit nichts.  Sehr bald wurden wir erneut von den Russen überrollt und diese haben sich an der nicht geflohenen Zivilbevölkerung vergangen. Wie wir hörten, wurde der Gutsbesitzer von unserem Vorwerk Barenkaten als erster erschossen. Bis Juni 1946 haben wir sechs Personen – drei Kinder und drei Erwachsene – unter der Willkür der Russen vegetiert, dann gelang uns die erneute Flucht in den Westen. Meine Mutte hatte alles lange vorbereitet, Kontakte mit Nachbarn aufgenommen, meistens nachts, und so sind wir auch bei Mondlicht, da hatten wir Glück, leise aus Barenkaten fortgeschlichen. Niemand durfte einen Ton von sich geben, wenigstens war nun kein Frost mehr, aber es gab noch andere Feinde genug. Im Morgengrauen endlich gelangten wir an den ausgemachten Sammelplatz mit den Lastwagen, auch da wieder ein Massenandrang. Aber wir schafften es am Ende doch, alle Sechs mitgenommen zu werden und über die russische Grenze zu kommen. Hungrig und am Ende unserer Kräfte, ohne Ausweise, wir waren namenlose Gestrandete. In Schleswig-Holstein kamen wir vorerst in ein neues Flüchtlingslager aus Wellblechbaracken mit Holzfußböden und Matratzen, die das Rote Kreutz organisiert hatte. Ich weiß nicht, wie lange wir in diesem Auffanglager zugebracht haben. Es war ein ständiges Kommen und Gehen.   Am 6.7.1946 kamen sie in Rantum auf Sylt an.

Der Sohn Adalbert war in Königsberg bei der Flak und machte so die Flucht seiner Familie nicht mit. Am 28.2.1945 gelangte er nachts aus Königsberg mit einem Schiff über Pillau nach Gotenhafen und von dort nach eine Woche weiter nach Swinemünde. Von Swinemünde mit der Bahn nach Mecklenburg zum RAD, dann Anfang Mai weiter nach Eutin, bis er seine Familie wiederfand.

Paul Gerhard Goertz wurde, wie oben erwähnt, auf der Flucht vom Treck weg mit anderen Männern zum Volkssturm geholt und ist Anfang Mai in russischer Gefangenschaft in Löwenhagen an Ruhr und Herzschwäche gestorben und wurde an einem Wald beerdigt. Das erfuhren wir erst 1954 aus einer Liste des Roten Kreutzes im Ostpreussenblatt. Die Todesnachricht kam aus einer  Heimkehrerbefragung.

 

1945 ff. Von den 25 Getreidebergen, die man in Powarben zurückließ, soll ein Teil von den Russen beim Einmarsch angesteckt worden sein.

Dort sind zahlreiche Menschen nach 1945 verhungert und im Gutspark verscharrt worden; namentlich bekannt sind: Ernestine Alex (1886-1946), Frank Blietz (1943-1946),
Christian Duncker (1882-1946?), Maria Duncker (1886-1946?), Karl Ehlert (1885-1946), Frau Ehlert (1886-1946), Ursula Ehlert (1922-1946), Erika Ehlert (1939-1946), Frau Geduhn (*1898, in Schaaken verhungert), Fritz Kirchner (1883-1946?), Erich Kirchner (geb.1930, verhungert auf der Flucht), Regine Klaffke (1866-1946?), Anna Klaffke (1928-1946?), Heinz Klaffke (1932-1946?), Marie Löwner (1878-1946?), Paul Muensterberg (1929-1946?), Paul Oelsner (1883-1946?), Anna Oelsner (1887-1946?), Renate Petersohn (1943-1946?), Maria Ries (*7.10.1945-1947).
Die Gleise der Kleinbahn Königsberg – Schaaksvitte wurden kurz nach 1945 entfernt und nach dem Osten verfrachtet. Der Bahndamm ist heute überwachsen.

Zur Zeit der sowjetischen Verwaltung wurden bis 1992 alle Wirtschafts- und Wohngebäude bis auf nachfolgend genannte Bauten als Steinbruch behandelt und vollständig abgetragen. 1992 stand noch der Pferde- und Schweinestall. Zwei der sechs Arbeiterhäuser  waren noch bewohnt, vom Inspektorhaus stand noch der Teil mit der Wohnung Jüsche und war bewohnt, der westliche Teil war abgebrannt. Außerdem war der einstige Speicher bewohnt. Das Storchennest auf dem Nordgiebel des Speichers ist verschwunden, und die Störche sind auf eine nahe Fichte im Gutspark  ausgewichen.

Das Land wird nicht planmäßig bewirtschaftet und macht einen vernachlässigten Eindruck.

 

Besitzgröße: Das Gut Powarben war 476 ha groß. Ein Meßtischblattausschnitt mit der Besitzgrenze liegt vor. Eine Skizze zum Gutshof liegt vor.

