Margarete Goertz: Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreußens, II
(Life of a Country Lady in East Prussia, Part II)
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 Margarete Goertz: Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreußens, I 
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dedicated to 'my beloved children/meinen lieben Kindern'. She called it "Alone/Allein" and narrates the time when she was separated from her beloved Paul Gerhard under Red Army occupation. She fled West with her children - Ida, Peter, Jan - and sister Anna Schukat and Nanny Frl. Elisabeth Frank.)
Ein ostpreußisches Erinnerungsblatt von Margarete Goertz geb.Schukat (= M.) geb.Schattern Kreis Memel, Ostpreußen am 31.3.1900 Ehefrau des Paul Gerhard Goertz (= P.G.) gest.in Thunder Bay, Ontario, Canada am 14.2.1996 Click hier.
Vorbemerkung: Dieses "Erinnerungsblatt" wurde von Adalbert Goertz (A.G.) ediert, um es lesbarer zu machen. Wo "ich" und "mich" geschrieben steht ist hier "Sie" oder "M." zu lesen etc. Zur Familie vgl. Deutches Geschlechterbuch, Band 133, Seite 261 - 266, Starke-Verlag Limburg 1964:
Zur Familie Goertz

Gutshaus Powarben, Kreis Samland, Ostseite. 2000 nur noch ein Schutthaufen


Gutshaus, Zeichnung von A.G.

Gutshaus Powarben, Fotovorlage.

Die Pferde warten...
...mit dem Kutscher Zink.
Leutehaus und -stall. Inspektorhaus, weiß
Schmiede,Stellmacherei, links hinten der Leutestall, rechts Ecke vom Schaffstall, im Vordergrund das offene Silo. 1945: Allein (Seite 46:) Seit Dezember 1943 lebten P.G. und M. auf Gut Eichmedien, Kreis Sensburg, um es zu bewirtschaften. Am 15.Januar 1945 rief das Kinderfräulein Elisabeth Frank (1889 - 1982) aus Powarben an, die Oma Johanna Schukat geb. Pichler (1876 - 1945) sei plötzlich erkrankt; zwei Stunden später ein neuer Anruf, sie sei tot. Ms. Mutter Johanna Schukat war im Herbst 1944 vor den Russen aus Gowarten, Kreis Skaisgirren (=Kreuzingen) nach Powarben geflohen. P.G. und M. fuhren am 16.1.1945 per Bahn von Rastenburg nach Königsberg und Powarben zur Beerdigung, nur mit dem notdürftigsten Handgepäck versehen. Sie ließen sämtliche Kleider, die für eine etwaige Flucht in Koffer verpackt waren und den sogenannten "Fluchtkoffer" mit notwendigen Habseligkeiten in Eichmedien zurück. (Das Begräbnis fand in der Kirche Schaaken am 19.1.1945 statt, wohin der Sarg auf einem Pferdewagen im Schnee gebracht wurde.) Sie wollten nur eine Woche zum Begräbnis in Powarben bleiben, dort nach der Wirtschaft sehen und dann wieder in Eichmedien sein. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. M. hatte immer geklagt, daß sie im Falle der Flucht vor den Russen keines ihrer Kinder Adalbert (* 1928), Ida (*1930), Peter (*1934) und Jan (Johann, *1935) bei sich haben würde, weil sie alle zerstreut waren.
Paul Gerhard Goertz, 1944.
Adalbert war seit August 1944 mit 15 Jahren zur Heimatflak eingezogen und war in Heide Maulen bei Königsberg-Ponarth als Luftwaffenhelfer (LH);
Adalbert als LH 1944
(Seite 47:) Ida ("Bibi") lebte seit dem ersten Luftangriff auf Königsberg im August 1944 in Graudenz in Pension bei einer Kusine von P.G., Anna Goertz, und besuchte die Graudenzer Goethe-Oberschule und war zum Wochende in Schwetz, Kreis Graudenz, wo Ms. Schwester Anna Schukat (geb. Smilgienen, Kreis Labiau am 17.7.1901, gest. Neumünster am 7.1.1962) den Gutshaushalt führte.

Ida "Bibi" Goertz, 1943.
Peter und Jan lebten in Powarben mit Fräulein Elisabeth Frank, Kinderfräulein und Hausdame.
Frl.Frank
Wie würde M. die Kinder erreichen, wenn sie von Eichmedien aus mit dem Pferdetrek auf die Flucht gehen sollten? Diese Sorgen marterten M. Und P.G.? Hätte er im Ernstfall nicht als Volkssturmmann in Eichmedien bleiben müßen? Es war zum Verzweifeln. Fort konnte sie nicht, denn Landleute wurden nicht evakuiert. Durch Oma Schukats Tod in Powarben und Begräbis in Schaaken kam alles anders. Es war als hätte sie durch ihren Tod eine letzte Tat der Mutterliebe erweisen wollen: Ihr Begräbnis vereinigte alle. Denn als die Telegramme mit der Todesnachricht die Goertz-Kinder zum 18.1.1945 nach Powarben riefen, ahnte niemand, daß Ida wenige Tage danach keine Zugverbindung mehr fand, aus Königsberg nach Graudenz in ihre Pension zurückzukehren. Ms. Bruder Siegfried Schukat (geb.in Korehlen, Kreis Labiau am 17.4.1912, gest.in Bochum am 3.4.1996) und Frau Ingeborg geb.Dröher hatten noch einen Zug aus Königsberg erwischt, der sie beide zurück nach Wittenberg-Lutherstadt brachte, wie erst Jahre später zu erfahren war.
