(Russisch heute: Stepnoje, d.h.wohl
Steppendorf)
Gutshaus Powarben, Zeichnung.Geschichte
Gründung-18.Jh. Die Geschichte Powarbens[1] geht auf eine
Ordensgründung zurück, doch liegen bisher kaum Angaben über die Vorgeschichte
des Gutes bis zum 19. Jh. vor.
1575 besaß die Familie von Hausen, ein schwäbisches
Reichritterschaftgeschlecht, Powarben.
Powarben war 1785 ein adeliges Gut des
Feuer-Societät-Direktors Carl Jacob von Buddenbrock. Das Gut war
damals 16.500 Rtlr. wert.
19.Jh. Rittergutsbesitzer von Powarben war
bis um die Mitte des 19. Jh. die Familie Schneider: Joseph Schneider (*19.12.1768
/ V22.4.1826 Powarben),
Sohn eines Kaufmanns aus Königsberg, war seit dem 16.10.1792 mit Karoline
Justine Rund (*......1772 Königsberg / V13.4.1853 Powarben) verheiratet. Von den Kindern übernahm
keines das Gut.
Um 1890/91 war das Gut an Leopold Heidenreich (*1855
Grumbkowkaiten / V1902 Königsberg /
Foto vorh.) verpachtet. Mit seiner Frau Bertha Schulte-Heuthaus hatte er zwei
Söhne, die auf Adl.Powarben geboren wurden.
--
Um 1900 erwarb Leopold Heidenreich als eigenes Gut > Adlig Sawadden / Krs. Lyck.
20.Jh.
Zu Beginn des 20.Jh. war Powarben im
Besitz der Familie Bruhn. Diese
errichtete 1922-1924 ein neues Gutshaus, von dem man sagte, es hätte ein
Vermögen gekostet und zum Ruin der Familie Bruhn geführt.
Aus der Zwangsversteigerung nach 1924
erwarb die Treuhandstelle für Umschuldungskredite Königsberg
("Ostpreußenhilfe") das Gut und ließ es durch einen Verwalter
bewirtschaften.
Von 1929 bis 1945 war Karl Jüsche
(* Russland 14.9.1902, 1916 nach Ostpreussen geflüchtet, 1919-1935
Gespannführer, 1935-1942 Kämmerer, 1942-1945 Inspektor in
Powarben, erst 1947 konnte er Powarben mit seiner Familie verlassen, +
Lengnich 27.9.1996) in Powarben
angestellt.
Am 5.8.1930 erwarb der Mennonit Paul Gerhard
Goertz (*20.7.1887 Tannenrode / Krs.Graudenz / X5.5.1945 Löwenhagen bei Königsberg /
Foto vorh.), der deshalb sein Gut Arnstein / Krs. Heiligenbeil 1934 verkaufen
mußte, das Gut Powarben.
Lebensangaben: Er besuchte die
Realschule in Graudenz, danach studierte er ein Semester Landwirtschaft in
Berlin. Er erwarb 1911 das Gut > Schwetz[2] / Krs.
Graudenz, 1918-1934 besaß er das
Rittergut > Arnstein mit den Vorwerken Mühlenhof und Milchbude, seit 1920
war er Generalbevollmächtigter der Helene von Hindenburg, 1922 - 1933
Domänenpächter zu Langenau mit Alt- und Neuvorwerk / Krs. Rosenberg. Er erwarb
1930 das Rittergut > Eichmedien mit Vorwerk Sprind von Friedrich Gisbert
Hans Ferdinand von Redecker und im Februar 1931 auch das Vorwerk Gisbertshof /
Krs.Sensburg.
Er heiratete in 1.Ehe am 6.7.1911 in
Danzig Grete Marie Luise Wadehn (*8.11.1890 Groß Mausdorf / Krs.Elbing / V21.10.1941 Gumbinnen), die Ehe wurde am
31.3.1925 geschieden. Kinder aus
erster Ehe: Eva Maria (*1912 Gut Schwetz), Johannes (*1914 / V1930 Königsberg, ertrunken), Friedrich
(*1916 / X7.2.1944 Melchowiki /
Rußland), Vera (*1918), Günther (*1920 Arnstein / X11.1.1943 Wolchow) und Otto (*1923 Königsberg / X 5.10.1942 Wolchow).
In Wesensart und Charakter soll ich meinem Vater sehr
ähnlich gewesen sein. Für mich pflückte er die dicksten ersten Erdbeeren und
steckte mir auch sonst gelegentlich eine kleine Besonderheit zu. Meine Mutter
redete er beispielsweise mit „Sie“ an, manche belächelten das natürlich, aber
das war eben seine besondere Art der Verehrung. Was aber noch unglaublicher
klingen mag, mich redete er ebenfalls mit „Sie“ und „Fräulein Ida“ an. [I.L.] Über die
Erziehung der Kinder erzählt die Tochter Ida, daß der Vater nie geschlagen hat,
sondern immer gut überlegte Straf- bzw. Erziehungsmethoden anwandte,
z.B.: Als
der Sohn Jan die Blumen, die der Gärnter gerade neu im Rondell vor dem Haus
angepflanzt hatte, mit einem Stock abschlug, ließ der Vater ihn alle Blumen
neupflanzen.
Paul Gerhard Goertz hat verschiedene
Aufsätze für das Wochenblatt der Landesbauernschaft Ostpreußen „Georgine“
geschrieben: „Entscheidend ist die Stellung in der Fruchtfolge“ (Jg. 120, Nr. 2
vom 9.1.1943, S. 22), „Meine
Erfolge im Rübsenanbau in den letzten Jahren“ (Jg. 120, Nr. 31 vom 31.7.1943,
S. 373).
Paul Gerhard Goertz war seit dem
16.6.1927 in 2.Ehe mit Margarete Schukat (*31.3.1900 Schattern
/ Krs. Memel / V14.2.1996 Thunder Bay
/ Ontario / Canada / Foto vorh.) verheiratet. Kinder der 2. Ehe waren: Adalbert
(*1928), Ida (*1930), Peter (*1934 / V1992) und Johann
(*1935).
Lebensangaben: Von 1909 bis 1916
besuchte Margarete Johanne Julie Schukat das Lyceum von Frankenberg und
Proschlitz in Königsberg, Prinzenstraße 8; Lyzeumsreife: Oktober 1916. Gleichzeitig
besuchte sie das Emil Kühnsche Konservatorium für Musik in Königsberg,
Französische Straße, sowie vom 16.1.1925 bis 19.7.1925 das Konservatorium in
Leipzig. Sie studierte Klavier, offenbar bei Nelly Lutz. Später war sie für ein
Jahr Haustochter in einem Gutshaushalt , um Hauswirtschaft zu lernen.