 

 

Gutshaus

 

Baugeschichte: Das alte Gutshaus, das zuletzt nur noch der Flügel mit den Wirtschaftsräumen war, war ein einstöckiger Putzbau mit Satteldach. 1924[7] wurde ein neues Gutshaus, als ebenfalls neunachsiger, einstöckiger, hoher Putzbau mit dem Mansarddach, an das alte Haus angefügt. Das Gutshaus wurde im neubarocken Stil durch Ernst Bruhn (1876 – 1932) errichtet. An der Auffahrtseite im Osten gab es die dreiachsige Oberstube mit Frontispiz, in dem ein Kreisfensterchen lag. Die Mansarden hatten Satteldachgauben. Vor dem Mittelrisalit lag ein Altan über dem für die Oberstube ein massiver Balkon mit Balustrade auf dicken Säulen ruhte.

Das Haus hatte einen hellbeigen Rauhputz (Detailfoto vorh.).

Vor dem Haus lag ein Rondel mit kleinen auch um 1924 gepflanzten Lebensbäumen für Ostereierverstecke - ich erinnere mich, daß wir 2 Schokoladeneier - welch ein Luxus! - erst viel später fanden, die leider dann in der Sonne geschmolzen waren. Dies Rondel wurde wie alle Gartenanlagen von dem Gärtner Paul Oelsner gepflegt.

 

Räume/Einrichtung: Durch die Haustüre betrat man zunächst die Vorhalle, die durch eine Holz-Glas-Wand von der Wohndiele abgetrennt war. Das Glas jener Wand war goldfarbenes „Rubbelglas“.

Dahinter lag die große Wohndiele, die durch das ganze Haus reichte. Das Mobiliar stammte sehr wahrscheinlich aus dem 20.Jh. und war schlicht. Der offene Kamin war nur zur Zierde da und wurde nie genutzt; auf seinem Sims standen Blumen und Nippes (z.B. Vasen). Wie alle Fußböden im Erdgeschoß des Neubaus hatte auch die Wohndiele einen Parkettboden; über die Wandfarben der meisten Zimmer können keine Angaben mehr gemacht werden. An der Decke hing als Lampe ein Flugzeug-Propeller. In der Wohndiele wurde um den 20.Dezember die jährliche Weihnachtsfeier und Bescherung für das Hauspersonal und die Gutsangestellten abgehalten, zuletzt 1944. Den Weihnachtsbaum brachte der Gärtner Paul Oelsner aus dem Wald.

Rechts der Diele lag der Kleine Salon, der täglich genutzt wurde, und in dem der Gutsherr manchmal seinen Mittagschlaf hielt, wenn er nicht im Jagdzimmer schlief. Die Couch haben wir total ruiniert und wie ein Trampolin verhopst, es hat nur so in den Sprungfedern gekracht.

Auch zu diesem Zimmer hat sich eine lustige Begebenheit bewahrt: Der Sohn Adalbert war technisch sehr interessiert und hatte das Radio so umfunktioniert, daß er selbst darin von oben sprechen konnte. Als einmal wieder sein Vater in diesem Zimmer schlief, erklang plötzlich „Achtung, Achtung hier spricht der Reichssender Powarben“ aus dem Radio, und es folgten weitere Berichte. Adalbert hatte einen Kopfhörer  als Mikrophon benutzt und diesen mit dem  Radio verbunden.

Neben dem Kleinen Salon lag das Kleine Zimmer, das mit Bücherregalen eingerichtet war und das von der ganzen Familie genutzt wurde. Die Kinder tobten hier und machten „Staub“. In den Bücherregalen standen z.B. die Werke Kants, eine alte Bibel, Theodor Storm, Lexika. Im Kleinen Zimmer hing auch ein Oelportrait von Paul Gerhard Goertz, gemalt von Frau von Seelhorst, der Schwiegermutter von Eberhard von Redecker (1907-2005), dem Inspektor von Eichmedien. Im Januar 1945 war der Leutnant Raquette in diesem Zimmer einquartiert, während seine Kompanie in der Schafscheune campierte. Im Haus wurde das Ostpreußische Wochenblatt, die Kreuzzeitung und die „Georgine“ gehalten. Im Haus gab es auch viele familiengeschichtlichen Unterlagen, Stammbäume bis mindestens ins 18.Jh. und viele vergilbte, bräunliche Fotos von Vorfahren.  Oben in der Diele hingen alte Familienphotos. (1945 verloren).

