Margarete Goertz:
Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreußens, I.
(Life of a Country Lady in East Prussia, Part I)
[
Margarete Goertz: Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreußens, II
]
dedicated to 'my beloved children/meinen lieben Kindern' and
narrating the time before the Red Army invaded in January 1945)
Ein ostpreußisches Erinnerungsblatt
von Margarete Goertz geb.Schukat
geb.Schattern Kreis Memel, Ostpreußen am 31.3.1900
Ehefrau des Paul Gerhard Goertz
gest.in Thunder Bay,Ontario,Canada am 14.2.1996
Click hier Vorbemerkung:
Dieses "Erinnerungsblatt von 100 Seiten" wurde von Adalbert Goertz ediert,
um es lesbarer zu machen. Wo "ich" und "mich" geschrieben steht, ist hier
"Sie" oder "M." zu lesen etc.
Zur Familie vgl. Deutches Geschlechterbuch, Band 133, Seite 261 - 266,
Starke-Verlag Limburg 1964:
Zur Familie Goertz
.
Du und Ich (d.h. Margarete und Paul Gerhard)
Du sahst mich an -
ich war von Deinem Blick gefangen
Ich wusste nicht,
dass dieser Blick
mein ganzes Leben sollt anhangen.
Notgeld/Wertmarke um 1922-1923, Messing, Durchmesser 20.9 mm (= 1 Centner Roggen)
(Seite 1:)
Begegnung
16.Juni 1923.
Sommersonnenpracht - ostpreussische Gutsatmosphäre.
Wachsende Ernten auf schimmernden Feldern. Rehjagd-Glück.
Besuch kommt. Der überladene Kutschwagen fährt vor.
Margarete Schukat geht auf die Terrasse an den Wagen zum Empfang der
Ankommenden. Ihr Blick überfliegt die Insassen des Wagens - ihr Fuss
ist gebannt, sie kann sich nicht vom Fleck rühren trotz grosser
Anstrengung; ein Blick aus grossen blauen Augen hält sie unentrinnbar
fest, gebannt, so dass sie den Aussteigenden im Wege ist und der
Hausherr mit einem Scherz sie an der Schulter fassend zur Seite schieben
muss. Sie ist ärgerlich über den Urheber ihrer Gelähmtheit,
jenem grossen Blonden, Paul Gerhard Goertz, von dem sie schon im voraus
weiss, dass er ein Gutsbesitzer und Domänenpächter mehrerer
Güter mit Schlössern in Ost- und Westpreussen ist und dessen
Musikliebe ihn heute hierher geführt hat, um sie Klavier spielen zu
hören.
(Bemerkung 1: M.Sch. hatte 1925 Klavier im Konservatorium in Leipzig
studiert)
Er hat ein stilles Gesicht, kummergezeichnet,
(Seite 2:)
mit prüfenden Augen, und seine Bescheidenheit versöhnt sie
wieder. Jedoch bleibt eine kleine Unruhe in ihr und eine Bereitschaft zur
Abwehr. Erneut prüft sie im Salon sein suchendes Prüfen und ist
kriegsbereit.
Sie erhält ihn als Tischherrn. Ihre Kampfesstimmung quittiert er
mit eisigem Schweigen. Sie spürt förmlich die Wand, die
aufsteigt,
bis... ein Wort von ihr an ihr Gegenüber ihn elektrisiert:
"Wie man ein Instrument anschlägt, so tönt es wieder..."
Das schlägt bei ihm ein. Das hat er gesucht. Es wird ein wundervoller
Abend voll anregender Gespräche, Musik und unausgesprochenen,
beglückenden Einverständnissen - und Christian Morgensterns
Verse werden wahr:
"Genug oft, dass zwei Menschen sich berühren,
nicht leiblich, geistig nur - dass sie sich seh'n,
dass sie sich einmal gegenübersteh'n..."
24 Stunden voll Unvergesslichkeit. Zum Abschied sollte Margarete Schukat
jedem der Gäste aus eigenem Urteil heraus etwas für ihn
"Passendes" spielen. Für Paul Gerhard Goertz wählte sie die
"Morgenstimmung" von Eduard Grieg und die "Mondscheinsonate" von Beethoven
und hatte das Rechte getroffen.
Anschliessend einen befreundeten Gusbesitzer (Pietsch) besuchend,
staunt dieser über Pauls verändertes
(Seite 3:)
Wesen und sagt ihm auf den Kopf zü "Sie haben Ihre Erfüllung
gefunden!
Sie sind der Frau Ihres Lebens begegnet!"
"Vielleicht?" war die Antwort.
Langenau, Kreis Rosenberg, Westpreussen
Langenau um 1859 nach A.Duncker, Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und
Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der Preußischen
Monarchie, Berlin 1857-1879 (Rote Bände)
Ende Juli 1923.
Hochsommerglanz in Westpreussen.
Wie ein Märchentraum das Schloss, der Park. Herrliche Fahrten durch
die satten Felder, heimliches Mossbruch, lockender Hochwald. Vertrautes
Wild. Dieser westpreussische Kreis Rosenberg ist eine Hochburg alten
Grossgrundbesitzes mit alter Familiengeschichte, ein bestehender Rest
alter Ordensgüter. Der Zauber dieser Atmosphäre ist einmalig.
Wer kann
sich ihr entziehen! Sogar die Domänenpachten konnten erblich sein.
Vertrauen - Tradition - wohlbegründet, verantwortungsbewusst. Zum
ersten Mal durchbrochen durch die Nachkriegszeit von 1914-1918 durch
das neue Siedlungsgesetz, welches jedem Grossgrundbesitz Land für
Kleinsiedlung abnahm, die nun die Güter umkränzten und an ihnen
nagten, die Jagden schädigten, die Frucht behutsamer Hege stahl,
gesetzlich geschützt.
(Bemerkung: durch Wilddieberei)
Die 1050 ha grosse Domäne Langenau, die schönste des
Regierungsbezirks Marienwerder, ein schönes Königreich für
sich, war ehemaliger Besitz der ausgestorbenen Familie von Polentz, deren
Vorfahr (Georg) das "Amt" Schönberg für Verdienste in der
Reformation erhielt. Das Gebiet war damals so gross wie die halbe Provinz
Westpreussen, dessen
(Seite 4:)
grösster Teil an befreundete Ritter verkauft wurde, da der
Eigentümer im Dienste blieb und sich nicht viel mit Landwirtschaft
beschäftigen konnte.
So entstanden die ununterbrochenen Güter der von Puttkammer, zu
Dohna, von Rosenberg, von der Groeben, von Finkenstein, von Oldenburg,
von Hindenburg, von Brünneck. Die Familie von Polentz behielt als
Stammgut nur das schöne Langenau.
Als die Familie von Polentz im Mannesstamm ausstarb und der letzte Erbe
eine Tochter (Karoline) war, ging das Rittergut Langenau durch Heirat
1864 in den Besitz der benachbarten Familie (Albert) von Hindenburg
über, die es in der nachfolgenden Generation unter Günther von
Hindenburg, geistig umnachtet, 1901 schuldenhalber an den preussischen
Staat verkaufte.
Dessen Witwe Helene bewirtschaftete es als Domänenpächterin
weiter, bis auch dieser Zustand schuldenhalber 1920 sein Ende erreichte
und die Domäne in die Hand von Paul Gerhard Goertz überging, die
ersten zwei Jahre als Generalbevollmächtigter der alten Familie bis
zum Ende der Pachtperiode 1922, ab 1922 selbst als Pächter (mit
Laufzeit der Pacht bis 1948). Erwähnenswert ist der Anlass, der die
verwitwete Helene von Hindenburg dazu bestimmte, Paul Gerhard Goertz zu
ihrem Nachfolger unter vielen anderen Bewerbern auszuwählen. Helene
von Hindenburg hatte sich erkundigt, welche Personen als Bewerber um die
Domäne
(Seite 5:)
Langenau in ihrem Wartezimmer weilten und liess allen Herren sagen, sie
möchten nicht mehr warten, nur Herr Goertz möge zu ihr kommen.