Siegfried Schukat (1912 - 1996) und Frau Ingeborg geb.Dröher
So blieben denn die Eltern und Kinder Goertz zusammen. Nur Adalbert fuhr zu seiner Flak-Einheit zurück mit dem letzten Zug überhaupt gegen 18 Uhr am 24.1.1945 von Powarben nach Königsberg (Samlandbahn Königsberg - Schaaksvitte)
Paul Gerhard (174 cm groß) & Margarete Goertz (146 cm), Mitte Januar 1945, eine Woche vor der Flucht aus Powarben
Familie Goertz, Mitte Januar 1945, eine Woche vor der Flucht (Begräbnis Oma Johanna Schukat).
Margarete Goertz & Kinder, Mitte Januar 1945, eine Woche vor der Flucht
(Seite 48:) Einige Tage später war auch die Rückkehr nach Eichmedien abgeschnitten. Kein Zug fuhr mehr aus Königsberg. Eine telefonische Anfrage in Eichmedien an die dortige Wehrmachtseinquartierung im Schloß ergab den Bescheid, alles sei unverändert und das Gut in Ordnung. Eine Anfrage am Sonntag, den 20.1.1945, bei der Einquartierung jedoch ergab, daß die Einheit abberufen war. Am 23. und 24. Januar zogen lange Pferdetreks aus den östlichen Kreisen hinter Labiau - Kreuzingen - Liebenfelde, endlose Züge abgetriebenen Viehs an Powwrben vorbei, - ziellos, trostlos. (A.G.: Gegen Osten war Kanonendonner zu hören. In Konradswalde war Rauch zu sehen) Powarben erwartete stündlich Anweisung zur Flucht durch das Gemeindeamt in Molsehnen wie vereinbart. Am 24.1. abends 22 Uhr kamen Nachbargemeinden von hinter Kuggen mit ihren Pferdetreks auf den Hof in Powarben, 70 Personen kamen ins Gutshaus und versuchten zu schlafen. Zwischendurch kam Militär und suchte Schlafraum. Die Wehrmachseinquartierung im Haus rüstete auch zum Abmarsch. Deren Leutnant Raquette hatte sich den Finger gebrochen und bot an, daß sich der Kutschwagen seiner Einheit anschließen könne, um schneller voranzukommen. Das war aber kaum möglich, da P.G. seine Powarber "Leute" nicht verlaßen wollte. P.G. dachte immer (Seite 49:) erst an seine "Leute". Es wäre wohl auch kein Vorteil gewesen, dem Militär zu folgen, da dieses immer an bestimmte Ziele gebunden war. Am 25.1.45 rüstete sich das ganze Gut zur Abfahrt und wartete auf den versprochenen Abfahrtsbefehl, der - nie kam. Boten nach Molsehnen stellten fest, daß das Gemeindeamt abgefahren war, ohne den versprochenen Telefonanruf durchzugeben. Stunden waren verloren, als die deutsche Artillerie auf den Hof fuhr und alle auswies wegen Kampflinie. Ms. letzte Frühstück am Eßzimmertisch mußte unterbrochen werden, weil sie hinausgerufen wurde: Brot, Butter, etwas Aufschnitt, Kaffee und eine angebißene Stulle ließ sie zurück. Als sie zurückkam fand sie nichts mehr vor außer der angebissenen Stulle. Das andere hatten Soldaten verzehrt, die inzwischen am Tisch saßen. Sie waren etwas betreten als M. weiteressen wollte und nichts mehr da war zum Essen. Sie merkten wohl, daß M. hier zuhause war. Fremde konnten sich wohl kaum vorstellen, daß der Hausbesitzer noch da war. Der "Schweizer" legte schweren Herzens dem Vieh das letzte Futter vor und ließ Wasser in die Tonkrippen. Alles andere Getier wurde auch gefüttert. Die weißen Leghornhennen konnte man nicht in den hohen Schnee jagen. (Seite 50:) Eine edle Fohlenstute "Meise" mit ihrem jungen Fohlen, der edle Braunsberger Zuchthengst "Leuthen" - alles, alles blieb stehen. Ein Schwein wurde am Tag vorher geschlachtet und gepökelt aufgeladen. Nutzlos, es war zu schwer zum schleppen. Schweren Herzens mußten alle Tiere zurückgelaßen werden, die einen Teil des Landlebens ausgemacht hatten. Der stumme Blick der wehrlosen Kreatur: Was wird aus uns? Welch rohe Hand wird nach uns greifen? Jedes der 800 Schafe im Stall hatte ein warmes Herz, gehegt und gepflegt. Die meisten der guten Pferde waren vor die Wagen gespannt. Sie sollten ja ziehen, aber wie weit? Wie lange? Wenn M. an die zurückgebliebene "Meise" dachte mit ihrem Fohlen, liefen ihr die Tränen - und das noch Jahre später, als sie diese Zeilen zu Papier brachte. Aber für Gefühle ließ der 25.Januar 1945 keine Zeit. Wieviel mußte bedacht werden? Was sollte alles nicht vergeßen werden? Noch ein letzter Gang durchs Kinderzimmer, wo in aller Eile noch etwas Garderobe für Ida und ein Hemd für P.G. geschneidert wurde. Sie alle waren ja nur zu Oma Schukats Beerdigung in Powarben und hatten nichts mit für die Flucht. Da lag die große Schere. Gut, daß M. sie noch einsteckte. Ach, wie nötig war eine Schere. Sie diente noch monatelang, bis sie später auf einem Heuboden (Seite 51:) in Pommern verloren ging. Im Kleiderschrank hing einsam der schöne neue Frack von P.G. und Ms. schwarzes Abendkleid. Umdrehen! Nicht weiter daran denken. Der voll gepackte Kleiderkoffer steht noch da. Stehen laßen! Das war nicht zu schaffen. Die eben angekommenen Leinenhandtücher der "Rücklieferung" (Powarben erhielt sie im Krieg, weil dort Hanf angebaut wurde) - wie wird man sie später brauchen können. Sie müßen bleiben. M. versteckt ihren echten Seiden-Wandteppich, damit sie ihn nicht sieht, wenn sie gehen muß: Ein Geschenk von P.G. zur Geburt ihres jüngsten Sohnes Johann ("Jan"). Es war gut, daß der neue Konzert-Flügel, ein Bösendorfer, weit weg in Schwetz steht. Der alte Powarber Flügel verläßt sich leichter. Nur Peterchens Geige, die auf dem Flügel liegt, versetzt ihr einen Stich. Wird M. ihm einen neue Geige kaufen können? Dann geht die Fahrt los! Es ist der 26.Januar 1945. P.G. in Halbschuhen, was in dem hohen Schnee und bei den verstopften Straßen sehr schwierig ist. Seine Stimme ist bald heiser und nicht mehr zu erkennen. M. fährt zunächst im abgeschloßenen Coupe zusammen mit einem Flüchtling aus Tilsit, einem Jugendfreund von Julius Schukat (1867 - 1918), Ms. Vater. Es ist Dr.Wilhelm Storost, 77 Jahre alt, der "Vydunas", ein Litauen-Gelehrter. Die 3 Goertz-Kinder Ida, Peter, Jan saßen im ersten goßen Wagen mit den Leuten. M. fühlte sich unbehaglich, weil sie nicht
Der Vydunas, 1918.