Hinter den beiden vorgenannten Zimmern, lag rechts der Diele das Eßzimmer, mit einer dezent gemusterten Tapete und modernen, stabilen Holz-Möbeln. An Sonnabenden gab es zu Mittag Erbsensuppe und am Abend Hering mit Pellkartoffeln. Hier stand das Klavier, das besonders die Gutsherrin entzückend spielte, Hausmusik wurde viel gepflegt, so erzählt Ida Laschütza: Wenn mein Vater sich mal eine Stunde ausruhen wollte, pflegte er zu meiner Mutter zu sagen: „Mamchen, spielen Sie mir auf dem Klavier etwas vor?“ Mama spielte perfekt, natürlich nur klassische Musik, Noten lagen bergeweise herum. Natürlich war es ihr Wunsch, daß Adalbert oder ich ihr nacheifern würden, was leider nicht der Fall war. Meine Versuche waren eher kläglicher Art, meine Klavierlehrerin[8] hatte ihre liebe Not mit mir. Adalbert hingegen hatte zeitweise Freude an den Tasten, gelegentlich spielte er mit Mama vierhändig. Seine Klavierlehrerin war eine Freundin der Mutter, Edith Ninke geb. Waschke (*1900 / V1993 Ottobrunn in Bayern) aus Rauschen.

Das Eßzimmer war zumeist auch das Weihnachtszimmer, wozu der Gärtner Paul Oelsner den Weihnachtsbaum brachte und dann etwas Lametta und selbstgefertigte Strohketten und -sterne angehängt wurden. Hier wurde auch Silvester gefeiert: Silvester schmückte „Fa-Fank“ das Kinderfräulein  das Eßzimmer mit Girlanden, Luftschlangen und Lampions. Papa akzeptierte es, wenn man ihm ein buntes Papierhütchen aufsetzte.

Es gab ein Meißner Service und ein blau-weißes Delfter Porzellan.

Links der Diele lag das Herren- oder Grüne Jagdzimmer. An den Wänden hingen Jagdtrophäen, so Rehgehörne und Hirschgeweihe, aber auch Bilder mit Jagdmotiven.

Links der Diele lag hinter dem Jagdzimmer der Rote Salon, der auch Hindenburg-Salon genannt wurde; da durften wir Kinder - die Wilden! - nie ohne Aufsicht hinein. Wir taten’s manchmal heimlich! Dieser Raum war bis zur Decke holzgetäfelt. Die neubarocken Sitzmöbel hatten rote Bezüge und stammten aus dem Schloß Langenau / Krs. Rosenberg, einem Besitz der Familie Hindenburg. Kristallkronleuchter. An den Wänden hing u.a. ein Stich von Goethes Gartenhaus in Weimar.

Hinter den Wohnräumen lagen die Wirtschaftsräume im alten Teil des Gutshauses. In der Küche wirtschaftete die Hausdame, zuletzt Elisabeth Frank, mit 2 - 3 Mädchen, die Gutsherrin kochte nie.

Die Speisekammer westlich  der Küche hatte nur ein kleines Ober-Fenster, war also stets im Halbdunkel; gleich links war der Lichtschalter. Regale waren bis unter die Decke, voll mit allen Vorräten, die man so hatte. Im Sommer war diese Speisekammer schön kühl. Im Backofen im langen Flur wurden jede Woche unzählige Brote gebacken – die ersten zwei Tage schmeckten sie natürlich am besten.

Im Treppenhaus links hinter der Wohndiele führte die dunkle Holztreppe mit dunkelgrün gemustertem Läufer ins Obergeschoß, sowie darunter in den Keller.

Stieg man die Treppe ins Dachgeschoß hinauf, so gelangte man zunächst auf eine große offene Diele mit alten Familienbildern .[9] Hier oben waren vor allem  über Jagdzimmer, Vordiele und Rotem Salon  die Schlafräume der Familie, sowie über dem Kleinen Salon und Kleinen Zimmer Fremdenzimmer eingerichtet. Auch gab es hier ein Bad mit WC und fließendem Wasser. Auf der oberen Diele stand auch eine Gipsstatue der Göttin Ceres (1,50 m hoch), die wohl aus dem Mobiliar von Langenau stammte.

Vor dem Elternschlafzimmer lag der Balkon auf der Ostseite des Hauses. Als wir klein waren, durften wir hier Dreirad fahren, ansonsten wurde der Balkon aber nicht genutzt.

Zwischen Elternschlafzimmer und Kinderzimmer lag das Kabinett, das war ein ganz besonderes, von uns sehr geliebtes Einzelzimmerchen und wurde oft als Krankenzimmer benutzt. Im Einbauschrank wurde hier das Spielzeug aufbewahrt. Jeder von uns Kindern hatte irgendwann die Masern, sah aus wie ein Streuselkuchen und mußte sofort isoliert werden. Das fanden wir gar nicht schlimm, denn ein Kranker wurde gehegt und gepflegt mit Leibgerichten: „Was möchtest Du denn heute zu Essen haben, mein armes Kind!“ Da nahm man auch scheußliche Medikamente, Hustensaft und heiße Milch mit Honig in Kauf. [I.L.]