Margarete Goertz schrieb über den Kauf
des Gutes: Wir
hörten von Powarben zum erstenmal durch eine Zeitungsannonce des Gütermaklers
Broszeit aus Königsberg, in welcher er ein „Schulgut“ in der Nähe von Königsberg
anbot. Da wir wegen des Schulbesuchs unserer Kinder an der Lage interessiert
waren, besichtigten wir das Gut. Als die Familie Goertz nach
Powarben zog, war das Gut in traurigem Zustand, es heißt[3], daß nicht einmal
ein Schlachtschwein für den Haushalt vorhanden war. Die an sich sehr hübsch
gelegenen sechs Arbeiterhäuser mit 22 Wohnungen waren naß und versanken. Die
Wege waren grundlos; es ereignete sich z.B. daß der täglich zur Molkerei Görken
vorbeifahrende Milchkutscher vom benachbarten Ginthieden sich am Powarber
Gartenzaun auf dem grundlosen Weg das Genick brach und zu Tode kam. Die Rinder
hatten von den versauerten Dauerweiden alle Lungenwürmer und Weißblütigkeit und
gingen täglich ein bzw. wurden an den Schlächter verkauft. Paul Gerhard Goertz
hatte also sehr viel zu tun, um da Grund zu schaffen. Es waren keine Einnahmen,
die Leute zu löhnen; man hatte sich damit geholfen, ihnen Naturalien zu
überlassen. Die Felder standen im Herbst unter Wasser, die Getreidefelder
trugen mehr Unkraut als Getreidehalme, so daß der Aufwand für den Drusch nicht
lohnte. Es wurde ab 1930 systematisch die ganze alte versunkene Drainage auf
334 ha ausgegraben und neugelegt, neue Flächen in Größe von 55 ha wurden neu
drainiert, ein Kanal von 750 m gegraben, 5.200 laufende Meter Vorflut wurden
verbreitert und vertieft. An dieser Vorflut hing das ganze Wohlergehen dieser
Wirtschaft. Da das Gelände sehr flach über dem Meeresspiegel lag, so daß nur
ein sehr geringes Gefälle vorhanden war, mußte sehr genau mit jedem Zentimeter Gefälle
gerechnet werden, um einen Erfolg zu erzielen, wenn die Entwässerung
funktionieren sollte. Es wurde ein ständiger Drainierer, Gustav Geduhn,
beschäftigt; er hatte stets ein bis zwei Hilfskräfte. An der Westseite, in der
Nähe des 4,5 ha großen Waldes, war ein zerrissenes, mit Erlengestrüpp
durchsetztes Stück Gelände, das eigentlich zu nichts zu gebrauchen war. Mit
unvorstellbarer Geduld und Zähigkeit ließ Paul Gerhard Goertz die Erlenbüsche
roden. Die Wurzeln wurden mit Dynamit gesprengt, mit Ketten umschnürt und mit
Pferden herausgezogen, unentwegt Stück für Stück, anschließend drainiert, dann
gegrubbert und Hafer eingesät. Nach zwei Jahren war es Kulturland. Morgen um
Morgen wurde den angrenzenden Ackerschlägen zugeteilt und niemand wußte mehr,
wie es vorher ausgesehen hatte, wenn es so schön sauber bestellt dalag, und
welche schwere Pionierarbeit hier geleistet worden war, um einige Hektar Acker
zu gewinnen und nutzbar zu machen. Mein Vater wirtschaftete anders als seine Nachbarn,
weil er aus dem Kreis Graudenz in Westpreußen stammte. Er hielt von Dauerweiden
nichts. Er pflügte diese um, drainierte sie und beackerte sie dann. Auf den
alten Melkplätzen der Weiden baute er zuerst Weißkohl an, dessen Köpfe doppelt
so groß waren wie die gewöhnlichen Kohlköpfe. Der Kohl wurde nach Königsberg
verkauft und erregte dort Aufsehen. Ebenfalls wuchs auf diesen Melkplätzen
Kohlrabi mit bis zu sieben Köpfen, welche butterweich waren. [...] Außerdem
baute mein Vater Flachs und Hanf an. Ein herrlicher Anblick war das Flachsfeld
in der Blütezeit. Die Blüten hatten eine himmelblaue Farbe. Wenn es etwas kühl
war und die Sonne oft durch die Wolken verdeckt wurden, schlossen sich die
Blüten halb. Dann wurde das Blau etwas matter. Schien aber die Sonne intensiver
auf das Feld hinab, so öffneten sich die Blütten, und das Feld erstrahlte in
einem leuchtenden Blau. Das war sehr selten der Fall, so daß mein Vater extra
kam, um uns zu holen, damit wir „das blaue Meer“ ansehen sollten.
[...] Wir
hatten nicht nur ein „blaues Meer“ in Powarben, sondern auch ein „gelbes Meer“.
Das waren unsere Raps- und Rübsenfelder in der Blüte. Solange der Raps blühte,
fuhren wir sonntags an das „gelbe Meer“ und machten dort Picknick.
[A.G.]
Alle Arbeiterhäuser wurden ringsherum
drainiert, Dachtraufen angebracht und durch Umbau im Innern vergrößert. Der
Wohnraum bestand vor dem Umbau aus einer Stube, einem Flur und einer
unheizbaren Kammer. Durch den Anbau eines Flures mit Treppenaufgang zu einer
neu ausgebauten Oberstube wurden die Wohnungen vergrößert. In einem weiteren
Gebäude, das zuvor der Unterbringung lediger Arbeiter gedient hatte, wurden
durch An- und Umbau 3-Familien-Wohnungen und ein Gemeinschaftsraum von 60 qm
geschaffen. Paul Gerhard Goertz war sich immer bewusst, daß er wirtschaftlich von
seinen „Leuten“, den Arbeitern (Deputanten und Instleuten) und Angestellten
(Beamten) abhängig und auf deren guten Willen angewiesen war. Es war damals
keine Geldwirtschaft in heutigem Sinne. Geld war knapp in der Landwirtschaft
seit der Geldreform von 1924. Die Deputanten erhielten frei Wohnung, sehr knapp
bemessen für die z.T. grossen Familien, sowie das Deputat, d.h. Getreide, ein
oder zwei Kühe, die im „Leutekuhstall“ untergebracht waren, Garten- und
Weideland, dazu etwas Geld. Um seine „Leute“ zu motivieren, schuf er für einige
von ihnen Titel, die ich sonst nirgends gehört habe, und redete sie
entsprechend an: Schweinemeister Albert Dereschkewitz (*30.2.1914),
Maurermeister Karl Ehlert (*1885), Schmiedemeister Otto Franz (*1884),
Drainagemeister Gustav Geduhn (*1896), Schweizermeister Paul Schedwill (*1913),
Stellmachermeister Karl Schulz (*1914), Pflastermeister Zink, Gärtnermeister
Paul Oelsner. Jeder dieser Leute hatte seinen Meistertitel nicht vor einer
staatlichen Stelle erworben, sondern in der Betriebspraxis von Powarben. Die
Entwässerung etwa im flachen Powarber Land hing entscheidend davon ab, wie gut
Gustav Geduhn mit seiner Mannschaft das Gefälle „meistern“ und die Gräben von
Verkrautung freihalten konnte. Sie entschied über Ernte oder Versumpfung.