Paul Gerhard Goertz staunte. Die fromme Frau von Hindenburg empfing P.G.
auf das Liebenswürdigste mit den Worten:
"Herr Goertz, Sie sind Mennonit?". P.G.:"Ja."
"Unsere Familie hatte einen über alles geliebten Hausfreund, der
Mennonit war. Als er starb, beerdigten wir ihn als einzigen
Bürgerlichen, der nicht von unserem Blute war, auf unserem
Familienfriedhof im benachbarten Neudeck und setzten ihm eine Gedenktafel
als UNSERM TREUSTEN UND BESTEM FREUND.
Durch ihn haben wir die Mennoniten schätzen gelernt. Daher gebe ich
Ihnen, lieber Herr Goertz, die Domäne, weil sie Mennonit sind. Ich
weiss, dass sie in guten Händen ist."
Zwei Jahre lebte Helene von Hindenburg und ihre Kusine Ida, Schwester des
Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg, in Harmonie mit Paul Gerhard
Goertz zusammen in Langenau, bis sich auch diese Wege trennten. Jetzt
war es reichlich ein Jahr später.
Erfüllte Tage, zauberhafte Abende mit Klaviermusik im "gelben Saal",
einem gotisierenden Bauwerk, das der Gemahl der letzten Polentz-Tochter
Karoline zu seinem Einzug geschaffen hatte. Er hatte dem alten
einstöckigen Bau ein 2.Stockwerk aufgesetzt und zwei
Seitenflügel hinzugefügt,
(Seite 6:)
so dass es eine Hufeisenform erhielt nach dem Vorbilde des grossen
Schlosses von Finkenstein. Orgelspiel in der kleinen Patronatskirche
Langenau, in der die Polentz ruhten und die mit vier riesigen, von
Mönchen gemalten Ölgemälden geschmückt war, die Paul
Gerhard Goertz im Jahre 1924 auf eigene Kosten von 2 Berliner Kunstmalern,
Wronka und Fahlberg, restaurieren ließ.
(Seite 7:)
Landkarte um Freystadt-Langenau-Neudeck.
16.Juni 1927.
Hochzeitstag in Elbing in der kleinen Mennonitenkirche bei unserem
lieben Pastor Emil Händiges. Unser Trautext:
"Einer trage des andern Last" (Gal.6,2) und
"Gott aber kann machen, dass allerlei Gnade unter Euch reichlich sei
in guten Werken" (2.Kor.9,8). Wie hat es sich erfüllt!
Gedanken an den schönen Einzug in Schloss Langenau am 17.6.1927,
an das Idyll der jungen Ehe. Übrigens war das Idyll recht anstrengend
für Margarete Schukat, jetzt Goertz. Grundsatz von Paul Gerhard
Goertz: Ich habe nicht geheiratet, um weiterhin allein zu sein, sondern
um eine Gehilfin um mich zu haben. Praktisch sollte Frau Margarete stets
mit Paul Gerhard zusammen sein und jede Arbeit mit ihm erledigen. Da gab
es dann manche A;nderungen in den bisherigen Gepflogenheiten. Sie
öffnete und erledigte seine Post, empfing jeden, der zu ihm wollte
und erledigte weitgehend seine Anliegen für ihn. Ob Gutsverwalter
engagiert oder entlassen wurden, ob eine Feldbestellung
überprüft werden sollte, ob ein neuer Ofen in einer
Arbeiterwohnung gesetzt wurde oder der Streik der
Ziegelei-Arbeiter
geordnet, bei allem musste Frau Margarete dabei sein.
(Seite 8:)
So lernte sie viel und wuchs durch ihn. Es ist vorgekommen, dass
"ich armes Wesen" einmal einem "selbständigen" Gutsverwalter
prüfen und kündigen musste. Detektivtalent hatte sie und musste
dieses wiederholt bei Unregelmässigkeiten, die in solch grossen
Betrieben ja immer mal vorkommen, aktiv betätigen. Wenn sie dann die
Betrüger entlarvt hatte und die Konsequenzen gezogen wurden, dachte
sie jedesmal:
Ganz so dumm, wie ich aussehe, bin ich ja doch nicht.
Am schmerzlichsten traf ihre Alleinherrschaft bei P.G. deren alten
lieben Diener Urban, als P.G., der sonst stets gesund war, einmal doch
infolge Erkältung das Bett hüten musste, um eine Schwitzkur zu
machen.
Urban wollte P.Gs schweissdurchtränkte Wäsche wechseln und wurde
angehalten, statt seiner die "gnädige Frau" zu holen, um diesen
Liebesdienst zu machen. Frau Margarete vergass nie das gekränkte
Gesicht dieses alten Dieners, als er seine Botschaft bei ihr ausrichtete.
Zum ersten Male hatte P.G. seine Dienste verschmäht, - als ob er
nichts mehr tauge. Es war sehr bitter für ihn, in manchen Dingen der
"gnädigen Frau" den Platz zu überlassen. Als sie P.G. ihren
Kummer schilderte, meinte er: "Ich habe mich nicht verheiratet, damit
meine Frau auf den Klingelknopf drückt, um mir die Dienerschaft auf
den Hals zu hetzen, wenn ich etwas brauche".
(Seite 9:)
Im übrigen war P.G. nicht anspruchsvoll, brauchte spartanisch wenig.
Die Bedürfnislosigkeit in allen Dingen war seine grösste Tugend.
Das einzige, was er brauchte, war viel Platz. Es drückte sich in
allem aus. Seine Güter mussten gross sein, sein Bett musste doppelt
breit sein. P.G. hatte schöne französische Messingbetten. Seine
Sessel mussten gross und breit sein, die Zimmer gross. In seinen
grossen Wolfspelz konnte man sich zweimal einwickeln, und wenn die
Eheleute zusammen im Wagen fuhren, brauchte P.G. gewiss 3/4 und Margarete
1/4 des Wagensitzes. Das führte öfter zu Gelächter, wenn
Frau Margarete leise jammernd sagte: "Kannst Du nicht ein wenig weiter
rücken?". P.G. hatte nie bemerkt, das sie ganz in die äusserste
Ecke gedrückt sass bis zur Unmöglichkeit.
Das soll aber beileibe nicht den Eindruck erwecken, als ob sie ein von
P.G. unterdrücktes Leben führte! Margarete war immer die Krone
auf P.Gs Haupt, und P.G. liess M. immer gelten und schob sie immer in den
Vordergrund zur Bewunderung und oft Neid von anwesenden Frauen, die
in ihren Gesichtskreis kamen. Da hiess es denn:
"Haben Sie bemerkt, als Ihr Gatte zur Tafelrunde sprach (Hoesen-
Hagenhorst in Pommern-Bohn), sprach er eigentlich nur zu Ihnen,
als ob er sagen wollte: Meinst Du nicht auch?"
P.G. sagte scherzend, wenn
(Seite 10:)
Schloß Langenau 1928 - 1931.
die Frage der Zuständigkeit erörtert wurde:
"Ich bin der Herr im Haus, und was meine Frau sagt, wird gemacht!", oder
"Das hat mein Chef zu verantworten". P.G. nannte M. "Chef des Chefs".
M. wollte immer einen Herrn über sich haben, einen guten
natürlich, aber jedenfalls einen Herrn, den sie respektieren konnte,
und den hatte sie. Gott hat sie ewig dafür gedankt. Schlimm, wenn ein
Haus herrenlos ist und die Frau die Hosen an hat.