Neben dem Kinderzimmer lag das Zimmer des Kindermädchens: 1934 wurde das Kinderfräulein aus Eichmedien[10] bei uns eingestellt - Frl. Elisabeth Frank (*1889 / V1982) - sie war der gute Geist in unserem Haus, und wir Kinder liebten sie alle heiß und innig. Sie kümmerte sich einfach um alles, auch um die Küche und Speiseplan für die ganze Woche, der mit Mama abgesprochen und genehmigt wurde. [...] Frl. Frank - die von den Kindern Fa-Fank genannt wurde - ging mit uns auf die Flucht, hat jedes Stück trockenes Brot mit uns geteilt, ging auch zusammen mit Mama betteln um 1 Liter Milch und vielleicht 2 Eier ... . [I.L.]

Über dem bewohnten Dachgeschoß des Neubaus lag der Dachboden, da pfiff der Wind durch, wir Kinder liebten das. Hier oben wurde im Winter und bei schlechtem Wetter Wäsche getrocknet. Auf dem Dachboden des Altbaus lag eine Räucherkammer.

Der Neubau des Hauses war unterkellert. Die Kellerdecken waren ganz gerade. Es war alles kühl und weiß getüncht. Jeden Montag war Waschtag, da kamen 2 - 3 Frauen, man hörte sie lachen und singen. Es wurde alles mit der Hand auf Waschbrettern gerubbelt mit gut riechender Kernseife und großen Waschbottichen, der Dampf stieg aus dem Kellerfenster unter dem Büro ins Freie. [I.L.]

Im alten Gutshaus lagen im Erdgeschoß Personalräume, Abstellkammern, die Küche und die Gutsverwaltung. Dieses Büro hatte eine Art Erker aus 3 ausgebauten Fenstern, außen mit Wein umrankt, und erlaubte einen guten Ausblick auf die Geschehnisse des Gutshofes.. Die sauren Weintrauben waren trotz Südseite eher „kleine Kügelchen“ und von Gaumengenuß konnte man da nicht reden. Ich denke, die Sommerhitze war zu kurz. Aber man versuchte eben alles mögliche, auch mit den Pfirsichen später, weiter rechts um das Jagdzimmerfenster - ich habe sie klein und steinhart in Erinnerung. [I.L.]  In der Abstellkammer wurden manchmal auch Eintagsküken untergebracht. Im Dachgeschoß des alten Gutshauses lag die Wohnung des Oberinspektors Anderson (Er hatte einen schwarzen scharfen Doberman „Balto“, vor dem wir alle Angst hatten). Doch wurden diese Zimmer, wenn sie einmal leer standen, im Sommer für Erntehelfer, manchmal für Einquartierung oder sonstigen unverhofften Personalbedarf genutzt. Von hier führte auch die Treppe auf den großen, dunklen, fensterlosen Dachboden, der als Abstellplatz genutzt wurde.  Auf dem Dachboden des alten Gutshausflügels gab es auch eine Räucherkammer.

 

Abschließend heißt es über das Haus: Das Haus in Powarben ist kein Schloß, es ist ein sehr schönes Wohngebäude mit vielen geräumigen Zimmern, ruhig und warm. Das einzige „Getöse“ - wie mein Vater es nannte - machte die Kleinbahn, die von Molsehnen nach Schaaken an der Ostseite des  Parks in Powarben vorbeifuhr und jedesmal ein  lautes schrilles Pfeifen von sich gab, bevor sie die Chaussee überquerte und am Stationshäuschen anhielt. Vor der Anfahrt kam der 2. Pfiff und viel Qualm und Gezische. Adalbert und ich, wir fanden das toll, sind jedesmal im Kinderzimmer aus den Betten gesprungen ans Fenster, barfuß - dafür haben wir so manchen Klapps eingesteckt: „Ihr wollt Euch wohl erkälten!“ - wir aber hatten viel Spaß daran, die Wagen zu zählen. [I.L.]

Der neue Flügel des Gutshauses, 1924 gebaut, war modern und das am angenehmsten zu bewohnende Haus von allen Gütern von Paul Gerhardt Goertz (Eichmedien, Gisbertshof, Schwetz, Powarben).

 

Technische Einrichtungen

Heiztechnik: Das neue Gutshaus hatte eine mit Koks geheizte Warmluftheizung, die im Keller stand. Durch einen Schacht kam die Heißluft in alle Räume, wo ein Gitter in der jeweiligen Wand war. Für die Zentralheizung war der Gärtner Paul Oelsner zuständig. Das alte Wohnhaus hatte Kachelöfen.

Licht/Elektrizität:  Es gab Elektrizität auf dem Gut.

Wasserversorgung: Bad, WC, Wasserleitungen waren im neuen Gutshaus vorhanden. Im Keller war der Brunnen für die Wasserversorgung. Für das Abwasser gab es nordöstlich vom Gutshaus einen stinkenden Teich, der ganz mit Entenflott bedeckt war.

Sonstiges: Es gab Radio und Volksempfänger, Telefon im Büro und eine Personalklingel mit Zimmeranzeige.

Auf dem Gut gab es keinen Eiskeller.