Eine Scheune wurde als Schafstall
umgebaut und der ehemalige Schafstall als Schweinestall.[4] Es wurde auch eine
Scheune und ein Kartoffelsilo neu gebaut. Sämtliche umgebaute Wohnungen wurden
an das Stromnetz angeschlossen. Die Stromversorgung machte es erforderlich, daß
ein zweiter Transformator gebaut werden mußte. Es wurden zwischen 1936 und 1940
4.800 qm Straßen gepflastert, u.a. der Weg vom Kleinbahnhof Powarben nördlich
zwischen Kleinbahn und Parkostseite Richtung Ginthieden. In welchem Jahr genau der Hof in
Powarben gepflastert wurde, kann ich nicht sagen, etwa 1935/36, und zwar rundum
von der Chaussee kommend an allen Stallgebäuden und Scheunen entlang, um den
neuen Gemüsegarten herum, am Hühnerstall und Jüsches Haus vorbei [...],
auch in
der Mitte um die Schmiede herum. Diese Arbeiten wurden weitgehend
mit den gutseigenen Arbeitern durchgeführt. Schlimme Zeiten brachen an, wenn es tagelang regnete,
da ist man im Dreck stecken geblieben und konnte ohne Gummistiefel nicht
hinaus. Zwischen 1939/42 wurde mit eigenen Leuten unter Leitung des
Pflastermeisters Zink der gesamte Hof rundum mit Kopfsteinpflaster versehen, es
begannen bessere Zeiten. Auch der Abgang
mit leichtem Gefälle in den Dorfteich auf dem Hof wurde mit Steinen
versehen, weil die Pferde manchmal ausgerutscht sind und dort nach der
Feldarbeit trinken wollten. Besonders das Herauskommen war manchmal schwierig.
Am Hofteich wurde ein zweiter Gemüsegarten angelegt.
Mein Vater sagte manchmal: „Ich muß doch die Städter alle
satt machen!“, gemeint hat er die Königsberger, die sich ihr Brot im Laden
kaufen mußten. Vom Frühjahr bis zum Schluß der Erntezeit stand er gegen 4 Uhr
morgens auf, um über seine Felder zu gehen, das Wetter stets im Auge. im
Frühjahr brauchte er den Regen, zum ernten betete er um trockene Erntezeit. Im Garten
stand ein Regenmeßgerät mit Millimetereinteilung, da hat er immer nachgeschaut.
Eigentlich war er mit dem Klima in Ostpreußen ganz zufrieden. [...] Vater hatte
einen sehr starken Lebensmotor und war der geborene Landwirt. Stets mit seinen
Produkten aus seinen Feldern und seinem Nutzvieh beschäftigt. Die
Milchwirtschaft war ihm sehr wichtig - und eine tägliche Geldeinnahme, aber
auch die große Schafherde (Merinoschafe). In den letzten Jahren hatten wir
außergewöhnlich viele Schimmel und auch Apfelschimmel. Mein Vater war so
begeistert, daß er sich vorgenommen hat, gezielt Schimmel zu züchten und -
dies nur zum Spaß - den Namen Powarben in „Schimmelgard“ umzutaufen.
Leider konnte er sich diesen Wunsch nicht mehr erfüllen, weil der Krieg alles
zunichte machte. [I.L.]
1934 wurde das Gut auf den Sohn aus der 1. Ehe von Paul Gerhard
Goertz, Günther Paul Goertz (*14.8.1920 Arnstein / X11.1.1943 am Wolchow), der jedoch bei seiner Mutter in Königsberg
lebte und selber nur zu Ferien aus der Mennonitenschule Weierhof / Pfalz in
Powarben war, eingetragen.[5]
Letzter Inspektor war Karl Jüsche .
(* 14.9.1902 in Russland. Vorfahren aus Schlesien. 1916 nach Ostpreussen
geflüchtet. 1929 in Powarben geheiratet und dort
bis etwa 1935 als Gespannführer, bis 1942 als Kämmerer
gearbeitet. Als Inspektor Anderson (aus
Schweden) fristlos entlassen
wurde, wurde er Betriebsleiter. Auf der Flucht 1945 wurde er in Nodems im westlichen Samland
eingezogen und war 2 Monate Soldat und 4 Jahre in
Kriegsgefangenschaft. Von 1949 bis
1958 lebte er mit seiner Frau in
Ostfriesland, dann in Köln.
Seinen Lebensabend verbrachte er bei seinem Sohn Lothar in Lengerich und starb
dort am 27.9.1996)
Zweiter Weltkrieg: Am 1.9.1939, als die Führer-Rede zum
Polenfeldzug angekündigt war, versammelten sich alle Bewohner des Hauses im
Jagdzimmer - alle schwiegen und einige weinten heimlich.
Alle drei Söhne aus 1.Ehe, die sich
freiwillig gemeldet hatten, fielen im Krieg: Am 5.10.1942 fiel Otto Goertz am
Wolchow in Rußland, am 11.1.1943 fiel Günther Goertz am Wolchow. Der dritte
Sohn Friedrich (Fritz), der als fröhlicher Mensch beschrieben wird, war einmal
für eine Woche in Powarben auf Fronturlaub, bevor er am 7.2.1944 bei Melchowiki
in Rußland fiel.