(Seite 52:) mit ihren Kindern zusammen war. Von Zeit zu Zeit öffnete sie den Wagenschlag und fragte P.G., wenn er vorbeikam: "Papa, wie geht es Dir?" Immer war die Antwort dieselbe: " Danke, gut." Nach 8 Stunden solcher Fahrt war P.G. aber fertig und erklärte, er könne nicht mehr. Die erste Nacht standen die Wagen in Schaaken hinter der Kirchhofsmauer, weil die Chaussee voll war. Sie sahen in Powarben das Gärtnerhaus brennen. P.G. ging zu Pfarrer Glaubitt hinein, der die Oma Schukat vor einigen Tagen beerdigt hatte, aber er konnte auch nichts sagen über die Lage. Pfarrer Glaubitt hatte seine Eltern bei sich und war sehr in Sorge. Er selbst kam erst 1948 heraus. Als es dann auf der Chaussee weiter ging, geschah es schnell, daß drei der Wagen verloren gingen, darunter die Kinder. Diesen Schrecken wollte M. nicht noch einmal erleben. Sie fanden bald heraus, daß es besser war, nachts zu fahren und tags zu rasten und die Pferde zu füttern. Nachts waren die Straßen nicht so verstopft, und man kam besser voran. Sie rasteten meist auf Gutshöfen, wo man die Pferde gut unterbringen konnte. Jeder war froh, wenn man einen Stuhl fand, (Seite 53:) was nicht immer der Fall war. Hunger, Kälte und Müdigkeit - man hätte stehend schlafen können, wenn die Kälte nicht gewesen wäre. Der hohe Schnee setzte den Pferden so zu, daß von Zeit zu Zeit Bagage abgesetzt und stehen gelassen werden mußte. Die Fleischtonne mußte in Grünhoff auch daran glauben. Die zweite Kutsche, ein Halbwagen, mußte auch stehen bleiben. Er blieb auf einem Hof, dessen Besitzer P.G. bei der Ankunft freudig begrüßt hatte, weil er in ihm den Redners eines Vortrags über Ripsbau im Königsberger Tiergarten wieder erkannte, und die beiden Männer fingen sofort an zu fachsimpeln - natürlich über Ripsbau. An einem ungemütlichen Tag kam der Trek unter MG-Beschuß durch russische Tiefflieger, deren Geschosse dicht einschlugen. Alle gingen zu Fuß, um die Pferde zu entlasten. Als die Russen merkten, dass es nur Zivilisten waren, drehten sie ab. Von allen Seiten war Gefechtslärm und die Stalinorgel zu hören. Eines Nachts landete der Trek bei völliger Dunkelheit auf dem Gut Grünoff der Grafenfamilie Bülow. Nachdem die Pferde gut und warm untergebracht waren, galt es ein Obdach zu finden und vorher etwas zu (Seite 54:) essen und ins Warme zu kommen. Nach langem hin und her gerieten sie in ein Nebenhaus des grossen Schlosses in eine noch warme Küche mit Feuer im Herd und fanden eine Menge Brot, Butter, Eier, Wurst und Milch der Gutsküche. Sogar gräfliches Silbergeschirr mit Krone stand herum. Man besann sich nicht lange und machte Rührei, wwarme Milch und Stullen. So gut zu essen war es schon lange nicht mehr gewesen. Sie waren jetzt 8 Personen: der müde P.G., der alte Dr.Wilhelm Storost, die drei Goertz Kinder, Ms. Schwester Anna Schukat, das Kinderfräulein Elisabeth Frank und M. Nun war aber guter Rat teuer, wo sie alle schlafen sollten. Alle waren am Umfallen. Alle verliessen sich auf M. und ihre Findigkeit. Hatte sie die Küche gefunden, sollte sie jetzt auch ein Schlaflager finden. Sie fand es denn auch. Nur war es schwierig, im Dunkeln ins Schloss zurückzufinden. Doch es gelang, und M. führte die kleine Kolonne in den 1.Stock des Schlosses in einen Raum, der gepfercht voller schlafender Soldaten war mit einem brennenden Kamin. Jemand legte von Zeit zu Zeit Kohlen auf. Eine Kerze, ein sogenanntes Hindenburglicht, brannte auch. M. eroberte einen Sessel für den alten Herrn Storost, P.G. plazierte sie in eine Türschwellnische, die 3 Kinder legte sie verstreut zwischen die schlafenden Soldaten. (Seite 55:) Nun war jeder wenigstens warm. M. selbst kletterte auf einen Berg gestapelter Akten am Fenster solo. Nun war der Aktenberg etwas schief und daher anstrengend wegen Rutschgefahr. Aber auch das lernt sich. Alle schliefen jedenfalls ein. Mit Bedauern dachte M. an die Gräfin mit ihrer geplünderten Küche, denn da waren noch Nachfolger, die weniger rücksichtsvoll mit dem gräflichen Silber umgingen. Das merkten sie später, als sie Einzelstücke unterwegs wieder zu sehen bekamen. Die Bestie Mensch konnte sich entfalten. Mit Grausen wurde bemerkt, wie die Treckenden auf jedem Hof unsinnig zerstörten - Vandalismus. Als sie in Lengnicken rasteten, fanden sie die Besitzerin noch vor, und diese liess sich erbitten, ein kleines Zimmer zu überlassen. Alle 8 hatten aber nicht Platz. P.G. und M. hatten das einzige Bett, die 3 Kinder und Dr.Storost am Fussboden auf Federbetten, die sie mitgebracht hatten. Am nächsten Morgen um 6 Uhr ertönte unten