 

1945 ff. Bereits 1945 haben die in Powarben verbliebenen Menschen Brennmaterial aus dem Parkett des Gutshauses entnommen. Das Haus wurde außerdem in den ersten Jahren nach dem Krieg als Getreidespeicher genutzt. Das Gutshaus wurde danach durch die sowjetische Verwaltung vollständig abgetragen, heute ist an der einstigen Stelle nur ein mit Unkraut überwachsener Schutthaufen.

Das Inventar des Hauses ging der Familie Goertz 1945 vollständig verloren. Es heißt: „Wir liefen weg, wie gejagte Tiere, mußten Pferde und Wagen einfach stehen lassen für die Russen und konnten zu Fuß nur das nackte Leben retten.“

Heute wird in Powarben nur noch eine falsche Sprache gesprochen.

 

 

Quellen

(Bearbeitet von Dipl.Ing.Wulf D.Wagner, Berlin)

 

1945 wurden keine Familiendokumente, Kaufvertrag, sonstige Dokumente aus Powarben gerettet. Margarete Goertz hat um 1955 Dokumente über die Familiengüter im Archiv für Ostdeutschen Grundbesitz in Bad Ems hinterlegt, davon liegen der Familie einige Kopien vor.

Peter Goertz (1934-1992): Meine Heimat Powarben. Schulaufsatz geschrieben etwa 1948 für die Mittelschule Westerland auf der Insel Sylt. (3 masch.schrftl. S. / landwirtschaftl. Angaben)

Adalbert Goertz: Die zwölfjährige Fruchtfolge in Powarben / Kreis Königsberg und Eichmedien / Kreis Sensburg in Ostpreußen. (1 masch.schrftl. S.)

Margarete Goertz: Heimatchronik von Powarben. In: Dr. jur. Paul Gusovius: Der Landkreis Samland. Würzburg 1960. (S. 298-301)

Margarete Goertz: Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreussens. Im Internet:

  http://users.foxvalley.net/~goertz/mlk.html

Deutsches Geschlechterbuch, Band 133, S.262-268: Familiengeschichte Goertz. Limburg (C.A. Starke-Verlag) 1964.

Ida Laschütza geb. Goertz: Kindheitserinnerungen, mit Angaben zum Leben im Haus, zur Schule in Molsehnen, zum Hofleben ... . 1999. (7 masch.schrftl. S. / unveröfftl.)

 

Briefwechsel mit:

 

                Adalbert Goertz

                4293 Deerfield Hills Rd.

                Co. 80916 - 3503

                Colorado Springs

                USA

                goertz@foxvalley.net

                users.foxvalley.net/~goertz

 

                Ida Laschütza geb. Goertz

                Habichtweg 5

                79110 Freiburg / Br.

                Tel.: 0761 / 135960

 

 

                Horst  Jüsche

                Brookstraße 8

                26506 Norden

                Tel.: 04931 / 168350

                Horst.Juesche@t-online.de

                (Sohn des Inspektors)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwetz (an der Ossa)

Krs. Graudenz

 

 

(Polnisch: Swiecie nad Osa)

 

Geschichte

 

Vorgeschichte-17.Jh.

Gab es vorgeschichtliche Funde auf den Ländereien, Gräber, ...?   

 

 

18.Jh.  

 

 

19.Jh.  

 

 

20.Jh.  

Paul Gerhard Goertz (*1887 / X1945) besaß seit 1911 das Gut Schwetz.

Nach dem Ersten Weltkrieg fiel auch Schwetz durch das Versailler Diktat an Polen. Paul Gerhard Goertz wollte dem nun einsetzenden polnischen Druck auf die deutschen Grundbesitzer nicht weichen, sondern das Gut dem Deutschtum erhalten. So ließ er seinen zweitältesten Sohn Friedrich (*1916 / X1944) unter der Obhut seiner Eltern  dort aufwachsen, denn Friedrich sollte Schwetz einmal erben.

Um die Zwangssiedlung von Schwetz zu mildern, forstete er einige hundert Morgen Sandboden auf, mußte aber 400 Morgen für polnische Siedlungen gegen Obligationen, die wertlos waren, abgeben. Da er selbst unter dem polnischen Regime nicht leben wollte, kaufte er 1918 im Kreis Heiligenbeil das 1.047 ha große Gut > Arnstein, welches er seinem minderjährigen Sohn Günther (*1920 / X1943) überschrieb, denn er selbst wollte näher an Schwetz sein, weshalb er sich um die 1.050 ha große Domäne > Langenau bemühte, die im Gebiet des sogenannten kleinen Grenzverkehrs lag, so daß er im Bedarfsfall jederzeit ohne Paß- und Visum-Schwierigkeiten nach Schwetz fahren konnte.

 

Am Ende des kleinen Gartens in Schwetz lag eine kleine Ruhestätte unter schattigen Bäumen. Aus der Familie Goertz scheint zumindest Ida Goertz dort beerdigt worden zu sein. Die anderen Gräber sollen von Vorbesitzern stammen.