Da der größte Teil der jungen Männer
eingezogen wurde, erhielt das Gut polnische und russische Kriegsgefangene,
wobei aber genauere Angaben noch nicht vorliegen. So schreibt Adalbert
Goertz: Wir hatten um 1940-1941 Franzosen als
Kriegsgefangene in Powarben. Ich erinnere mich an meinen Bruder Otto, der in
den Ferien vom Weierhof zuhause war und mit einem Langenscheidt bewaffnet sie
zu befragen suchte. Wir hatten
auch um 1942 oder 1943 polnische
Arbeiter von unserem Gut Schwetz, die im Herbst halfen die Zuckerrüben
einzubringen, weil unsere Arbeiter in Powarben das nicht allein schafften bzw.
alle jungen Arbeiter eingezogen waren. ,
Seine Schwester Ida erinnert sich, daß
zumindest während der Ernte 1944 Russen in Powarben waren: Diese waren nur in den Sommer- und
Erntemonaten auf Anforderung bei uns. Es muß in meinen Sommerferien 1944 gewesen
sein, da erlebte ich sie in Powarben. Es waren etwa 12 - 14, sie
wurden im Doppelhaus von Kämmerer Karl Jüsche und Kutscher Reuter auf
Strohsäcken untergebracht, da war eine ganze Wohnung frei, die Fenster waren
von außen mit Eisengittern versehen, nachts wurden sie eingeschlossen. Ein
älterer Soldat bewachte sie, aber jeder hatte vor jedem Angst. Man hörte von
Ausbrüchen einzelner, die einfach vom Feld in den Wald verschwanden und sich
dort versteckten, nie gefunden wurden. Sie bekamen bei uns gut und reichlich zu
Essen, was sie auch bestätigt haben, und wurden gut behandelt. 1 oder 2 von
ihnen konnten sogar deutsch. Dennoch sie freuten sich über jeden Luftangriff auf
Königsberg. [I.L.]
Horst Jüsche schreibt: An
Kriegsgefangenen waren zuerst
Polen (1940?), dann Franzosen (1940-1941?), dann Italiener (1943?), zuletzt
Russen (1944-1945) da. Die Polen blieben als Zivilarbeiter, als sie aus dem Lager
entlassen wurden. Auch waren weibliche Fremdarbeiter in Powarben.
Am 15.1.1945 starb in Powarben die
Mutter der Gutsfrau, Johanne Friederike Luise Schukat geb. Pichler, die 1944
aus Gowarten bei Skaisgirren (nach 1938 Kreuzingen)[6] geflüchtet war; sie wurde in Schaaken
beerdigt.
Am 26.1.1945 mußte die Gutsbevölkerung
den Hof verlassen. Konradswalde brennt. Familien auf dem Treck: Karl
Jüsche (Inspektor), Gehrau (Kämmerer), Zink (Pflastermeister), Springer,
Ehlert, Wagner, Franz (zuletzt auf Hela gesehen), Rauschning, Petersen, Samland,
Grohnert, Geduhn, Dunker (nach 1945 in Canada), Alex, Schedwill, Oelsner,
Wiese, Münsterberg. Russen 3 km von Powarben, keine Hauptkampflinie. Wehrmacht
auf Rückzug. Alle Powarbener können abfahren. Treck fährt über Trömpau, Schaaken,
Powunden, Rudau, Grünhoff, nach Thierenberg, Germau. Treck wird von Russen überrascht
in Tenkitten bei Germau nachts am 12.2.1945. Plünderung durch die Russen.
Pferde werden weggenommen. 24 Stunden unter den Russen. Schmuck und Uhren
werden abgenommen. Deutsche Gegenoffensive am 15.2.1945. Russen geben alte
Pferde mit Befehl, nach Powarben zurückzufahren. Treck weiter nach Groß
Thierenberg, Heiligenkreuz, Rauschen. Paul G. Goertz muß zum Memeler Volkssturm
in Rauschen. Treck weiter nach Nodems bei Palmnicken, bleibt 12 Wochen im
Samland. Habseligkeiten alle geplündert. [Willi Grohnert, Lübeck,
Brief vom 5.11.1945] Das Schicksal der Menschen ist verschieden; einige Leute
kehrten zurück und sind dort elend verhungert. Es sollen 40 Leute im Park
verscharrt sein. Einige andere kamen rechtzeitig heraus. Unterwegs gerieten wir dann aber
zwischen die Fronten, überall wurde geschossen und die Tiefflieger
bombardierten uns. Wir mußten alles stehen und liegen lassen. Kleine Kinder
gingen verloren, die Menschen irrten in der Kälte umher auf der Flucht und
wußten nicht mehr, welche Richtung sie gehen sollten. Das Chaos und die Panik
unter der Zivilbevölkerung kann niemand in Worte fassen. Wir beschlossen sehr
bald, uns bei Dunkelheit in Richtung Küste zu bewegen, da waren wir wenigstens vor
den Tieffliegern sicher. Der Schnee auf den Feldern spendete etwas Helligkeit.
Eine Mutter trug ihr Baby in einer Decke im Arm und hatte nichts zu essen. Es
starb vor Hunger und Kälte, aber sie wollte sich nicht davon trennen. Dann
legte sie es in den Graben und deckte es mit Schnee zu, sie war allein und
wirkte völlig verwirrt. Nur sehr wenige waren noch im Besitz von 2 Pferden mit
einem vollen Wagen. Man fragte ständig: „Von wo kommt Ihr - und wo sollen wir
weitergehen?“ Ich selbst hatte Erfrierungen an den Füßen und Händen und im
Gesicht. Mein Bruder Peter war noch schlimmer dran, er mußte oft getragen
werden. Ich habe zwei alte Menschen gesehen, zu Fuß unterwegs, ohne Gepäck, am
Ende ihrer Kraft, sie haben sich untergehakt hingesetzt gegen einen Baum gelehnt
und sind kurz danach erfroren, wurden in Sitzstellung weggetragen. Zeitweise
habe ich mich mit dem Gürtel von meinem Mantel an ein Familienmitglied
angebunden, damit ich nicht verloren ging, durch ausrutschen, hinfallen oder im
Massengedränge weggedrückt wurde. ... [I.L.]
Margarete Goertz mit den Kindern Ida,
Peter, Johann, der Schwester Anna Schukat, der Hausdame Elisabeth Frank
verließen den Treck noch bevor dieser unter die Russen geriet. Wie durch
ein Wunder sind wir dann wirklich alle nach Pillau gelangt. So viele Menschen,
wie dort im Hafen, habe ich noch nie gesehen. Es war ganz wichtig sich
festzuhalten, noch besser aneinander zu binden – das war meine Idee, Mama lobte
mich dafür. In Pillau lag auch die „Wilhelm Gustloff“ vor Anker.
Doch die Familie kam nicht mehr auf dieses Schiff – glücklicherweise. Mit dem
kleinen Dampfer Undine gelangten wir am gleichen Tag zur Danziger Bucht nach
Gotenhafen - dort Landung am 11.2.1945. Dort war ein provisorisches Lager in einer riesigen
Halle vorbereitet mit Matratzen auf der Erde. Es war sehr kalt, unser Platz war
ganz vorne am Wasser und wir hatten einen Blick auf alles. Die Schiffe kamen
von allen Seiten, aus dem Westen beladen mit Kriegsmaterial und Soldaten für
die Front. Die „Kettenhunde“ (Wehrmachtspolizei) waren überall zum aufpassen
wegen Sabotage, und dann lief auch die Gustloff ein, da viele auch aussteigen
wollten, weil sie in der Nähe Verwandte hatten und dort unterkommen wollten.