im Massenquartier ein Geschrei:" Russen..." War das ein Schrecken! Zuerst waren die Russen ganz manierlich. Doch im Laufe des Tages wurden die Wagen geplündert, die besten Pferde weggenommen. Ms. Coupe schien ihnen besondere Freude zu bereiten. Einer raste damit hin und her, mit fremden Pferden. Ein ganz schlimmer Moment kam, als Peter und Jan (Seite 56:) schreckungsvoll zu M. nach oben kamen und riefen :" Mama, jetzt haben sie unsere Kutschpferde!" M. stürzte ans Fenster, und alle verfolgten atemlos, was geschah. Es waren bildschöne, junge Grauschimmel mit dunklen Ohren und Mähne und schwarzem Sielzeug. Die Russen hatten sie angespannt und sie wandten ihre Köpfe nach den Fenstern des Gutshauses mit einem Blick, als wollten sie sagen: Kommt denn niemand, um uns zu erretten? Das ging M. sehr nahe. Zwei Russen fuhren mit den Pferden vom Hof. Die fremde Sprache verstörte die Tiere, und plötzlich drehten sie mit einem Satz, also of sie zurückfliehen wollten und standen mit Deichsel und Geschirr im Graben. Was weiter geschah, konnte M. nicht sehen. Es war zu jammervoll zu sehen und zu hören. Eine schreckliche Nacht folgte. P.G. und M. lagen angekleidet wieder in dem kleinen Bett, die 3 Kinder und Dr.Storost am Fussboden. Plötzlich zwei Russen mit einer Taschenlampe entdeckten M., und der eine flötete "Komm..."M. glaubte, ihr Ende sei nahe. P.G. und Dr.Storost sprangen auf und redeten russisch auf ihn ein, M. sei "stara" und "matka" von den grossen Jungens, was er wohl mit M. wolle...M. begriff nicht, woher P.G. plötzlich russische Worte konnte. Wenn ihre Lage nicht so verzweifelt gewesen wäre, wären diese plötzlichen Sprachkenntnisse zum Lachen gewesen. Dr.Storost konnte viele Sprachen, auch russisch, und darauf (Seite 57:) hatte M. eine grosse Hoffnung gesetzt zu ihren Gunsten. Nach einigen qualvollen Minuten liess sich der Begehrliche von seinem Kameraden fortziehen, und sie waren ihn los. Wie der Blitz verliess M. ihr Bett und verkroch sich unter die Federbetten am Fussboden, wo sich auch Tochter Ida versteckt hatte, die beiden Jungen Peter und Jan halb halb über sich als Deckung. Wenn wieder Russen mit der Taschenlampe kamen, schnellten die Jungens und Dr.Storost wie die Stehaufmännchen hoch, die Köpfe dich zusammen, und riefen: "Hier nur altge Männer und kleine Jungens", worauf die unliebsamen Besucher jedesmal schnell verschwanden. Fast die ganze Nacht hielt dieses Theater an, und alle waren froh, als es endlich Tag wurde. Da hörten sie dann von schrecklichen Abenteuern und Vergewaltigungen. Auch bei den Arbeitertöchtern wsaren einige Fälle. Plötxlich erhielten sie den Befehl, nach Hause zu fahren und raboti. Mit den kläglichen Resten der Pferde und nur noch geringer Habe zogen sie östlich in der Hoffnung, an der Küste entlang nach Pillau zu kommen. Bereits einige Kilometer weiter stiesen sie wieder auf deutsche Truppen. Bei ihrer letzten Rast vor Rauschen mussten sie lange warten, ehe sie auf die Chausse konten. Ein grosser deutscher Militärtransport besetzte die Strasse. P.G.Goertz stand die ganze Zeit an der Chaussee, um den Moment nicht zu verpassen, die Wagen auf die Strasse zu lenken. (Seite 58:) Indessen versuchte M., irgendwo etwas Essbares für ihn aufzutreiben. P.G. stand den ganzen Vormittag in Kälte, Schnee und Wind. M. ging ab und zu ihm hin. Es war immer das gleiche Bild. Zu Mittag hatte sie für ihn einen Kinderbecher voll warmen Sauerkraut sogar mit Fleisch und von einer anderen Stelle aus einer Küche einige Pellkartoffel ergattert, die noch im Topf kochten. P.G. setzte sich auf einen Stein und verzehrte diese winzige Portion mit grossem Genuss und lobte sie, was sie sehr glücklich machte. Es war die letzte Mahlzeit aus ihrer Hand, sie würde das nie vergessen. Die drei Pellkartoffeln hatte sie gestohlen. In Rauschen ereilte sie das Schicksal. P.G.Goertz wurde zum Volkssturm aufgestellt. Der Memeler Volkssturm, völlig zusammengeschossen, füllte seine Reihen mit ihren Männern auf. Die Frauen sollten ohne ihre Männer weiter. M.s "Leute" waren durch die Strapazen der Flucht schon so verstört, dass sie einfach wieder nach Powarben fahren wollten. Es war M. klar, dass sie ohne P.G. und auch ohne die anderen Männer mit den wenigen Pferden und inzwischen beschädigten Wagen in dem hohen Schnee ihren Trek niemals erfolgreich weiterführen konnte, zumal ihre aufgeregten Leute nach Hause strebten. Ebenso war ihr klar, dass keine Minute zu verlieren war, um Pillau zu erreichen. (( AG- Anmerkung: Die meisten Powarber kehrten tatsächlich wieder dorthin zurück. Soweit sie nicht verhungerten, blieben sie dort bis 1947 und mussten dort in der Kolchose Powarben arbeiten, die von Trömpau zentral verwaltet wurde. Was 1945 in Powarben an Ernetevorräten zurückgelassen wurde, geht aus einer Erklärung hervor, die der verstorbene Inspektor Karl Jüsche (geb. 14.9.1902), in Powarben 1929-1945, am 16.3.1964 angefertigt hat. Anbauflächen 1944 in Powarben: (M = Morgen = 0.25 ha) Rips (= Rübsen).........250 M Sommerraps...............30 M Öllein (Flachs)......... 