Während der Polenzeit hatte die Familie Goertz den Verwalter Kowalski (Vorname unbekannt) eingesetzt, der der Familie wohlgesonnen und deutschfreundlich war. Ich habe ihn sehr angenehm in Erinnerung, ein älterer väterlicher Typ, ergeben und beflissen. Seine Frau Wanda bot sich gelegentlich an, im Sommer behilflich zu sein in der Küche beim Einmachen oder so. Dagegen war da ein junger Neffe Leschinski, etwa 20-24, ein fanatischer Hitzkopf, der die Schmach des verlorenen Krieges nicht verkraften konnte.

Der ganze Stolz meines Vaters war der Anbau eines Mohnfeldes, was sehr viel Fingerspitzengefühl erforderte, besonders bei der Ernte. Ich hatte das Glück, einmal dabei sein zu können. Die Ernte begann abends und dauerte bis Mitternacht, bei Sonne und Hitze platzen die Mohnkolben auf und es geht viel verloren. Mit der Hand wurde alles vorsichtig auf einen mit Decken ausgelegten Wagen geladen und heimgefahren. Alle verfügbaren Leute saßen dann im „Mohnraum“, hatten eine Schüssel auf dem Schoß, und dann wurde der Mohn mit der Hand aus den Kolben geerntet, oben aufbrechen und ausschütten. Eine Mordsarbeit! Ich erinnere mich an den dann fertigen riesigen Mohnberg in einem gut gelüfteten Lagerraum, der jeden Tag in eine andere freie Ecke umgeschaufelt werden mußte, damit er nicht feucht wurde. Mohnöl wurde gut bezahlt.

 

Zweiter Weltkrieg: Nach der Befreiung Westpreußens 1939, bot Frau Goertz ihrer Schwester, Anna Schukat (*17.7.1901 Schmilgienen / Krs.Labiau / V7.1.1962 Neumünster / Holstein ) , an, nach Schwetz zu gehen, wo sie im Haus schalten und walten durfte.

 

Lebensangaben: Sie wollten ein bißchen aus Tante Annas Leben wissen. Sie ist ihre ganze Jugendzeit bei ihrer Mutter in Gowarten gewesen, die dort ein gemütliches Haus mit Garten und vielen Obstbäumen hatte, ein bißchen Land. Die Scheune habe ich noch in Erinnerung, ein paar Hühner – ich holte gern die Eier aus der Scheune aus den Verstecken – und eine Kuh. Als Kind war ich leider nur einmal dort und fand alles aufregend schön. Es gab viel Vanillepudding mit Kirschen. In der Küche war ein großer Kachelofen, der durch die Wand ins Schlafzimmer zur Hälfte reinragte.  Bei Oma schmeckte alles sowieso viel besser und auch sonst ... . Tante Anna hatte keine besondere Ausbildung.

 

1939 wurde nach dem Polenfeldzug Westpreußen wieder an das Deutsche Reich angegliedert und die Familie Goertz konnte wieder frei über ihr Eigentum verfügen. Bei Kriegsbeginn 1939 hatten die Polen überall die Telefonleitungen zerstört. Das Gut war ein wenig verwahrlost und am Gutshaus sah man kleine Einschußlöcher aus den Kriegstagen. Der Garten war ebenfalls ungepflegt. Es gab einen reichhaltigen Obst- und Gemüsegarten neben dem Haus, aus dem man lebte.

Nun lebte z.B. von 1941 bis zum Januar 1945 die Tochter Ida hier und besuchte die Goethe-Oberschule zu Graudenz und fuhr jeden Samstag mit der Bahn nach Lindenau, wo ich mit Pferdewagen abgeholt wurde nach Schwetz. Der Kutscher war ein Pole, der kaum deutsch sprach und ich hatte eigentlich Angst vor ihm, wollte aber nicht, daß er das merkte. Ich kann mich daran erinnern, daß an allen öffentlichen Gebäuden und in den Zugabteilen Plakate hingen mit der Aufschrift „Hier wird nur Deutsch gesprochen“. Die Züge waren immer sehr voll, besonders am Sonntag abend, wenn ich wieder nach Graudenz zurück mußte, überwiegend waren die Fahrgäste Polen, die sich auch polnisch unterhielten.

Wir – Tante Anna Schukat und Ida Goertz – waren ein Herz und eine Seele, und sie verwöhnte mich nach Strich und Faden. Sie war ein sehr fröhlicher Mensch und wir alberten viel herum, leider blieb sie unverheiratet, eventuell wegen einer leichten körperlichen Behinderung, sie hatte eine Rückgradverkrümmung und einen kleinen Buckel, was mich jedoch nie gestört hat. Mit Anna Schukat schoß Ida auf Spatzen in den Linden mit der Schrotflinte und diese brachte Ida Handarbeiten bei.