Andere dagegen wollten wieder mitgenommen werden und auf dem Seeweg weiter nach
Westen. Mit der Eisenbahn ging es nach Pommern, d.h. mit einem Güterzug im Viehwagen.
Es war bitterkalt auf dem Fußboden einer neben dem anderen. Manchmal waren wir
stundenlang irgendwo auf einem Nebengleis abgestellt, auf freier Strecke. Keiner
konnte uns sagen, wo wir uns befanden. Parolen jagten sich und die Ungewißheit
zerrte an den Nerven. Manchmal hörte man einen entgegenkommenden langen Zug,
durch kleine Luftlöcher konnte man erkennen, daß es sich um
Wehrmachtstransporte handelte, die für die Ostfront bestimmt waren, auch diese
wurden von mitfahrenden „Kettenhunden“ streng bewacht. Irgendwo in einem mir
unbekannten kleinen Ort wurde unser Zug wieder gestoppt, die Türen von außen
aufgeschoben und es hieß „nebenan auf dem Gleis steht ein von der Wehrmacht
verlassener Lazarettzug, der nicht mehr gebraucht wird, die Flüchtlinge könnten
sich nehmen, was sie wollen“. Sie können sich nicht vorstellen, was da los war!
Das Aussteigen aus den Güterwagen ohne Stufe etwa über einen Meter war äußerst schwierig,
alle sprangen hinunter, taumelten, fielen hin, aber jeder wollte der Erste
sein. Meine Mutter – die kleine Person – kletterte auch aus dem Waggon und
stürmte mit allen anderen den Lazarettzug. Man konnte schlichtweg alles
gebrauchen und meine Mutter raffte alles an sich, was sie nur tragen konnte:
Handtücher, Verbandszeug, Schere, kleine Schüsseln etc. Alles waren
Kostbarkeiten und in kurzer Zeit hatten die Flüchtlinge den Lazarettzug
leergeräumt. Nach langer Wartezeit ging es endlich weiter, aber die
Ernüchterung kam ziemlich schnell. Irgendwo wurden wir wieder gestoppt und es
hieß „Alles aussteigen und in den anderen Zug umsteigen!“ Der andere Zug war
diesmal keine geschlossenen Güterwagen, sondern offene halbhohe Loren. Man
hatte etwas Stroh auf den Boden gelegt, Niemand kann sich vorstellen, wie alle
in der eisigen Kälte gelitten haben. Dann fing es auch noch zu schneien an.
Manche versuchten, auf der Stelle zu treten und Beine und Arme zu bewegen – die
nicht vorhandenen Toiletten erwähne ich nicht. Alles war menschenunwürdig. Ich
habe alte Männer gesehen, denen war der Atem gefroren und es bildeten sich
Eiszapfen bis über das Kinn herab. Sie konnten sich tagelang nicht rasieren.
Niemand hatte etwas zu essen, Kinder weinten, alle zitterten vor Kälte, manch
einer starb lautlos. In der Nähe von Rummelsburg war die Fahrt dann entgültig
beendet mit der Begründung „bis hierher kommen die Russen garantiert nicht“. Mit
LKWs wurde man auf die umliegenden Dörfer verteilt und sich selbst überlassen.
Für wenige Tage wurden wir auf einem
Gutshof aufgenommen, kurz danach auf das naheliegende Vorwerk Barenkaten
gebracht. Das liegt am Ende der Welt und ist auf keiner Landkarte zu finden.
Ehemalige Fremdarbeiterinnen waren in den Kriegsjahren dort untergebracht, nun
hausten wir da, wieder mit nichts.
Sehr bald wurden wir erneut von den Russen überrollt und diese haben
sich an der nicht geflohenen Zivilbevölkerung vergangen. Wie wir hörten, wurde
der Gutsbesitzer von unserem Vorwerk Barenkaten als erster erschossen. Bis Juni
1946 haben wir sechs Personen – drei Kinder und drei Erwachsene – unter der
Willkür der Russen vegetiert, dann gelang uns die erneute Flucht in den Westen.
Meine Mutte hatte alles lange vorbereitet, Kontakte mit Nachbarn aufgenommen,
meistens nachts, und so sind wir auch bei Mondlicht, da hatten wir Glück, leise
aus Barenkaten fortgeschlichen. Niemand durfte einen Ton von sich geben,
wenigstens war nun kein Frost mehr, aber es gab noch andere Feinde genug. Im
Morgengrauen endlich gelangten wir an den ausgemachten Sammelplatz mit den
Lastwagen, auch da wieder ein Massenandrang. Aber wir schafften es am Ende
doch, alle Sechs mitgenommen zu werden und über die russische Grenze zu kommen.
Hungrig und am Ende unserer Kräfte, ohne Ausweise, wir waren namenlose
Gestrandete. In Schleswig-Holstein kamen wir vorerst in ein neues
Flüchtlingslager aus Wellblechbaracken mit Holzfußböden und Matratzen, die das
Rote Kreutz organisiert hatte. Ich weiß nicht, wie lange wir in diesem
Auffanglager zugebracht haben. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Am 6.7.1946 kamen sie
in Rantum auf Sylt an.
Der Sohn Adalbert war in Königsberg bei
der Flak und machte so die Flucht seiner Familie nicht mit. Am 28.2.1945
gelangte er nachts aus Königsberg mit einem Schiff über Pillau nach Gotenhafen
und von dort nach eine Woche weiter nach Swinemünde. Von Swinemünde mit der
Bahn nach Mecklenburg zum RAD, dann Anfang Mai weiter nach Eutin, bis er seine
Familie wiederfand.
Paul Gerhard Goertz wurde, wie oben erwähnt, auf der Flucht vom Treck weg mit anderen Männern zum Volkssturm geholt und ist Anfang Mai in russischer Gefangenschaft in Löwenhagen an Ruhr und Herzschwäche gestorben und wurde an einem Wald beerdigt. Das erfuhren wir erst 1954 aus einer Liste des Roten Kreutzes im Ostpreussenblatt. Die Todesnachricht kam aus einer Heimkehrerbefragung.
1945 ff. Von den 25 Getreidebergen, die man in
Powarben zurückließ, soll ein Teil von den Russen beim Einmarsch angesteckt
worden sein.