Die Anforderungen an eine Gutsfrau, an P.Gs Gutsfrau, waren für ihre
körperliche Leistungsfähigkeit recht hoch (Sie war nur 145 cm
klein, er über 174 cm groß). Als erstes merkte sie, daß sie in
"Windpreußen" war. Es war immer Wind, so dass sich zunächst ihre
Augen entzündeten, bis sie sich daran gewöhnt hatten. P.G.
liebte es, täglich mit M. in einem kleinen Feldwagen mit seinen
jungen temperamentvollen "Goldfüchsen" aufs Feld zu fahren, wobei M.
kutschieren und die feurigen Tiere, die kaum zu halten waren, im Schritt
halten mußte: Im Sonnenbrand hinter dem Grassmäher auf
(Seite 11:)
der großen Wiese endlos her, damit P.G. sich das Mähen und den
Ertrag, die Qualität, genau ansehen konnte, oder hinter dem Pflug
her, dicht an der Pflugschar, damit er die Furche genau sehen konnte, oder
hinter dem Kartoffelgräber usw. Ms. etwas klein geratene Person mit
den reichlich kleinen Händen mußte alle Kraft aufwenden, um die
Pferdeleine fest genug zu halten. Die Peitsche dazu konnte sie nicht
bewältigen. Sie stemmte ihre Füsse gegen den Wagen, um nicht von
den Pferden vornüber gezogen zu werden. Es passierte einmal, daß sie
allein zu einer Feldscheune fuhr mit Peitsche und Pferdeleine in einer
Hand, daß die heftigen Füchse ihr die Leine aus der Hand rissen
und
durchgingen und sie am Rande des Todes war.
P.G. liebt es, um 5 Uhr früh mit M. einen Feldmarsch zu machen, um 6
Uhr zu frühstücken und um 7 Uhr aufs Feld zu fahren, kurz
Mittagspause und um 2 Uhr wieder auf den Wagen bis abends. Was dann von M.
übrig blieb, war nicht mehr viel. Wenn M. klagte: "Ich kann nicht
mehr", sagte P.G. lachend: "Von dem bisschen?" Dann schämte sie sich
ihrer Schwächlichkeit und dachte über einen Ausweg nach, wie sie
mit P.G. Schritt halten, daneben Haushalt leiten und alles aufs beste
haben sollte. M. mußte lernen, wie die Gespannführer der 12 Gespanne
(zu je 4 Pferde) des Hauptgutes, der 8 Gespanne des einen Vorwerks
(Seite 12:)
"Altvorwerk", und der 4 Gespanne des anderen Vorwerks "Neuvorwerk" alle
hießen. Ebenso mußte M. die Gespanne kennen. Wenn es hieß,
das
Sattelpferd des (Gespannführers-Arbeiters) Nowak hat Kolik, weil
dieser heimlich zu viel Zuckerrüben verfüttert hatte, oder das
rechte Vorderpferd des (Gespannführers-Arbeiters) Friese lahmt, so
mußte sie wissen, welches Pferd es war und sich auch klar sein, ob sein
eventueller Verlust viel oder wenig bedeutete. Wenn einer der Leute
(Arbeiter) rebellierte, was in jener "roten" Zeit geschah, so mußte M.
schnellstens ein Urteil haben, ob der Fall grundlos oder mit Recht
geschah. Die erste Frage war dann meistens:
Was hat der Mann für eine Frau?
Also mußte M. auch die Frauen kennen. War sie eine Verbraucherin und faul
und liederlich, so kam sie nie mit ihrem Lohn aus, plagte ihren Mann,
daß er nicht genug verdiene, und der Mann trug seinen Zorn ins Gutsbüro.
Es gab dann Streit und auch Streik. Im ersten Ehejahr erlebt M. in der
Weizenernte einen Lohnstreik, "in dem wir siegten". Der Regen hing, der
Weizen stand draußen, und die "Leute" streikten.
P.G. ging sofort ins Fach zum Staken. Oberinspektor Richard Ertel mit Frau
und Inspektoren, Eleven, Rendant Zimmermann, Gärtner,
Hausmädchen - alle hinaus, der alte Diener Urban in die
Gärtnerei, und M. allein in der Küche. Als Sondervergnügen
hatte der Gärtner vorher noch schnell 5 Zentner blaue Pflaumen, die
vom Regen teils
(Seite 13:)
geplatzt waren, zum Einmachen
beschert. Auf Hilfe konnte also M. nicht hoffen. Doch wenn man jung ist,
hat man Mut. Mit einem kleinen Messer wurden die Pflaumen aufgespalten und
entsteint, es gab eine lange Nacht, die Pflaumen sofort in den Kessel und
angekocht. Ein durchregneter Brunnebohrer, der sich am Herd wärmen
wollte und trocknen wollte, half M. die Pflaumen zu entsteinen - es wurde
ein herrlicher Pflaumenmus.
Natürlich mußte M. die Fruchtfolge kennen und verstehen. P.G. hatte
auf dem Hauptgut und auf einem Vorwerk - Altvorwerk - 10-Felderwirtschaft,
auf dem 2.Vorwerk - Neuvorwerk - 4-Felderwirtschaft. Die
Wirtschaftsmethode ging dahin, um bare Geldausgaben zu ersparen und den
Acker in Kultur zu bringen und dadurch höchste Leistungen zu
erzielen, eine Fruchtfolge mit stickstoffsammelnden Früchten -
Leguminosen - anzuwenden.
Kleebau an erster Stelle. Zuckerrüben und Kartoffeln erhielten etwas
Kunstdung. Ab 1929 wurde ein ganzes Feld Raps und Rips gebaut, um die
Bodengare zu fördern. Die 10-Felder-Fruchtfolge sah so aus:
Klee I, Klee II, Rips, Zwischenfruchtwicke, Winterung (Weizen oder
Roggen mit Klee-Einsaat), Klee I, Winterung, Zwischenfruchtwicke,
Hackfrucht (Hackfrucht und Grünfutter Leguminosen), Sommmerung mit
Klee-Einsaat.
Die Ernten stiegen.
(Seite 14:)
Das Abschätzen des Getreides auf dem Halm wurde gern geübt und
M. hatte schnell eine Fertigkeit darin. Die Mastochsen in Altvorwerk
wurden auf ihren Fettzustand an einer bewußten Stelle gepru;ft. Wenn
Gäste kamen, und die Mastochsen vorgeführt wurden, und
Gäste sahen, wie M. sachkundig mit kleiner Zeigefingerspitze den
Ochsen auf die bewußten Fettprobenknochen tippte, so gab es
Riesengelächter. "Wie ein Fleischer!", hieß es dann.
Auf P.Gs vielen Feldfahrten prägten sich M. seine
geäußerten
Beobachtungen fest ein. Die "Goldfüchse" z.B. frassen mit gieriger
Vorliebe an Hecken und Bäumen, und P.G.meinte: Es mußß
doch etwas
besonderes daran sein, daß die Tiere sich so sehnr nach den Zweigen
der Bäume reißen. Man weiß heute, daß es
Heil-Nahrung
ist.
Oder:
P.G. wußte, daß Mineraldünger die Leguminosen vertreibt
und
hatte
seine Abneigung gegen diese. Ebenso war deutlich beobachtet, daß
jedes
Tier seinen eigenen Dung meidet und die darauf wachsenden Pflanzen. Man
muß daher bei der Futtergewinnung darauf achten, mit welchem
Tierdung
man das Futter düngt, immer mit dem einer anderen Tierart. P.G.
zeigte M. bei hügeligem Gelände die Unterschiede des
Pflanzenwachstum auf gewissen Nord- und Südhängen, zwischen
Sonnen- und Schattenpflanzen.
Im Frühjar bei der Schneeschmelze konnte P.G. nicht genug darauf
hinweisen, wieviel länger der
(Seite 15:)
Schnee auf den Nordhängen liegenbleibt und Nachteiliges hat. Die
Sonnenstrahlung, Sonnenwürze, Sonnensüße, Sonnenreife, sie
sind
für alle Lebewesen ausschlaggebend, unersetzlich. Nasse Jahre sind
ein Elend.
In das erste Ehejahr fiel auch der Besuch des mennonitischen Ehepaares
Heinrich Peter Krehbiel (1862-1940, s.Menn.Enc.III,238) aus Kansas auf
der Mennonitischen Weltkonferenz in Danzig, das mit Pastor Emil
Händiges aus Elbing 1927 nach Langenau kam. Es waren gerade die
schönen Pfirsiche reif, die großen Beifall fanden, und Herr
Krehbiel
nahm sich einige Steine mit nach Amerika, um sie dort zu pflanzen. Er
wollte sie "Margareten-Pfirsiche" nennen. Im gefielen die roten
Polsterstühle aus dem roten Salon sehr, und P.G. schickte ihm einen
der roten Stühle zur Erinnerung nach Amerika, was ihm große
Freude
gemacht hat.