Die Kinder und jungen Erwachsenen sprachen zum Teil nur polnisch, wurden verpflichtet, in der Schule deutsch zu lernen. Die Situation war für beide Seiten durchaus nicht immer einfach.  

 

1945 ff. Was steht heute noch?

Gab es 1945 und danach Zerstörungen?  

 

Besitzgröße

Wieviele Hektar war das Gut groß?386 ha (1912)

Gab es ein Vorwerk?Nein

Eine Karte mit den Besitzgrenzen, eine Liste des toten und lebenden Inventars liegt vor.

 

 

Gutshaus

 

Baugeschichte: Das Gutshaus in Schwetz war ein eingeschossiger, heller Putzbau auf einem Souterrain. Das Krüppelwalmdach war mit Bieberschwänzen gedeckt. Der neunachsige Bau hatte zur Gartenseite einen gewaltigen dreiachsigen Mittelrisalit, das leicht aus dem Baukörper hervortrat und um ein Obergeschoß mit darüberliegendem Gebälk und flachem Frontispiz überhöht wurde. Der Mittelrisalit wurde durch Lisenen in Kolossalordnung gegliedert, im Frontispiz lag ein Halbkreisfensterchen. Vor dem Risalit lag eine Terrasse mit Pergola als Brüstung.

Die Hofseite hatte keine Oberstube und keine Dachgauben. Die Fensterrahmen waren dunkel.

Um das Haus standen Linden an der Gartenseite und eine alte Kastanie an der Hofseite.

 

Räume/Einrichtung: Über die gartenseitige Terrasse betrat man durch die Haustür die Diele, die durch das gesamte Haus reichte und am anderen Ende nur durch einen kleinen Eingangsbereich abgetrennt war. Die dunkelbraune Treppe mit gemustertem Läufer führte in das Dach.

Rechts der Diele lagen hintereinander drei Räume: Salon, Wohnzimmer und Büro.

Der dreifenstrige Salon war die Gute Stube. Hier stand ein Klavier, das von Margarete Goertz gespielt wurde. Es gab hier auch bessere Möbelstücke, Polstermöbel hellseidig gemustert. Der Kachelofen war hell glänzend und etwas verschnörkelt. Die Türen waren innen hell lackiert.

Das Wohnzimmer wurde täglich genutzt.

 

Die Fußböden im ganzen Haus waren alte dunkelbraune Holzdielen, auf Hochglanz gebohnert, aber sie knarrten fürchterlich, leise schleichen war undenkbar.

Das Büro war winzig klein und vollgestopft, so daß von den Wänden nichts zu sehen war. Ein Fenster zur Hof- und Nordostseite, davor ein Schreibtisch mit einer Schreibmaschine – Tante Anna hatte hier ihr Reich. Telefon war auch hier.

 

Links der Diele lag das Eßzimmer. Die Stühle und sonstigen Möbel des Eßzimmers waren sehr schlicht und einfach, kein besonderer Luxus, einfache Petroleum-Lampen, die aufgepumpt wurden. Es gab eine Wanduhr.

Die Küche war im Keller und hatte  einen Steinboden und weiß getünchte Wände.

Vom Eßzimmer führte eine braune Tür zur Anrichte. Da die Küche im Keller war, mußte alles mit einem Handaufzug (80 x 60 cm) rauf- und runtergelassen werden. Damit nichts herausfiel, konnte man den Aufzug mit einer einfachen Schiebetür verschließen. Ich fand diesen Aufzug natürlich genial und toll! Man konnte sich auch durch Rufen nach unten oder oben verständigen. In der Anrichte stand ein einfacher Tisch zum Abstellen und ein weiterer zusätzlicher Schrank für Geschirr.

Auf der Hofseite lag die Wohnung der Verwalterfamilie Kowalski, ein Eingangsflur, das Gutsbüro und das Wohnzimmer.

Im Dachgeschoß lagen die Schlafräume.

Über dem Dachgeschoß gab es noch einen Dachspitzboden, den man aber eigentlich nicht nutzen konnte.

Das Haus wird als sehr gemütlich beschrieben.

In der Küche wirkte die Deutschpolin Marta und als Küchenmädchen die Polin Jalina. Eine kleine lustige Begebenheit: Unsere Köchin Marta konnte ein bißchen deutsch und kochte ganz hervorragend. Eines Tages wollte sie uns zusammenrufen zum essen, sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer, lächelte uns an und sagte: „Bitte komm, Essen fressen!“ Wir fanden das alle so herrlich originell, daß wir diese Redewendung auch unter uns weiter haben.

 

Gab es im Haus alte Biedermeiermöbel? Nein

gab es: Kristallkronleuchter? Nein

Standuhren? Wohl nur Eine

Ausgestopfte Tiere? Nein

Rehgehörne? Nein

Irgendwelche Besonderheiten? Im Keller war eine Badewanne, wo manchmal Aale aus der Ossa vor dem Verbrauch gehalten wurden, die SEHR glatt waren und nicht zu halten waren.