Dort sind zahlreiche Menschen nach 1945
verhungert und im Gutspark verscharrt worden; namentlich bekannt sind:
Ernestine Alex (1886-1946), Frank Blietz (1943-1946),
Christian Duncker (1882-1946?), Maria Duncker (1886-1946?), Karl Ehlert
(1885-1946), Frau Ehlert (1886-1946), Ursula Ehlert (1922-1946), Erika Ehlert
(1939-1946), Frau Geduhn (*1898, in Schaaken verhungert), Fritz Kirchner
(1883-1946?), Erich Kirchner (geb.1930, verhungert auf der Flucht), Regine
Klaffke (1866-1946?), Anna Klaffke (1928-1946?), Heinz Klaffke (1932-1946?),
Marie Löwner (1878-1946?), Paul Muensterberg (1929-1946?), Paul Oelsner
(1883-1946?), Anna Oelsner (1887-1946?), Renate Petersohn (1943-1946?), Maria
Ries (*7.10.1945-1947).
Die Gleise der Kleinbahn Königsberg – Schaaksvitte wurden kurz nach 1945
entfernt und nach dem Osten verfrachtet. Der Bahndamm ist heute überwachsen.
Zur Zeit der sowjetischen Verwaltung
wurden bis 1992 alle Wirtschafts- und Wohngebäude bis auf nachfolgend genannte
Bauten als Steinbruch behandelt und vollständig abgetragen. 1992 stand noch der
Pferde- und Schweinestall. Zwei der sechs Arbeiterhäuser waren noch bewohnt, vom Inspektorhaus
stand noch der Teil mit der Wohnung Jüsche und war bewohnt, der westliche Teil
war abgebrannt. Außerdem war der einstige Speicher bewohnt. Das Storchennest
auf dem Nordgiebel des Speichers ist verschwunden, und die Störche sind auf
eine nahe Fichte im Gutspark
ausgewichen.
Das Land wird nicht planmäßig
bewirtschaftet und macht einen vernachlässigten Eindruck.
Besitzgröße: Das Gut Powarben war 476 ha groß. Ein
Meßtischblattausschnitt mit der Besitzgrenze liegt vor. Eine Skizze zum Gutshof
liegt vor.
Gutshaus
Baugeschichte: Das alte Gutshaus, das zuletzt nur
noch der Flügel mit den Wirtschaftsräumen war, war ein einstöckiger Putzbau mit
Satteldach. 1924[7] wurde ein neues Gutshaus,
als ebenfalls neunachsiger, einstöckiger, hoher Putzbau mit dem Mansarddach, an
das alte Haus angefügt. Das Gutshaus wurde im neubarocken Stil durch Ernst
Bruhn (1876 – 1932) errichtet. An der Auffahrtseite im Osten gab es die
dreiachsige Oberstube mit Frontispiz, in dem ein Kreisfensterchen lag. Die
Mansarden hatten Satteldachgauben. Vor dem Mittelrisalit lag ein Altan über dem
für die Oberstube ein massiver Balkon mit Balustrade auf dicken Säulen ruhte.
Das Haus hatte einen hellbeigen
Rauhputz (Detailfoto vorh.).
Vor dem Haus lag ein Rondel mit kleinen
auch um 1924 gepflanzten Lebensbäumen für Ostereierverstecke - ich erinnere mich, daß wir 2
Schokoladeneier - welch ein Luxus! - erst viel später fanden, die leider dann
in der Sonne geschmolzen waren. Dies Rondel wurde wie alle
Gartenanlagen von dem Gärtner Paul Oelsner gepflegt.
Räume/Einrichtung: Durch die Haustüre betrat man zunächst
die Vorhalle,
die durch eine Holz-Glas-Wand von der Wohndiele abgetrennt war. Das Glas jener
Wand war goldfarbenes „Rubbelglas“.
Dahinter lag die große Wohndiele,
die durch das ganze Haus reichte. Das Mobiliar stammte sehr wahrscheinlich aus
dem 20.Jh. und war schlicht. Der offene Kamin war nur zur Zierde da und wurde
nie genutzt; auf seinem Sims standen Blumen und Nippes (z.B. Vasen). Wie alle
Fußböden im Erdgeschoß des Neubaus hatte auch die Wohndiele einen Parkettboden;
über die Wandfarben der meisten Zimmer können keine Angaben mehr gemacht
werden. An der Decke hing als Lampe ein Flugzeug-Propeller. In der Wohndiele
wurde um den 20.Dezember die jährliche Weihnachtsfeier und Bescherung für das
Hauspersonal und die Gutsangestellten abgehalten, zuletzt 1944. Den
Weihnachtsbaum brachte der Gärtner Paul Oelsner aus dem Wald.
Rechts der Diele lag der Kleine Salon,
der täglich genutzt wurde, und in dem der Gutsherr manchmal seinen Mittagschlaf
hielt, wenn er nicht im Jagdzimmer schlief. Die Couch haben wir total ruiniert und wie ein
Trampolin verhopst, es hat nur so in den Sprungfedern gekracht.
Auch zu diesem Zimmer hat sich eine
lustige Begebenheit bewahrt: Der Sohn Adalbert war technisch sehr interessiert
und hatte das Radio so umfunktioniert, daß er selbst darin von oben sprechen
konnte. Als einmal wieder sein Vater in diesem Zimmer schlief, erklang
plötzlich „Achtung, Achtung hier spricht der Reichssender Powarben“ aus dem
Radio, und es folgten weitere Berichte. Adalbert hatte einen Kopfhörer als Mikrophon benutzt und diesen mit
dem Radio verbunden.
Neben dem Kleinen Salon lag das Kleine Zimmer,
das mit Bücherregalen eingerichtet war und das von der ganzen Familie genutzt
wurde. Die Kinder tobten hier und machten „Staub“. In den Bücherregalen standen
z.B. die Werke Kants, eine alte Bibel, Theodor Storm, Lexika. Im Kleinen Zimmer
hing auch ein Oelportrait von Paul Gerhard Goertz, gemalt von Frau von
Seelhorst, der Schwiegermutter von Eberhard von Redecker (1907-2005), dem
Inspektor von Eichmedien. Im Januar 1945 war der Leutnant Raquette in
diesem Zimmer einquartiert, während seine Kompanie in der Schafscheune
campierte. Im Haus wurde das Ostpreußische Wochenblatt, die Kreuzzeitung
und die „Georgine“ gehalten. Im Haus gab es auch
viele familiengeschichtlichen Unterlagen, Stammbäume bis mindestens ins 18.Jh.
und viele vergilbte, bräunliche Fotos von Vorfahren. Oben in der Diele hingen alte Familienphotos. (1945
verloren).