In allen Dingen war P.G. mit M. zusammen, seiner rechten Hand, seiner
Privatrekretärin. Er wollte nichts allein machen. Sie mußte
stets
dabei sein. Die Geburt ihres ersten Sohnes Adalbert am 3.Dezember 1928 in
Langenau war der Höhepunkt ihres bisherigen Lebens. Bei der
Namensgebung der Tochter Ida (geb. 3.Febr.1930) waren sie uneins. Die
(Seite 16:)
Ähnlichkeit mit P.Gs Mutter entschied ihren Namen als er mit
freudigen Worten ausrief: "Das IST ja die Ida Goertz (geb.Penner, 1863-1926).
Dann kam eine schwere Zeit. Sie verlor einen Sohn durch Frühgeburt im
Dazember 1931, ihre Lunge nahm Schaden, sie mußte zur Kur nach
Badenweiler für drei Montate im Frühjahr 1932.
(Seite 18:)
In das Jahr 1928 fiel die Abgabe des geliebten 200 ha großen
Langenauer
Waldes an den preußischen Staat, der denselben an den
"Hindenburgdank"
verkaufte. Jene Einrichtung erwarb durch ihre "Groschensammlung" von der
Industrie aus durch Herrn von Zastrow den Wald und schenkte diesen
zusammen mit Gut Neudeck dem Generalfeldmarschall und
Reichspräsidenten Paul von Hindenburg. (Neudeck war vorher von Lisa
von Hindenburg erworben, mußte aber schuldenhalber verkauft werden
und
kam durch den "Hindenburgdank" wieder an die Familie).
Nach langwierigen Verhandlungen, deren erste M. in Abwesenheit ihres
Mannes P.G. mit Herrn von Zastrow, dem zuständigen Oberregierungsrat
Wiechmann aus Marienwerder und Oberförster Lassen führte, wobei
sie den Oberregierungsrat durch ihre Kenntnis der allgemeinen
Pachtbedingungen in Erstaunen setzte, erhielten die Goertz eine
Entschädigung für ihre Waldrechte, Holzungen und Jagdrechte in
Höhe von 27.000 Mark für die verbliebene Pachtzeit bis 1948.
Außerdem verpachteten sie 700 Morgen Jagdvorland ihrer Domäne,
die
dem Walde vorgelagert waren und erst eine Nutzung der erstklassigen
Rotwildjagd ermöglichten. Die Langenauer Hirsche waren stärker
als die
(Seite 19:)
der Schorfheide.
( A.G.: Die durch ihren Wildbestand ausgezeichnete Schorfheide mit dem
Jagdschloß Hubertusstock lag im Kreis Angermünde ,
Reg.Bez.Potsdam
in der Nähe von Joachimstal.)
Außerdem wurde ein gesetzlich verankerter Wildschadensersatz
vereinbart.
Diese Wildschadensangelegenheit wurde eine Trübung des nachbarlichen
Verhältnißes (zu Neudeck), und es fiel das Wort: " Es ist ein
Unglück, der Nachbar eines Königs zu sein."
Eine Bitte um Abänderung (durch eine etwaige
Pauschalentschädigung anstelle der laufenden Schadensschätzungen
für die Dauer der Pachtzeit bis 1948) an den Reichspräsidenten
verwies dieser an seinen Sohn Oskar, da dieser der im Grundbuch
eingetragene Gutseigentümer sei.
(Neudeck, Kreis Rosenberg -
H.Brink: Die Besitzungen des Geschlechts derer von Beneckendorf und
von Hindenburg in unserer Ostmark, in:
Ostdt.Monatshefte 12, 1931m S.182-184;
Gen.Handb.des Adels A7, S.734)
Dieser aber reagierte auf nichts und wurde von dem zuständigen
Oberregierungsrat Wiechmann ersucht, den Wildschaden an Herrn Goertz zu
zahlen, da die Regierung andernfalls von ihrem Pächter die Pacht
nicht verlangen könne.
In jenen Jahre seit 1928 fuhr P.G. oft nach Mariensee im Freistaat Danzig
zu Familie Lorenz zur Wirtschaftsberatung und besuchte bei der Gelegenheit
auch die drei Kusinen Grete (1875 - 1945), Anna (1876 - 1945) und Ruth
Goertz (1895 - 1966) in Schwarzenfelde bei Praust und Vetter Erich Goertz
(1879 - 1936) in Bangschin, Kreis Danziger Höhe, dessen Sohn Klaus
Goertz (geb.1909)
(s.H.Bloech, Hrsg.:Ostpreußens Rinder und ihre Zuchstätten,
Bd.2 (Westpreußen), 1980, Seite 558-560)
und natürlich P.Gs einzige Schwester Elise Meyer (1883 - 1949) in
Danzig-Langfuhr, Ostseestr.68. Eine Reise machten sie zu einem Freund
von Lorenz, einem Herrn von Kleist in Labehn, Pommern, und zu Bohn,
Schwiegfersohn Hoesen in Hagenhorst, Pommern. M. hatte auf der Flucht
(1945) oft an diese Güter denken müßen und den Kindern in
(Seite 20:)
verängstigten Nächten von ihren Bewohnern erzählt. M.
wanderte damals gern in Gedanken in jene Jahre zurück
Einiges muß noch über das Langenauer Schloss gesagt werden, das
1945
abbrannte:
"Abgesehen davon, dass es ein sehr schöner Bau war, wird es jedem
verständlich sein, wenn ich sage, dass ich dieses Haus
ausserordentlich liebte, war es doch mein Heim meiner ersten 6 Ehejahre,
der Ort meiner Liebe das Geburtshaus meiner ersten beiden Kinder Adalbert
(* 1928) und Ida (* 1930 "Bibi"). Wie schon erwähnt, war der
ursprüngliche Bau ein schlichtes einstöckiges Wohnhaus der sehr
reichen Familie von Polentz,
(Georg von Polenz, 1475 - 1550, Bischof von Samland, Nachfolger von
Bischof Gerhard von Queis, ,+ 1529, im Amte Schönberg)
für Verdienste (um die Reformation) mit dem Amt Schönberg
verliehen mit dem Stammsitz in Langenau."
In der dicht neben dem Schloss befindlichen kleinen Patronatskirche
ruhten unter steinernen Grabplatten mit eingemeisselten Schriften rings
um den Altar die Geschlechter der dahingegangenen Polentz, ausserdem lagen
sie auch noch ausserhalb der Kirche an der Kirchenmauer, einige Grabsteine
standen hoch aufgerichtet an der Kirchenmauer auf der Nordseite.
Zu P.Gs Zeit (1920 - 1933) wurde die Gruft in der Kirche einmal von
Geschichtsforschern mit Genehmigung im Beisein des Langenauer Pfarrers
Georg Hoffmann (Pfarrer in Langenau und Goldau, 1919 - 1925), der die
Langenauer Chronik aufbeahrte, geöffnet. Die Särge wurden
untersucht.
(B.Schmid: Ahnentafeln in der Kirche zu Langenau , in Altpreussische
Geschlechterkunde 10, 1936, S.1-4)
Man fand unter den anderen einen Jüngling von
(Seite 21:)
etwa 18 Jahren, völlig unversehrt mit ziemlich langen Haaren,
eingehüllt in rote Seide, einem roten seidenen Sack, der an den
Füssen und über den Kopf mit einem Band fest zugezogen war.