25 M Zuckerrüben.............250 M Rote Beeten............. 30 M Steckrüben...............20 M Speisekarotten...........25 M Kartoffel................40 M Roggen..................250 M Weizen...................30 M Hafer...................150 M Gerste...................60 M Gemenge..................60 M Erbsen...................40 M Futterpflanzen/Saat.....350 M Weide...................190 M zusammen..............1800 M. .... Bestand an Erntevorräten am 26.1.1945 (Ztn. zu je 50 Kg) Oelleinen........200 Ztn Rübsen..........2000 Ztn Sommerraps.......180 Ztn Roggen..........2500 Ztn Weizen...........600 Ztn Gemenge..........800 Ztn Gerste..........1000 Ztn Hafer...........2000 Ztn Erbsen.......... 400 Ztn Rotkleesamen.....100 Ztn Thimotiumsamen...300 Ztn Rote Beeten.....5400 Ztn Wruken..........8000 Ztn Karotten........ 500 Ztn Kartoffel.......1500 Ztn Rübenschnitzel...700 Ztn Kunstdünger......400 Ztn Futtervorräte (Stroh, Heu, Klee,Spreu) bis zum Weideaustrieb. Diese Aufstellung macht verschiedenes deutlich: 1) Welche Bedeutung Ostpreußen als Kornkammer Deutschlands hatte 2) Welche Aufgabe der Kämmerer hatte (Zuerst Karl Jüsche, später Franz Gehrau (geb.1904) als Speicherverwalter mit Schlüssel (sowie das Läuten der Speicherglocke morgens um 6 bzw. 7 Uhr zu Arbeitsbeginn und Mittagspause um 12 und 1 Uhr). 3) Welche Zerstörungswut die Russen hatten, die diese Vorräte verschwendeten, z.T. anzündeten, so daß die zurückgebliebene deutsche Bevölkerung hungern mußte, z.T. in Powarben verhungerte und im Gutspark verscharrt wurde: Frau Ernestine Alex (1886-1946), Frank Blietz (1943-1946), Christian Duncker (1882-1946?), Maria Duncker (1886-1946?), Karl Ehlert (1885-1946), Frau Ehlert (1886-1946), Ursula Ehlert (1922-1946), Erika Ehlert (1939-1946), Frau Geduhn (geb.1898, in Schaaken verhungert) Fritz Kirchner (1883-1946?), Erich Kirchner (geb.1930, verhungert auf der Flucht), Regine Klaffke (1866-1946?, Anna Klaffke (1928-1946?), Heinz Klaffke (1932-1946?), Marie Löwner (1878-1946?), Paul Münsterberg (1929-1946?), Paul Oelsner (1883-1946?), Anna Oelsner (1887-1946?), Renate Petersohn (1943-1946?), Hilde Petersohn (1930-1946?), Albert Rauschning (1884-1947), Maria Rauschning (1886-1947), Gertrud Samland (1908-1947), Anna Schulz (1904-1946), Gertrud Schulz (1920-1946), Brigitte Schulz (1940-1947), Albert Wagner (1897-1946), Maria Ries (geb.7.10.1945-1947). Horst Jüsche, Sohn des verstorbenen Inspektors Karl Jüsche, hat Powarben seit 1992 zehnmal(!) besucht: Das Gutshaus ist ganz verschwunden. Das Haus diente als Quelle für Baumaterial, und die Ruine verschwand und hinterläßt heute nur einen Schutthaufen, von Unkraut überwachsen. Dasselbe gilt für die anderen Gebäude. Was im Jahre 2000 übrig bleibt, sind zwei der 6 Arbeiterhäuser (bewohnt), das Inspektorhaus mit der Jüschewohnung (bewohnt), wovon der Westteil des Hauses ausgebrannt ist (fahrläige Brandstiftung), sowie der Speicher (bewohnt). Das Storchennest und der Glockenstuhl auf dem Nordgiebel des Speichers sind verschwunden, und die Störche sind auf eine nahe Fichte im Gutspark ausgewichen. Ein Bild von 1992 zeigte noch die volle Ansicht von Speicher-Pferde- Schweinestall, 2000 nur noch den Speicher. Die Gleise der Kleinbahn Königsberg-Schaaksvitte wurden schon kurz nach 1945 entfernt. Ein Bild richtung Molsehnen zeigt den überwachsenen Bahndamm. Das Land wird nicht planmäßig bewirtschaftet und macht einen vernachläßigten Eindruck. Die evangelische Kirche in Schaaken ist heute Ruine.)) Am 7.Februar 1945 begleitete M. ihren lieben P.G. in Rauschen zu der befohlenen Sammelstelle, (Seite 59:) wo sie ihren Dorflehrer Moslener aus Molsehen (A.G.: mein Volksschullehrer, 1936-1939) und einige andere Bekannte aus der Gegend fanden. Es war ein bitterkalter Morgen, und die Kälte vertrieb sie. Ihr Abschied war bitter, ihr war die Kehle wie zugeschnürt. Sie würgte die Worte heraus: "Ich weiß nicht, was aus uns werden soll ohne Dich." Darauf erwiderte er hastig:"Na, und ich ohne Dich, ohne Deinen Rat, wie soll ich da auskommen! Wie wirst Du mir