Hinter den beiden vorgenannten Zimmern,
lag rechts der Diele das Eßzimmer, mit einer dezent gemusterten
Tapete und modernen, stabilen Holz-Möbeln. An Sonnabenden gab es zu Mittag
Erbsensuppe und am Abend Hering mit Pellkartoffeln. Hier stand das Klavier, das
besonders die Gutsherrin entzückend spielte, Hausmusik wurde viel gepflegt, so
erzählt Ida Laschütza: Wenn mein Vater sich mal eine Stunde ausruhen wollte,
pflegte er zu meiner Mutter zu sagen: „Mamchen, spielen Sie mir auf dem Klavier
etwas vor?“ Mama spielte perfekt, natürlich nur klassische Musik, Noten lagen
bergeweise herum. Natürlich war es ihr Wunsch, daß Adalbert oder ich ihr
nacheifern würden, was leider nicht der Fall war. Meine Versuche waren eher kläglicher
Art, meine Klavierlehrerin[8] hatte ihre liebe Not mit mir. Adalbert
hingegen hatte zeitweise Freude an den Tasten, gelegentlich spielte er mit
Mama vierhändig. Seine Klavierlehrerin war eine Freundin der Mutter, Edith
Ninke geb. Waschke (*1900 / V1993 Ottobrunn in
Bayern) aus Rauschen.
Das Eßzimmer war zumeist auch das Weihnachtszimmer,
wozu der Gärtner Paul Oelsner den Weihnachtsbaum brachte und dann etwas Lametta
und selbstgefertigte Strohketten und -sterne angehängt wurden. Hier wurde auch
Silvester gefeiert: Silvester schmückte „Fa-Fank“ das Kinderfräulein das Eßzimmer mit Girlanden,
Luftschlangen und Lampions. Papa akzeptierte es, wenn man ihm ein buntes
Papierhütchen aufsetzte.
Es gab ein Meißner Service und
ein blau-weißes Delfter Porzellan.
Links der Diele lag das Herren- oder Grüne
Jagdzimmer.
An den Wänden hingen Jagdtrophäen, so Rehgehörne und Hirschgeweihe, aber auch
Bilder mit Jagdmotiven.
Links der Diele lag hinter dem
Jagdzimmer der Rote Salon, der auch Hindenburg-Salon genannt wurde; da durften wir
Kinder - die Wilden! - nie ohne Aufsicht hinein. Wir taten’s manchmal heimlich!
Dieser Raum war bis zur Decke holzgetäfelt. Die neubarocken Sitzmöbel hatten
rote Bezüge und stammten aus dem Schloß Langenau / Krs. Rosenberg, einem Besitz
der Familie Hindenburg. Kristallkronleuchter. An den Wänden hing u.a. ein Stich
von Goethes Gartenhaus in Weimar.
Hinter den Wohnräumen lagen die
Wirtschaftsräume im alten Teil des Gutshauses. In der Küche wirtschaftete die
Hausdame, zuletzt Elisabeth Frank, mit 2 - 3 Mädchen, die Gutsherrin kochte
nie.
Die Speisekammer westlich der Küche hatte nur ein kleines
Ober-Fenster, war also stets im Halbdunkel; gleich links war der Lichtschalter.
Regale waren bis unter die Decke, voll mit allen Vorräten, die man so hatte. Im
Sommer war diese Speisekammer schön kühl. Im Backofen im langen Flur wurden
jede Woche unzählige Brote gebacken – die ersten zwei Tage schmeckten sie natürlich am
besten.
Im Treppenhaus links hinter der
Wohndiele führte die dunkle Holztreppe mit dunkelgrün gemustertem Läufer ins
Obergeschoß, sowie darunter in den Keller.
Stieg man die Treppe ins Dachgeschoß
hinauf, so gelangte man zunächst auf eine große offene Diele mit alten
Familienbildern .[9] Hier oben waren vor
allem über Jagdzimmer, Vordiele
und Rotem Salon die Schlafräume
der Familie, sowie über dem Kleinen Salon und Kleinen Zimmer Fremdenzimmer
eingerichtet. Auch gab es hier ein Bad mit WC und fließendem Wasser. Auf der
oberen Diele stand auch eine Gipsstatue der Göttin Ceres (1,50 m hoch), die
wohl aus dem Mobiliar von Langenau stammte.
Vor dem Elternschlafzimmer lag der
Balkon auf der Ostseite des Hauses. Als wir klein waren, durften wir hier Dreirad fahren,
ansonsten wurde der Balkon aber nicht genutzt.
Zwischen Elternschlafzimmer und Kinderzimmer
lag das Kabinett,
das war
ein ganz besonderes, von uns sehr geliebtes Einzelzimmerchen und wurde oft als
Krankenzimmer benutzt. Im Einbauschrank wurde hier das Spielzeug aufbewahrt.
Jeder von uns Kindern hatte irgendwann die Masern, sah aus wie ein
Streuselkuchen und mußte sofort isoliert werden. Das fanden wir gar nicht
schlimm, denn ein Kranker wurde gehegt und gepflegt mit Leibgerichten: „Was
möchtest Du denn heute zu Essen haben, mein armes Kind!“ Da nahm man auch
scheußliche Medikamente, Hustensaft und heiße Milch mit Honig in Kauf.
[I.L.]
Neben dem Kinderzimmer lag das Zimmer
des Kindermädchens:
1934
wurde das Kinderfräulein aus Eichmedien[10] bei uns eingestellt - Frl. Elisabeth
Frank (*1889
/ V1982) - sie war
der gute Geist in unserem Haus, und wir Kinder liebten sie alle heiß und innig.
Sie kümmerte sich einfach um alles, auch um die Küche und Speiseplan für die
ganze Woche, der mit Mama abgesprochen und genehmigt wurde. [...] Frl. Frank -
die von den Kindern Fa-Fank genannt wurde - ging mit uns auf die Flucht, hat
jedes Stück trockenes Brot mit uns geteilt, ging auch zusammen mit Mama betteln
um 1 Liter Milch und vielleicht 2 Eier ... . [I.L.]
Über dem bewohnten
Dachgeschoß des Neubaus lag der Dachboden, da pfiff der Wind durch, wir Kinder liebten das.
Hier oben wurde im Winter und bei schlechtem Wetter Wäsche getrocknet. Auf dem
Dachboden des Altbaus lag eine Räucherkammer.