Unter dem Kopf hatte der Jüngling Polentzsche Briefe und andere
Handschriften, die man aus dem Sarge herausnahm, Den roten Seidenbeutel
zog man wieder zu, die Särge schloss man, die Grabplatten legte man
wieder an dieselbe Stelle. Vier grosse ovale ölgemälde mit
biblischen Szenen, von Mönchen gemalt, hingen an den
Wänden der Gruft. Kleine Ölgemälde bedeckten die
Vorderseite der Empore, sie galten als sehr wertvoll. Links vor dem Altar
befand sich der Herrschaftssitz, an dessen Rückwand ein alter
geschnitzter Beichtstuhl stand.
(s.A.Müller in: Der Kreis Rosenberg, Detmold 1963, S.304 - 305 mit
Bildern)
Zwei von den grossen ovalen Bildern liess P.G. von zwei Berliner
Kunstmalern, Fahlberg und Wronka, 1923 restaurieren.
Doch zurück zum Schloss: Im Jahre 1863 heiratete die letzte Tochter
Karoline von Polentz - die Familie war in der männlichen Linie
ausgestorben - den Kammerherren Albert von Beneckendorf und von Hindenburg
aus dem benachbarten Neudeck. Dieser war also der erste Langenauer
Hindenburg.
Sein Sohn hiess Günther und trug den Beinamen "der Spieler", weil er
viel in Monte Carlo war und Tennisturniere spielte. Wir hatten auch
Tennisschläger von ihm. Von seiner Mutter Karoline, der letzten
Polentz-Tochter, besass M. aus deren Aussteuer ein Tafelservice, ein
"Fürstenberger Porzellan",
(Seite 22:)
weiss mit gelbem Rand und schwarzer Kante, sehr geliebt, zu 3 1/2
Dutzenden von jeder Tellersorte. Günther tat den für ihn
bezeichnenden Ausspruch zu seinem jugendlichen Sohn Albert, dem letzten
dieser Familie:
"Ich werde stolz sein, wenn ich Deine erste Sektrechnung bezahlen werde",
ein bedauernswerter Stolz! Er wurde irr und starb um 1902 als Irrer auf
Schloss Langenau unter der Pflege seiner Gattin Helene und unseres
späteren Dieners Urban. 1904 verkaufte Helene von Hindenburg
schuldenhalber das Gut an den preussischen Staat als Domaine und blieb als
Domainen-Pächterin bis 1920.
So war Langenau 1863 - 1904 Hindenburgs Besitz, rund 40 Jahre, bis 1920
als Domainenpächter, also 16 Jahre.
Zur letzten Hindenburghochzeit hatte Günther das Schloss nach
Finkensteiner Vorbild umbauen lassen, indem er ein zweites Stockwerk
aufsetzte und zwei Seitenflügel anbaute. Dazu muss bemerkt werden,
dass Finkenstein über 40,000 Morgen gross war und Langenau nur etwa 6
- 8.000 Morgen.
Als das junge Paar Goertz von der Hochzeitsreise zurückkam, um in
Langenau Einzug zu halten, hatte der damalige Langenauer Verwalter als
überraschung für den heimkehrenden "neuen Herrn" zum Empfang
für eine grosse Summe Geldes - es ist bezeichnend, wie seither mit
dem Gelde umgegangen wurde - auf der Vorderseite des Schlosses eine offene
Veranda mit Balkon darüber zum 1.Stock vor dem "Blauen Saal"
(Seite 23:)
angebaut. Sie war sehr praktisch und angenehm, da sie zu ebener Erde
ohne Stufen, und recht geschützt, sehr geeignet für kleine
Kinder.
Man konnte den Kinderwagen auch bei schlechtem Wetter unbesorgt dort
stehen lassen. Die massiven Pfeiler waren durch gotische Spitzbogen
und massiver Umfassung miteinander verbunden. Durch diese Veranda kam
man durch eine doppelte Glasflügeltür in die Eingangsdiele, den
sogenannten "Fliesensaal", weil dessen Fussboden mit grossen schwarzen
und weissen Fliesen ausgelegt war, ein angenehmer grosser Raum, der bis
zur Mitte des Hauses ging und den wir sehr liebten. Von hier aus
gelangte man geradeaus in einen ebenso grossen Gartensaal bzw. eine Diele,
den sogenannten "Pfeilersaal", so genannt, weil er in der Mitte einen
eisernen Pfeiler hatte, der die Decke trug. Dieser Pfeiler war von
einem sechseckigen, schweren gelben Eichentisch umbaut, mit hellbraunem
Tuch bedeckt, passend zu den schweren Fenstergardienen. Auf dem Tisch
standen die grossen roten Bücher "Deutsche Güter".
Alexander Duncker (1850-1929):
"Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der
ritterschaftlichen Grundbesitzer in der preussischen Monarchie ...",
Berlin 1857-1859.
Dies war eine alte Zeitschrift, die alle Landgüter Preussens enthielt
mit Bildern (Steindruck) und Geschichte derselben, eine
unerschöpfliche Lektüre. Vor dem Pfeilersaal war zum Park hinaus
eine offene steinerne sehr hübsche und geräumige Terasse, von
einer Steinmauer umfriedet.
Ein kleiner Balkon, der früher im 1.Stock vor dem
(Seite 24:)
"weissen Saal" gewesen ist, war abgenommen und lag auf dem Boden. Auf den
alten Steindruckbildern ist er aber noch zu sehen. Rechts vom Fliesensaal,
von Osten hereinkommend, kam man in eine Zimmerflucht von 3 hintereinander
liegenden sehr schönen zweifenstrigen Zimmern, den roten Empfangsalon
mit roten Plüschmöbeln, ein Kamin und alter Delfter Ofen in
weiss und blau-rosa. Darin hing ein Spiegel mit drei geschnitzten
lachenden Teufelsköpfen, die sich über die Eitelkeit der sich
spiegelnden Menschen lustig machten. Dahinter lag das sogenannte
"Jagdzimmer"
(dessen Mobiliar später nach Powarben umzog).
Dies war ein Herrenzimmer und P.Gs und Ms eigentlicher und ständiger
Aufenthalts- und Arbeitsraum, auch mit einem alten Kamin und dem alten
"Delfter Kachelofen" (wohl die andere Seite aus dem Empfangsalon, A.G.) in
weiss und grün, der Riesenholzscheite verbrauchte. Das letzte Zimmer
der Vorderfront rechts, das nach Osten lag und die herrliche Morgensonne
hatte, war das Billardzimmer. Es lag schon im angebauten
Seitenflügel. Die Fenster dort waren etwas anders gebaut, man erkennt
es auf dem Bild (im roten Güterbuch), ein drittes Fenster ging nach
Norden. Man gelangte aus diesem Eckzimmer in die Mitte des Hauses in einen
Durchgangsraum, der am Giebel eine sehr hübsche Wendeltreppe
enthielt. Sie führte nicht nur in den 1.Stock, sondern bis auf den
Boden, und führte hinab in den
Obstkeller, parterre abgeschlossen durch eine Glastür. Geradeaus kam
man von diesem kleinen Flur in den grössten Festsaal des Hauses, den
(Seite 25:)
sogenannten "Gelben Saal". Er nahm den ganzen Flügel des Hauses ein
und ging bis ins erste Stockwerk, mit drei riesengrossen Fenstern. In der
Mitte der Giebelwand war ein schöner Kamin mit einem grossen Spiegel
darüber. Gegenüber am Endgiebel waren 2 grosse Kachelöfen
in den Saaldecken, an den Wänden waren zwei Spiegel, an der Decke ein
50-kerziger Kronleuchter, gepflegtes Parkett, in der Mitte mit
Einlegearbeit. Am Giebelausgang nach der Parkseite war ein schmaler mit
Fliesen ausgelegter Raum in Saalbreite, für die Musiker gedacht, mit
2 eisernen öfen.