Gerne können Sie weiteres zum Haus aufschreiben.

 

Im Dach lagen die Schlafräume. Es gab keinen genutzten Dachspitzboden über den Räumen.

 

 

Gab es einen Keller? Ja, wie oben gesagt.

 

Das Haus war schlicht und einfach eingerichtet.

Die Fußböden waren aus dunkelbraunen  Dielen, die stets blank gebohnert wurden, im Eßzimmer knarrten sie.

 

Technische Einrichtungen

Heiztechnik: Geheizt wurde mit Holz in Kachelöfen, nachts kühlte alles aus und man mußte sich mit manchen Dingen einschränken., Innenläden gab es nicht.

Licht/Elektrizität: Bis 1945 gab es keine Elektrizität auf dem Gut, sondern Petroleumlampen.

Wasserversorgung:   Heißes Wasser mußte auf dem Herd in der Küche erzeugt werden. Fließendes Wasser gab es wohl in der Küche mittels einer Handpumpe.

Sonstiges: Telefon und Radio waren vorhanden.

 

1945 ff. Ob das Haus heute noch steht, ist ungeklärt. Tante Anna kam 1945 noch zur Beerdigung der Großmutter nach Powarben. Da sie von dort zur Flucht aufbrach, und Schwetz nicht mehr sah, muß das gesamte Inventar als verloren gelten.

 

 

Quellen

(Bearbeitet von Dipl.Ing.Wulf D.Wagner, Berlin)

 

Eine Gutschronik gibt es nicht.

Margarete Goertz: Erinnerungen. 1979. (Manuskript)

 

Briefwechsel mit:

 

                Ida Laschütza geb. Goertz

                Habichtweg 5

                79110 Freiburg

                Tel.: 0761 / 135960

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Powarben wird po-WAR-ben gesprochen.

[2] Das Gut Schwetz war seit 1911 im Besitz von Paul Gerhard Goertz und konnte auch über die Zwischenkriegszeit im Besitz der Familie bleiben. Verwalter wurde der Pole Kowalski, der sehr deutschfreundlich und der Familie Goertz wohlgesonnen war. Da die Familie Goertz nicht nach Polen reisen durfte, konnte nur Paul Gerhard Goertz manchmal mit Einreisevisum ab und zu nach Schwetz fahren, um nach dem Rechten zu sehen und Anweisungen zu geben. Nach dem Polenfeldzug und dem Wiederanschluß Westpreußens 1939 an das Reich hütete eine Schwester der Mutter, Anna Schukat, das Gutshaus Schwetz.

[3] Margarete Goertz: Powarben. In: Dr. Hans Bloech (Hrsg.): Ostpreußische Rinder und ihre Zuchtstätten. Köln 1974.

[4] Zum Gutshof liegt eine 1999 gezeichnete Skizze von Ida Laschütza geb. Goertz vor, auf der diese Gebäude eingetragen sind.

[5] Dies geschah, um Gut Arnstein verkaufen zu können, was die Zustimmung der Mutter erforderte.

[6] Sie hatte in dem kleinen Dorf ein kleines Häuschen (massiv) und eine Scheune mit Hühnerstall und viele Kirschenbäume. Hier wohnte auch manchmal der Sohn Siegfried Schukat, der schon ein Auto hatte. Großmutter machte viel Saft und Marmelade und für uns Kinder Vanillepudding mit Kirschen. Wir waren immer nur zu etwa zwei Tagen zu Besuch.

[7] Die Jahreszahl war in einen Eckstein eingeprägt.

 

[8] In der Sexta wohnte Ida Goertz bei einer Familie Zimmermann in Königsberg, Stadtteil Hufen, Straußstraße. 1941 kam sie nach Graudenz, bis Ende 1944, hier war ihre Klavierlehrerin Hedwig Schmadalla.

[9] Im Plan konnte folgendes nicht mehr richtig dargestellt werden: Das obere Treppengeländer endete genau an der Türe des WCs. Zwischen Treppengeländer und Wand des Wohnzimmers des Oberinspektors war nur soviel Platz, wie ein kleines Mädchen mit ausgestreckten Armen lang ist.

[10] Sie war vor Powarben bis 1930 Kinderfräulein bei Familie von Redecker auf Eichmedien.

powarben.jpg
Gutshaus Powarben, Kreis Samland, Ostseite. 2000 nur noch ein Schutthaufen. powarben.jpg
not.jpg
Notgeld/Wertmarke um 1922-1923, Messing, Durchmesser 20.9 mm (= 1 Centner Roggen)

Eichmedien, Kr.Sensburg, SO von Rastenburg.
Schwetz an der Ossa, Kr.Graudenz.

Schwetz an der Ossa, Kreis Graudenz, Westpr., Gutshaus, Gartenseite-West
pggoertz.jpg
Paul Gerhard & Margarete Goertz, Powarben, Ostpr. (1943)