fehlen! ---" Es war das Ende für beide. ----- Nun war sie ALLEIN. Absolut allein, -- in dieser Situation. Am nächsten Tag erhielt M. von P.G. durch einen Boten noch einen Zettel, auf dem P.G. schrieb: Notfalls sollte sie mit den Kindern zu Fuß nach Pillau gehen. Er war schon viele Kilometer weiter. M. verließ den Trek und alle ihre Sachen, blieb mit ihrer Kolonne in Rauschen bei einem Bekannten und fuhr mit der Küstenbahn nach NeukuHren, wo noch Dampfer erwartet wurden. Hier war noch Hoffnung, auf diesem Wege davonzukommen, was auch gelang, wenn auch unter großen Schwierigkeiten. Die einzige Nacht in Neukuhren verbrachten sie auf einem Fußboden eines Büroraumes. Man hatte ihnen Erbsensuppe gegeben, in die man zum Weichwerden Soda hineingetan hatte. Die Reaktion war prompt. Die ganze Menschheit war nachtüber im Finstern auf den Beinen - vor der Tür. Eine große Menge (Seite 60:) selbstgebauten Pfefferminztee hatte M. von Hause mit, es gab kochend Wasser, so daß sie sich einen großen Topf voll brühte. Eine Wohltat nach der schlimmen Nacht. Auch Fremden konnte M. damit helfen, besonders einer alten Dame, die sehr krank geworden war. Sie dachte viel an P.G., der ihnen diesen Tee in Eichmedien angebaut hatte. Am nächsten Tag wurden alle Mütter mit Kindern notiert, die mit dem erwarteten Schiff bevorzugt werden sollten. Die Goertz Kinder meldeten sich auch, wurden aber als zu groß befunden, trotzdem aber aufgeschrieben. Es war wenig Hoffnung. Dr.Storost war verloren gegangen im Gewühl. Auf dem Bahnhof wurde von einem geleerten Sanitätszug Verbandszeug, Tabletten und ein Sputumglas erbeutet. Letzteres wurde in einem Handnetz verwahrt und war unterwegs der größte Schatz. Ohne das Gläschen wäre es schlecht ergangen, es war wichtiger als ein Kochtopf. Die rosigen Berichte des zu erwartenden Dampfers wurden grausam enttäuscht. "Undine" war ein kleines, arg zerschossenes Fahrzeug, das wenig Vertrauen erweckte. Doch M. hatte zunächst das Glück mitzukommen, da nicht genug Kleinkinder und Säuglinge vorhanden waren. Alle mußten hinunter in den kleinen Kabinenraum und saßen zusammengepfercht, daß sich niemand rühren konnte. Kaum, daß man die Rucksäcke abnehmen konnte. Mit der Zeit wurde die Luft sehr schlecht, und Müdigkeit quälte alle. (Seite 62) Mit einigem Unbehagen merkten sie, daß die guten Matrosen des Schiffes vier Zinkeimer vorsorglich unter die Leute stellten, was auf Seekrankheit deutete. Kaum setzte der "Kahn" sich in Bewegung, so begann das Unheil auch schon. Die Eimer reichten nicht aus, die Enge hinderte am Herauskommen, der Gestank war bestialisch. Der Jüngste (Jan) und M. kämpften sich durch die Tür. Jemand schimpfte stets über den kalten Durchzug, wenn man durch die Tür ging. Tochter Ida war schon längst, vom Gestank vertrieben, oben auf dem Deck, dort war es besser. Sie blieben trotz Kälte und dauernden Wellenspritzer die ganze Nacht über oben. Jan und M. hielten es bis 21 Uhr aus, dann wichen sie der Kälte und gingen wieder nach unten. Dort war inzwischen Ruhe eingetreten. Fast alles schlief, die guten Matrosen hatten die schlimmen Eimer geleert und gesäubert. Die Luft war erträglich geworden , wenn auch nicht gut, es war leidlich warm. Der Koch hatte M. am Nachmittag Puddingpulver geschenkt und ihr versprochen, am Abend den Pudding für ihre Jungen mit Milch zu kochen. Doch abends war die Küche geschlossen. Smutje war auch seekrank geworden - er war ein Wiener. So bekamen sie nichts Warmes, die Milch war inzwischen sauer geworden. Ein Matrose hatte an die Leute Heringe aus einer Vorratstonne verteilt. M. hatte die Heringe noch nach Wochen in (Seite 63) Pommern, ebenso den Pudding. Die Matrosen hatten Mitleid mit den Flüchtlingen und wollten helfen, so gut sie konnten. Das rührte alle sehr. Eine Frau Dr. Sowieso war mit auf dem Transport, um alle zu betreuen. Von der Betreuung war aber nichts zu merken. Sie ließ sich guten starken Bohnenkaffee brühen (Kaffeebohnen waren eine Rarität, A.G.) und M. sah, wie die große Kanne voll in ihre Kabine getragen wurde. Betteln um einen Schluck Kaffee verhallte vergeblich. Als die "Undine" am nächsten Tag in Pillau ankam, wartete dort ein Riesenfrachtschiff, daß 2000 Menschen fassen konnte. Die Organisation des Hineinsteigens war aber so blödsinnig, daß nichts vorwärtsging und alle stundenlang mit dem Gepäck beladen Schlange standen und bald die Befürchtung hochkam, nicht mehr mitzukommen. Zank, Streit und Panikstimmung. Endlich war das überwunden, und man balancierte eine Strickleiter hinab in die Tiefe. Der Fußboden war