Der Ausgang durch eine doppelte gotische Glastür führte auf eine
kleine Terasse, Stufen nach beiden Seiten in den Park, die Terasse
weinberankt. In der Mitte des Schlosses Langenau war vom Giebeltreppenhaus
aus ein dunkler Gang, der aber eine Sackgasse bildete. Es war eine
Erinnerung daran, dass das alte aus ehemals von einem Giebel bis zum
andern von einem breiten Gang durchzogen war, von dem aus man zu beiden
Seiten in alle Räume gelangen konnte, was äusserst praktisch
war. Hier war jedoch der Gang vermauert und hatte eine tote Strecke in
Länge des Jagdzimmers. Fortsetzend kam ein kleiner zu beiden Seiten
mit Türen versehener Teil wieder zum Vorschein, eine Verbindung
zwischen dem roten Salon und dem gegenüberliegenden nach der
Parkseite liegenden 2 Damenzimmern mit barockfarbiger Stuckdecke, die
Verbindung zwischen dem
(Seite 26:)
gelben Saal und dem Pfeilersaal. Diese kleine dunkle Kammer hiess die
"Verlobungskammer", weil ein Hindenburg sich dort verlobt haben soll.
Die Fortsetzung dieser Verlobungskammer war eine weitere kleine
Vorratskammer, deren Tür in das Zentrum des Schlosses, den
Fliesensaal führte. Dieser hatte hatte nun die Fortsetzung des
Mittelganges aufgenommen und ging weiter in das links vom Fliesensaal
liegende sehr schöne Treppenhaus zu beiden Seiten desselben durch
gotische Glastüren abgeschlossen. Danach setzte sich der Mittelgang
wieder planmässig fort, rechts und links mit Türen, rechts in 2
Speisezimmer, das 3-fenstrige herrschaftliche Esszimmer und das sich daran
anschliessende 1-fenstrige Beamtenzimmer. Links vom Gang kam man durch
eine Tür in in 2 nebeneinander liegende Dienerzimmer, wovon das erste
schräge durch die Treppe des Treppenhauses durchschnitten war. Es
hatte rötliche Steinfliesen und ein Fenster. Das 2. war holzbedielt.
Die folgende Tür links vom Gang führte in ein Badezimmer mit
einem Fenster.
Dann war der Gang zuende, von einer Glastür abgeschlossen.
Man kam von hier aus in einen grossen Giebelflur mit Steinfliesen, einem
Giebelfenster und einer grossen Giebeltür, mit einer Treppe hinauf
und hinunter in den Keller, links nach der Ostfront bzw. Vorderfront
eine Tür in 2 ineinander laufende schöne grosse 2-fenstrige
Zimmmer, welche bis
(Seite 27:)
zum Badezimmer gingen und die Zimmer der Vorderseite beendeten. Rechts vom
Flur war ein schmaler langer Gang mit Türen rechts und links zu
kleinen Zimmern für das Hauspersonal, links drei und rechts ein
Zimmer mit Blick auf den Park, geradeaus die Küche und Speisezimmer
mit Blick in den Park nach Westen, also der ganze Küchenflügel
im linken Flügel liegend. Die grosse Haustür am Giebel
führte aus dem grossen Flur ins Freie auf eine flache grosse Treppe,
neben welcher ein Eingang von aussen in den schönen, trockenen
Gewölbekeller führte.
An der östlichen Vorderfront neben dem Haupteingang befand sich ein
zugemauerter Kellereingang. An dieser Stelle war der ganze Keller quer
durch gemauert, so dass man vom Küchengiebel aus nicht in den Obst-
bzw. Weinkeller gelangen konnte, sondern nur vom Nordgiebel oder von
den Privatzimmern, was sehr angenehm war.
Das Treppenhaus neben dem Fliesensaal nahm 2 Fenster des ersten
Stockwerkes ein und ein Fenster des Parterres, während das 2.
eigentlich dazu gehörende Fenster sich in der ersten schrägen
Dienststube befand.
Das Treppenhaus ging also durch zwei Stockwerke, war sehr geräumig
mit breiter Treppe von etwa 2,5 meter breit. Auf den Eckpfeilern standen
zwei grosse Fächerpalmen. Auf den einzelnen grossen steinernen
Seitenstufen, welche die Holzstufen einfassten
(Seite 28:)
standen rechts und links hochstämmige einfache Palmen. Man wandelte
hier buchstäblich unter Palmen. Auf dem mittleren Treppenabsatz stand
einladend ein grünes Sofa mit gelbem Birkenholz. Der Platz neben der
Treppe war ausgefüllt mit mit der Garderobe, Spiegel, einem
Wäscheschrank.
In der Ecke stand ein grosser weisser Kachelofen, in der Ecke
gegenüber dem Ofen hing eine grosse Glocke, die zu den Mahlzeiten
rief. M. liebte diese Glocke, deren Klang sie sich noch nach der Flucht
vergenwärtigen konnte. Der Fussboden war auch mit schwarzen und
weissen Fliesen ausgelegt.
Es war ein lieber anheimelnder Raum, der trotz seiner Höhe heizbar
war, da er im 1.Stock an beiden Seiten durch Glastüren abgeschlossen
war.
Zwischen dem Pfeilersaal und dem gelben Saal lagen nach der Parkseite
in der Westfront, wie schon erwähnt, 4 Fenster, wovon eins blind war.
Es folgten zwei nebeneinander- bzw. hintereinander liegende Damenzimmer,
durch keine Tür getrennt, sondern durch einen Mauerbogen mit
Portieren verbunden und mit Rokokomöbeln eingerichtet, weiter ein
Wohnsalon und ein Schreibzimmer, Smyrnateppiche, Seidendamastmöbel,
Gobeline, grosser Rokokospiegel mit Rollaillos, Portiere, farbigen
Barockstuckdecken, abgeschlossen durch 2 Glastüren gegen den gelben
Saal und den Pfeilersaal und nur durch ein Portiere gegen die
Verlobungskammer.
Im ersten Stock lief der Mittelgang deutlich erkennbar
(Seite 29:)
von einem Ende zum andern. Er wurde nur in der Mitte vom Treppenhaus und
dem anschliessenden Blauen Saal von einer Seite aufgenommen und durch
Glastüren geteilt und an der Stelle, wo der angebaute
Seitenflügel des Kücheneingangs begann, durch eine Glastür
angeschlossen.
Man hatte oben eine schöne Flucht von brauchbaren Schlaf- und
Gästezimmern rechts und links des Gangs. Nur in der Mitte befanden
sich die beiden Säle, der Blaue nach Osten, der weisse Speisefestsaal
mit seinen anheimelnden Sofas nach Westen.
Im blauen Saal stand ein braun angestrichener mit launigen Sprüchen
bedeckter grosser Kachelofen. Einer davon hiess:
"Nord-Süd-Ost-West, to hus is det Best".
Ein anderer deutete darauf hin, dass hier gern getrunken wurde:
"Das Wasser ist zu jeder Zeit
die schönste aller Gottesgaben.
Mich lehrt jedoch Bescheidenheit:
Muss man denn stets vom Besten haben?
Drum will ich mich am Bierchen laben."
Die Schwester Ida des Generalfeldmarschalls Paul von Hindenburg
soll diese Sprüche veranlasst haben.
Sie hatte einen unverwüstlichen Humor.
Die drei Delfter Öfen im Parterre waren Goertz-Eigentum. Nur der
Seitenflügel, in dem der Gelbe Saal lag, g=hatte an der Stelle kein
Zimmer im ersten Stock, da der Gelbe Saal bis in den ersten Stock
durchging. Als P.G. Langenau übernahm, gab es noch keine
Kanalisation.
Diese wurde erst durch P.G. angelegt. Der Bodenraum war
(Seite 30:)
geräumig und schön, ideal für jede Hausfrau. M. hatte in
keinem anderem Haus solch erstklassiges Holzwerk gefunden wie in Langenau,
was Fenster, Türen, Treppen und zum Teil Fussböden betraf.
Besonders die Fenster- und Türverarbeitung fand sie bewundernswert
und begeisternd. Der Mittelbau hatte viele Glastüren und viele grosse
Doppelfenster, und sie pflegte zu sagen:
Wir wohnen in einem Glashaus." Etwa 70 Doppelfenster und
10 Flügelglastüren. P.G. hatte im Fliesensaal einen grossen
weissen Kachelofen setzen lassen. Wenn dann alle Türen geschlossen
waren, - 4 Glastüren -, zum Treppenhaus waren es 2, eine breite
Flügeltür an den Stufen, eine schmälere zur Garderobe,
dazwischen stand eine 300-jährige goldene Spieluhr, - eine
Glastür zum Pfeilersaal, eine Doppeltür zum Ausgang, eine
Holztür zum Roten Salon und eine kleine zu "Muttis Kuchenkammer"...