Der Neubau des Hauses war unterkellert. Die
Kellerdecken waren ganz gerade. Es war alles kühl und weiß getüncht. Jeden Montag
war Waschtag, da kamen 2 - 3 Frauen, man hörte sie lachen und singen. Es wurde
alles mit der Hand auf Waschbrettern gerubbelt mit gut riechender Kernseife und
großen Waschbottichen, der Dampf stieg aus dem Kellerfenster unter dem Büro ins
Freie. [I.L.]
Im alten Gutshaus lagen im Erdgeschoß
Personalräume, Abstellkammern, die Küche und die Gutsverwaltung. Dieses Büro
hatte eine Art Erker aus 3 ausgebauten Fenstern, außen mit Wein umrankt, und
erlaubte einen guten Ausblick auf die Geschehnisse des Gutshofes.. Die sauren
Weintrauben waren trotz Südseite eher „kleine Kügelchen“ und von Gaumengenuß
konnte man da nicht reden. Ich denke, die Sommerhitze war zu kurz. Aber man
versuchte eben alles mögliche, auch mit den Pfirsichen später, weiter rechts um
das Jagdzimmerfenster - ich habe sie klein und steinhart in Erinnerung.
[I.L.] In der Abstellkammer wurden
manchmal auch Eintagsküken untergebracht. Im Dachgeschoß des alten Gutshauses
lag die Wohnung des Oberinspektors Anderson (Er hatte einen schwarzen scharfen
Doberman „Balto“, vor dem wir alle Angst hatten). Doch wurden diese Zimmer,
wenn sie einmal leer standen, im Sommer für Erntehelfer, manchmal für
Einquartierung oder sonstigen unverhofften Personalbedarf genutzt. Von hier
führte auch die Treppe auf den großen, dunklen, fensterlosen Dachboden, der als
Abstellplatz genutzt wurde. Auf
dem Dachboden des alten Gutshausflügels gab es auch eine Räucherkammer.
Abschließend heißt es über das Haus:
Das Haus in Powarben ist kein Schloß, es ist ein sehr schönes Wohngebäude mit
vielen geräumigen Zimmern, ruhig und warm. Das einzige „Getöse“ - wie mein
Vater es
nannte - machte die Kleinbahn, die von Molsehnen nach Schaaken an
der Ostseite des Parks in Powarben
vorbeifuhr und jedesmal ein lautes
schrilles Pfeifen von sich gab, bevor sie die Chaussee überquerte und am
Stationshäuschen anhielt. Vor der Anfahrt kam der 2. Pfiff und viel Qualm und
Gezische. Adalbert
und ich, wir fanden das toll, sind jedesmal im Kinderzimmer aus den Betten
gesprungen ans Fenster, barfuß - dafür haben wir so manchen Klapps eingesteckt:
„Ihr wollt Euch wohl erkälten!“ - wir aber hatten viel Spaß daran, die Wagen zu
zählen. [I.L.]
Der neue Flügel des Gutshauses, 1924
gebaut, war modern und das am angenehmsten zu bewohnende Haus von allen Gütern
von Paul Gerhardt Goertz (Eichmedien, Gisbertshof, Schwetz, Powarben).
Technische Einrichtungen
Heiztechnik: Das neue Gutshaus hatte eine mit Koks
geheizte Warmluftheizung, die im Keller stand. Durch einen Schacht kam die
Heißluft in alle Räume, wo ein Gitter in der jeweiligen Wand war. Für die
Zentralheizung war der Gärtner Paul Oelsner zuständig. Das alte Wohnhaus hatte
Kachelöfen.
Licht/Elektrizität: Es gab Elektrizität auf dem Gut.
Wasserversorgung: Bad, WC, Wasserleitungen waren im
neuen Gutshaus vorhanden. Im Keller war der Brunnen für die Wasserversorgung.
Für das Abwasser gab es nordöstlich vom Gutshaus einen stinkenden Teich, der
ganz mit Entenflott bedeckt war.
Sonstiges: Es gab Radio und Volksempfänger,
Telefon im Büro und eine Personalklingel mit Zimmeranzeige.
Auf dem Gut gab es keinen Eiskeller.
1945 ff. Bereits 1945 haben die in Powarben
verbliebenen Menschen Brennmaterial aus dem Parkett des Gutshauses entnommen.
Das Haus wurde außerdem in den ersten Jahren nach dem Krieg als Getreidespeicher
genutzt. Das
Gutshaus wurde danach durch die sowjetische Verwaltung vollständig abgetragen,
heute ist an der einstigen Stelle nur ein mit Unkraut überwachsener
Schutthaufen.
Das Inventar des Hauses ging der
Familie Goertz 1945 vollständig verloren. Es heißt: „Wir liefen weg, wie
gejagte Tiere, mußten Pferde und Wagen einfach stehen lassen für die Russen und
konnten zu Fuß nur das nackte Leben retten.“
Quellen
1945 wurden keine Familiendokumente,
Kaufvertrag, sonstige Dokumente aus Powarben gerettet. Margarete Goertz hat um
1955 Dokumente über die Familiengüter im Archiv für Ostdeutschen Grundbesitz in
Bad Ems hinterlegt, davon liegen der Familie einige Kopien vor.
Peter Goertz (1934-1992): Meine Heimat
Powarben. Schulaufsatz geschrieben etwa 1948 für die Mittelschule Westerland
auf der Insel Sylt. (3 masch.schrftl. S. / landwirtschaftl. Angaben)
Adalbert Goertz: Die zwölfjährige
Fruchtfolge in Powarben / Kreis Königsberg und Eichmedien / Kreis Sensburg in
Ostpreußen. (1 masch.schrftl. S.)
Margarete Goertz: Heimatchronik von
Powarben. In: Dr. jur. Paul Gusovius: Der Landkreis Samland. Würzburg 1960. (S.
298-301)
Margarete Goertz: Aus dem Leben einer
Gutsfrau Ostpreussens. Im Internet:
http://users.foxvalley.net/~goertz/mlk.html
Deutsches Geschlechterbuch, Band 133,
S.262-268: Familiengeschichte Goertz. Limburg (C.A. Starke-Verlag) 1964.
Ida Laschütza geb. Goertz: Kindheitserinnerungen, mit Angaben zum Leben im Haus, zur Schule in Molsehnen, zum Hofleben ... . 1999. (7 masch.schrftl. S. / unveröfftl.)
Briefwechsel mit:
Adalbert
Goertz
4293 Deerfield Hills Rd.
Co. 80916 - 3503
Colorado
Springs
USA
Ida
Laschütza geb. Goertz
Habichtweg
5
79110
Freiburg / Br.
Tel.:
0761 / 135960
Horst Jüsche
Brookstraße
8
26506
Norden
Tel.:
04931 / 168350
(Sohn
des Inspektors)