mit Stroh und Holzwolle ausgelegt. M. eilte in eine Ecke der Rückwand, um wenigstens von einer Seite mit den Ihrigen "allein" zu sein. Ihre beiden Jungen hatten so große Hemmungen, wenn sie in Anwesenheit von Fremden ihr Geschäftchen verrichten mußten, daß wohl mehrmals ein Malheur geschehen wäre, wenn da nicht das "Gläschen" und die dunkle Ecke gewesen wäre. Das war aber auch die einzige Schwierigkeit, die M. mit ihren Kindern hatte. Sie waren stets wie die Lämmer. Für (Seite 64) die ganze Menschheit wurde zur Notdurft für die Nacht 1 Zinkeimer für kleine Kinder hingestellt mit der Mahnung der "Frau Doktor", daß die Herren der Schöpfung den Eimer nach oben tragen möchten, wenn er voll sei. Die Herren der Schöpfung dachten aber nicht daran, dieses zu tun. Frau Doktor wurde unsichtbar, und niemand kümmerte sich. Die Folge war, daß man Holzwolle darauf legte, als der Eimer voll war, um mit Vogel-Strauß-Manier nicht zu sehen, wie er überlief. Allmählich wurden die benachbarten Strohlagerstätten unliebsam durchnäßt, und die Schlafenden bemerkten das Unglück zu spät. Wieder einmal Gestank. Am nächsten Morgen erschien Frau Doktor mit mehreren 20 Liter Kannen warmer Grütze für kleine Kinder. Da Jan Goertz an seiner Leiblichkeit sehr zart und durch die Strapazen mitgenommen war, bat M. sie, ausnahmsweise auch für ihn einen kleinen Becher auszuteilen. M. war selbst von kleinem Wuchs, nur 1,46 m groß, und hatte einen sehr guten Persianermantel an. Sie hatte ja nur ihren Begräbnisstaat mit und war dementsprechend nicht geeignet für die Flucht angezoen. Auf ihre Bitte um einen kleinen Becher Grütze antwortete Frau Doktor: "Wenn Sie den Klosetteimer hinauftragen (die Strickleiter hinauf), können sie die Grütze haben!" Während M. verblüfft ihren Mantel, den Eimer und die Strickleiter mit einem Blick überflog, ergriff eine andere Frau, die physisch fast doppelt so stark und groß war wie sie, den Eimer und balancierte mit ihm (Seite 65) nach oben, um für ihren kranken Mann einen Becher Grütze zu erobern. M. ging geschlagen wieder in ihre Ecke. Nach einer Viertelstunde hatte das gute Kinderfräulein "Fafank" für die beiden Jungen ein gutes Mass Grütze erbettelt. Das Kinderfräulein (Elisabeth Frank, 1889-1982, gestorben in Hagen-Börsten?) war auf der ganzen Flucht der gute Engel. Es war manchmal, als ob M. mit zu ihren Zöglingen zählte. Um sich von der Nacht zu erholen, kletterten sie die Strickleiter empor und lustwandelten im Sturm an Deck, bis es ihnen zu kalt wurde. Die frische Luft war herrlich, und sie entdeckten sogar eine Toilette, deren Beschaffenheit allerdings aufregend war. M. hatte wohl einmal etwas von einem "Donnerbalken" gehört, aber nie dessen Realität erlebt. Hier war einer! Eine einsame runde Stange über dem freien Meer hinter einem vom Sturm ständig in die Höhe gewehten Vorhang. Davor eine nie aufhörende Menschenschlange. Verlockend war dieser luftige Sitz nicht. Wenn man diese rauhen Dinge zum ersten Mal erlebt, wird man doch stark beeindruckt, und man vergisst es auch nicht. Aber es ist erstaunlich, wie abgehärtet man wird solchen Situationen gegenüber - auch als Frau. Die Massentransporte und -quartiere gingen ja weiter, und die Notwendigkeiten müßen erledigt werden. (Seite 66) Im Laufe des 11.Februar 1945 landete das Schiff bei gutem Wetter in Gotenhafen (Gdingen). Die Goertz-Familie wurde nach einiger Ratlosigkeit in einen Lagerschuppen gewiesen, wo sie eine kleine abgeteilte Drahtkabine für sich allein erwischte, worin sich eine hohe Stellage Schiffsmatratzen befand, die sie sich gleich herunterholten und darauf lagerten. (In diesen Lagerschuppen kam ich auch, als ich Anfang März 1945 selbst durch Gotenhafen kam, A.G.) Alles war mit einer fingerdicken Staubschicht bedeckt, die nicht so leicht zu beseitigen war. Aber sie waren froh, endlich einmal allein zu sein, wenn die Trennwände auch nur aus Gitterdraht bestanden. Die Kälte kannten sie ja genügend, und am nächsten Vormittag konnte M. sich aus einem Nebenhaus heißes Wasser und Aufwischlappen besorgen, und so machte sie sich daran, ihre Kabine zu säubern. Leider hatte sie sich dabei zu sehr erhitzt und sich in der niederigen Temperatur eine Erkältung mit Halsschmerzen zugezogen, die sie nun bekämpfen mußte. Dem Schuppen gegenüber wawr die Ostsee mit vielen Schiffen, die interessant waren zu beobachten. Eines sollte sie ja weiter in die Nordsee bringen. Aber welches? Ab und zu erhielten sie von freundlicher Schiffsbesatzung übrig gebliebene Suppen und Brot. Die hilfsbereiten Matrosen schlossen sie in ihr