Wenn es dann geheizt war, konnte M. sich keinen gemütlicheren
Raum denken als den Fliesensaal mit dem Blick durch die
Glastüren ins Palmentreppenhaus und durch die Veranda hinaus,
dunkle Ölgemälde und Hirschgeweihe an den Wänden. Ein
grosses Sofa mit Tisch und Polsterstühlen und ein kleiner Teppich
luden zum Sitzen ein. Ausserdem stand noch ein Schrank an der Seitenwand
und zwei uralte merkwürdige Vasenschränke zu beiden Seiten der
Eingangstür. In der Ecke neben der roten
(Seite 31:)
Salontür ein Spiegel mit Konsole.
Im ersten Stock hatte P.G. nach der Gartenseite hinaus neben dem Weissen
Saal eine alte Bibliothek mit alten Schweinslederbänden, von denen
M. einige inhaltlich noch gut in Erinnerung hatte:
"Eudocia, Gemahlin Theodosius II", dann ein Band über Prinz Eugen,
die Werke Friedrich II und ein Band über die politische Einteilung
bis zum Ural, Polen ein Weltreich...
Es stand da noch eine schwere eisenbeschlagene Holztruhe mit grossem
schmiedeeisernem Schloss und Schlüssel, darin noch eine kleine Truhe,
wo die ehemalige Gutskasse gewesen sein soll. Man konnte sie nicht
allein tragen.
Für alle die grossen Fenster hatte P.G. für den Sommer
Gazefenster machen lassen, um die Fliegen fernzuhalten. Es war angenehm,
wenn der alte Diener Urban in der heissen Jahreszeit früh morgens
und abends alle Fenster öffnete und kühlenden Gegenzug machte.
Man konnte dann im Herbst vom Wald die Hirsche schreien hören.
Manchmal lagen sie dann schon im Bett, wenn sie die Hirsche hörten.
M. fand das bezaubernd.
Eichmedien, Kreis Sensburg
[
Eichmedien heute ]
Besitzer des Gutshauses in Eichmedien ist seit 1998
Piotr Ciszek
Nakomiady Palac
11-405 Nakomiady, Gmina Ketrzyn
nachdem das Haus 17 Jahre lang wegen Unbewohnbarkeit leer gestanden hat.
(Seite 33:)
Im Juli erhielt P.G von der Treuhandstelle für Umschulungskredite
ein Telegramm folgenden Inhalts:
Eichmedien zu haben. Wenn Interesse, bitte kommen.
P.G. und M. fuhren von Langenau sofort nach Königsberg, um sich
über die bei der Treuhandstelle zu informieren. P.G. suchte
ein Gut zu kaufen, wollte aber, falls es ein bankrottes war bei
Zwangsversteigerung, kein Gut, wo der alte Besitzer noch Aussicht hatte
es zurückzuerwerben.
So hatte es P.G. der Trauhandstelle klargemacht. Er erfuhr nun, dass
das 2.800 Morgen grosse Gut Eichmedien I, Besitzer Friedrich von
Redecker am 23.August 1930 und zwei Tage später das 750 Morgen grosse
Gut Gisbertshof, Eichmedien 4, Besitzer Conrad Hermenau zur
Zwangsversteigerung kommen sollten. Sie fuhren zur "Landschaft" und erfuhren,
dass die Familie von Redecker keine Aussicht habe, dass Gut zurück
zu ersteigern, da sie keine Mittel mehr hätten.
(A.G.:Die "Ostpreussische Landschaft", 1788 gegründet, war eine
Boden-Kreditanstalt für adlige Güter - Rittergüter,
Dominiumsgüter - auf genossenschaftlicher Grundlage, die
Hypothekengelder an ihre Mitglieder vergab, indem sie selbst Pfandbriefe
an die Öffentlichkeit verkaufte. 1808 erhielt sie das Recht,
ihr Geschäft auch auf bäuerliche Güter auszudehnen.
Sie spielte nach der Geldreform 1925 eine wichtige Rolle (Einführung
der Reichsmark) bei der oft vergeblichen Rettung der Landgüter.
Ihr Sitz war in Königsberg. Die "Treuhandstelle für
Umschuldungskredite" verwaltete die nach 1925 in Konkurs geratenen
Güter für die "Ostpreussische Landschaft" und andere Banken.)
Frau Erna von Redecker geb.von Schaetzell sei zwar fast jeden Tag da
gewesen in Vertretung ihres kranken Mannes Friedrich v.R., jedoch habe
man ihr nicht die Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen ins
(Seite 34:)
Gesicht sagen mögen aus menschlichem Mitgefühl, da es eine ehrenhafte
Familie sei. Wenn also P.G. Interesse für Eichmedien habe, so solle er
hinfahren und es sich ansehen. P.G. und M. fuhren also mit einem
Besichtigungsschein der Treuhandstelle nach Eichmedien zur Besichtigung.
Sie meldeten sich telefonisch an. Frau v.R. fiel aus allen Wolken und
wollte ablehnen. Als ihr gesagt wurde, P.G. sei von der Treuhandstelle
geschickt, rief Herr v.R. ihr zu, dann müssten sie Eichmedien zeigen.
Die Goertzens wurden von Sohn Eberhard v.R. (1907-2005), damals etwa 24
Jahre, empfangen, der das Gut bewirtschaftete, und herumgeführt und
gefahren. Er machte einen betrübten Eindruck. Das Schloss wollte er aber
nicht zeigen, und P.G. drängte nicht weiter darauf. Die Familie v.R.
glaubte ja immer noch an ein Wunder.
P.G. und M. hatten sich vor der Besichtigung dahin besprochen, dass
im Falle eines günstigen Eindrucks dem alten Besitzer die Stelle des
Oberinspektor angeboten werden sollte. Es war eine absolute
Vertrauensstelle und auch ein Experiment. Als die Besichtigung beendet
war und der Eindruck für Eberhard v.R. positiv ausfiel, sagte P.G.
zu Eberhard v.R.: "Haben Sie Aussicht, das Gut wiederzubekommen?"
Eberhard: "Nein. Wir haben gar kein Geld und keine Möglichkeit, etwas
zu beschaffen."
(Seite 35:)
Darauf P.G.:"Niemand weiss, wie es kommen wird bei solchen
Zwangsversteigerungen, aber WENN Eichmedien versteigert wird, ist es ihnen
egal, ob ich oder ein anderer Müller oder Schulze oder Goertz es
ersteigert?"
Darauf Eberhard:" Ja, es muss uns ja recht sein."
P.G." Was würden Sie im Falle der Zwangsversteigerung hinterher tun?"
Eberhard:" Ach, ich bin ja jung, ich werde nicht umkommen, aber meine
alten Eltern, vor allem mein kranker Vater, die sitzen dann auf der Strasse."
P.G. "Falls ich Eichmedien erwerben sollte, was heute niemand weiss,
würden Sie dann die Oberinspektorstelle annehmen wollen? Sie können
ja dann mit Ihrem Gehalt für die Eltern sorgen."
Eberhard war sehr überrascht und bejahte erfreut, und so trennten sich
die Parteien.
In Königsberg wurde mit den Hauptgläubiger, der "Ostpreussischen
Landschaft" ein Ausbietungsabkommen geschlossen.
Inhalt: P.G. sollte Eichmedien in der Zwangsversteigerung zum Preise
von RM 180 pro Morgen übernehmen unter der Voraussetzung, dass ihm auch
das 2 Tage später zur ersteigernde Gisbertshof zugeschlagen werden sollte
(Seite 36:)
denn P.G. sagte sich: "Eichmedien und Gisbertshof sind ein Stück und
gehören wirtschaftlich zusammen. Gisbertshof ist direckt aus Eichmedien
herausgeschnitten. Eins ohne das andere nehme ich nicht."