Herz. Da sie nicht wussten, wann ein rettendes Schiff sie holen würde und sie jeden Moment damit rechnen mußten, wagten sie nicht, nach Langfuhr zu P.Gs. einziger von allen geliebten Schwester fahren (Elise (Seite 67) Meyer geb.Goertz, 1883-1949,Ostseestr.68). Sie schickten aber doch Ms. Schwester Anna Schukat (1901-1862) als Abgesandte, worauf die liebe Tante Lieschen kam mit allerlei Eßwaren, eingeweckten Hühnchen und Pflaumen, die noch vom eigenen Gut Schwetz, Kreis Graudenz, stammten und der Schafwolle, die sie hatte verstricken sollen. Welche Herrlichkeiten waren das für sie! Sie durften sich täglich eine Eintopfsuppe aus irgend einer Schule holen, und M. sieht noch die genußvollen Gesichter ihrer Jungen, als diese zum Eintopf das Schwetzer Geflügel verzehren konnten. Auch etwas Bettwäsche und anderes brachte ihnen Ms. Schwägerin. Außerdem erhielt M. schönen alten Schmuck mit der Begründung, daß M. ja nun bald in Sicherheit wäre und ihr den Schmuck aufheben könne. Sie ahnten nicht, wie schnell sie ihren goldenen Armreif loswerden sollte. Nach viertägigem Aufenthalt in Gotenhafen (Gdingen) hieß es plötzlich: Ihr müßt räumen. Es kommen noch doppelt so viele ostpreußische Flüchtlinge. Wer will aufs Land? Wer will mit der Eisenbahn weiterfahren? M. wollte nicht und ließ sich doch aufschreiben und im OFFENEN Güterzug verfrachten. Eingepfercht in eisiger Kälte, zugeschlossen, wurden sie über Nacht auf ein totes Gleis geschoben und wussten nicht, was weiter kommen würde. Diese Februarnacht 1945 bei Danzig gehörte mit zu den qualvollsten der ganzen Flucht. Die Beine starben ihnen vor Kälte und (Seite 68) Enge bis zu den Hüften ab. Ringsum Klagen und Jammern und schreiende Kinder. Das "Gläschen" war wieder einmal die Rettung. In einer Entfernung sahen sie, wie eine Dame mit ihrem Schuh ihre Exkremente über Bord schüttete. Plötzlich erhob sich auf dem anderen Ende des Güterwagens ein Jubelruf: Man hatte an einem Kinderwagen ein angebundenes "Töpfchen" entdeckt, das nun ausgeliehen wurde. Seit dieser Nacht rät M. jedem, für solche Touren unter allen Umständen ein Töpfchen als unentbehrlich mitzunehmen und dafür alle Kochtöpfe zurückzulassen. In jedem Güterwagen und auch auf beiden Dampfern kam M. wiederholt der Gedanke, daß die Transporte in Rußland wohl kaum schlimmer sein können, nur mit dem Unterschied der größeren Kälte. Am 16. Februar 1945 fuhren sie endlich los ins Unbekannte und landeten in Pommern in dem hübschen Städtchen Lauenburg, spät nachts, halbtot. Sie wurden von braununiformierten SA-Männern empfangen, auf Lastwagen hinaufgehoben und in die Stadt in eine hell erleuchtete, geheizte Schule gebracht. Dort empfingen sie NSV-Frauen, die sie mit wunderbar warmer Suppe wieder belebten. Eine Bedauernswerte hatte ihr Baby tot im Kinderwagen. Die Mutter selbst war völlig entkräftet und geistesabwesend. Das Nachtquartier war in Schulklassen, sehr warm aber wieder aufs engste zusammengepfercht. Die Füße des Obermannes auf dem Kopf des Untermannes. (Seite 69) Männlein und Weiblein durcheiander. Sie hatten dauernd Streit wegen frischer Luft. Die Verpflegung war gut. Sie hatten am Tage die Möglichkeit, sich das Städtchen anzusehen. Nach 5 Tagen dieses Idylls - sie hatten sich gerade etwas erholt - obwohl sie die Kleider seit ihrer Abfahrt von daheim nicht einmal vom Leib ziehen konnten, hieß es: Wer will aufs Land? Einige meldeten sich. M. wollte über Stettin weiter nach dem Westen und wurde dafür notiert. Diesmal kamen sie in einen Güterzug mit geschlossenem Wagon, aber wieder sehr eng und mit viel Streit. Im innersten Herzen segnete M. immer wieder ihre beiden Söhne Peter (1934-1992) und Jan (* 1935), daß sie so schweigsam waren und ihr nicht den Kopf durch lautes Wesen wirr machten wie andere Kinder. Kein Klagewort kam über ihre Lippen. Ihre Gesichter wurden immer kleiner und blasser. Auf Ms. Fragen kam nur ein leises "Ja" oder "Nein". Der sie verabschiedende SA-Mann sagte ihnen: "Liebe Menschen, reiset gut!" Doch er hat sicher gewußt, daß sie Stettin nicht mehr erreichen würden. Im Laufe des Tages nach längerer Fahrt wurde ihnen gesagt, daß sie an einer der nächsten Stationen aussteigen müßten. Die Wagen würden abgehängt. Die erste Station war Bublitz, Kreis Köslin, die zweite Drawehn. M. entschloß sich für Drawehn - wie sich später (Seite 70) harausstellte zu ihrem Glück. Sie waren alle empört, daß sie heraussteigen mußten, aber es half nichts. (wird fortgesetzt) go to TOP menu

[ Margarete Goertz: Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreußens, I ]