Diese Abmachung konnte aber am 23. und 25. August nicht durchgeführt
werden, da Conrad Hermenau sein Gisbertshof mit geborgtem Geld wieder
erwarb. Darauf bot die Treuhandstelle P.G. das Gut Powarben, Kreis
Königsberg an, das schon durch die Zwangsversteigerung gegangen war
und von der Treuhandstelle bewirtschaftet wurde. P.G. und M. wussten
von Powarben durch eine Zeitungsannonce und hatten es schon durch
den Gütermakler Broszeit angesehen und als Ersatz für Gisbertshof
angeboten bekommen. Der Kauf von Eichmedien I und von Powarben kam am
5.August 1930 in Königsberg zustande. Für Eichmedien wurde der
Zuschlag an einem 2.Termin in Sensburg erteilt. Es war damals die
Zeit der Massenversteigerungen, in der sich die bankrotten Landwirte
zur "schwarzen Fahne" zusammenschlossen und gegen den Verlust ihrer
eigenen Scholle protestierten. Im Falle Eichmedien waren auf dem
Sensburger Amtsgericht auch Vertreter der "schwarzen Fahne" anwesend,
um Friedrich von Redeckers Interessen zu vertreten. Ein Herr
Schlonski-Wachau, Hedge-Medicus und Ehlers-Glash:tte. Sie wendeten
sich gleich protestierend an P.G. mit der Begründung.
(Seite 37:)
die Treuhandstelle würde der alten Familie entgegenkommen. M. sagte
darauf, P.G. böte der Familie mehr als die Treuhandstelle das vermag.
Das Gespräch wurde durch die Versteigerung unterbrochen, und das
Ergebnis löste Feindschaft zwischen den Parteien aus. Man sagte,
man würde dafür sorgen, dass P.G. Goertz in Eichmedien nicht warm
werden kann in der Erwartung, dass Herr Goertz weichen würde.
P.G. sagte aber, eher lasse er sich unter den Trümmern Eichmediens
begraben als dass er jetzt kneife. Zu aller Verblüffung fuhren P.G.
und M. mit einem Auto nach Eichmedien, um - wie sie den Herren
sagten - zu wirtschaften. Der alte hinkende Friedrich von Redecker
beeilte sich nach Hause zu kommen, um sich ein wenig zu sammeln,
damit er "den Mann empfangen kann."
Zum Empfang erschien aber seine Frau Erna, da es ihrem Mann nicht gut
ging, und empfing P.G. mit den Worten: " Diese Wendung der Dinge haben
wir nicht erwartet." Am folgenden Tage erschienen wieder die Herren
von der "schwarzen Fahne" um festzustellen, was P.G. Goertz wohl der
Familie anzubieten hätte. P.G. und M. hatten von Anfang an entschieden,
dem jungen Sohn, Eberhard von Redecker die Oberinspektorstelle
anzubieten, wie sie es ihm schon vorher bei der Besichtigung gesagt hatten.
(Seite 38:)
Als dann das grosse Jammern der Familie v.R. losging um den Verlust
der Heimatscholle, musste die Goertzen sich überlegen, was sie
antworten sollten auf die Frage eines evtl. Rückkaufs von Eichmedien
durch die Familie, wenn der Sohn - etwa durch Heirat - zu Geld kommen
würde. Es wurde klar, dass die Familie nicht so sehr Gewicht auf ihre
Existenz legt, sondern mehr Wert auf den Besitz des Familiengutes.
P.G. entschloss sich, der Familie v.R. den Rückkauf zuzusagen, wenn
letztere ein gleichwertiges Objekt nachweisen konnten. Eichmedien war für
den ältesten Sohn Adalbert Goertz gekauft worden. Da dieser erst 2 Jahre
alt war, erschien genug Zeit vorhanden, diese Angelegenheit für alle
Teile befriedigend zu lösen. P.G. und M. entwarfen zusammen mit der
Familie von Redecker und den Herren der "schwarzen Fahne" einen
Anstellungs- und Rückkaufsvertrag, der vor dem Notar geschlossen
werden sollte. Dieser Vertrag ist noch vorhanden. Die Herren der
"schwarzen Fahne" waren so begeistert von dem Vertragsangebot, dass
sie fragten, ob P.G. nicht noch einen weiteren Vertrag dieser Art zu
vergeben hätte - für einen von ihnen. Auch Gisbertshof sollte in den
Verwaltungvertrag -nicht aber in den Rückkaufsvertrag eingeschlossen
werden. M. war erstaunt,
(Seitge 39:)
dass der alte Friedrich v.R. darauf brannte, auch Gisbertshof zu
übernehmen und es nicht weiter tragisch fand, dass die Familie
Hermenau ihr Gut verlieren würde, sondern im Stillen glaubte, auch
Gisbertshof in den Rückkaufsvertrag einzuschliessen.
Tage später wurde dann der Vertrag vor dem Notar in Königsberg
geschlossen, der schliesslich mit dem Tode von Friedrich v.R. am
18.2.1942 auslief.
Gisbertshof wurde erst mit der zweiten Zwangsversteigerung zum
höheren Preise im Februar 1931 erworben und mit Eichmedien vereinigt.
(Seite 40:)
Das Verhältnis Goertz - von Redecker gedieh jahrelang aufs beste.
Friedrich v.R. genoss sorgenfreie Jahre und sprach das wiederholt aus.
P.G. und M. hatten auch das Vertrauen zu ihm , dass er den Rückkaufsvertrag
ehrlich durchführen wollte mit der Beschaffung eines Ersatzgutes
gleichen Ranges. Als nach einigen Jahren guten Einverständnisses
Sohn Eberhard 1935 heiratate, wurde dem Vater Friedrich v.R. das
Gutshaus Gisbertshof mit Garten und Hühnerstall eingeräumt,
wahrlich ein würdiger Alterssitz. Mit der jungen Frau von Redecker
geb. von Seelhorst ging es zuerst etwas mühsam.
[Bemerkung: Es handelt sich um die am 6. November 1892 in Diebowen
geborenen Marie Elisabeth von Seelhorst, Tochter des Hauptmanns Ernst von
Seelhorst (*06.05.1875 gefallen 11.09.1914 bei Tannenberg) und der Eva
Schilke (*06.11.1892 Diebowen +...).
Eva Schilke, die genannte Mutter und Malerin, war ihrerseits die Tochter von
Fritz Schilke Diebowen und der Elisabeth von Woisky aus Basien also eine
Schwester des Hippologen langjdhrigen GF des Trakehnerverbandes Dr. Fritz
Schilke (*1899 in Diebowen + 1981).]
Sie hatte guten Willen und man gewöhnte sich aneinander, zumal sie
eine angenehme Mutter hatte, die ab und zu in Eichmedien als Malerin erschien.
(A.G. erinnert sich noch an ein Ölgemälde von P.G. in Powarben, das
die Mutter gemalt hatte.)
Jedoch zog mit der jungen Frau ein anderer Geist ein, was zu einer gewissen
Entfremdung führte. Das Verhältnis der Parteien ging abwärts.
Die Jahre vergingen. Friedrich v.R. starb am 18.7.1942.
P.G. und M. bezogen darauf das Gutshaus Gisbertshof, und die alte
Frau Erna von Redecker wurde wieder Hausdame im Haus Goertz, wie sie es
auch anfangs schon gewesen war. Aber die alte Liebe Goertz-von Redecker
war dahin. Erna war eine fromme Frau, jedoch sagte M. ihr:
"Ihr Christentum hört bei Eichmedien auf."
Das verstand Erna nicht. Immerhin kam es gegen Kriegsende zu einer
Aussprache, bei welcher Erna v.R. sagte, es wäre ihr klar, dass Vater
und Sohn zwei verschiedene
(Seite 41:)
Wesen wären und auch verschiedene Schicksale hätten. Sie sei Gott
dankbar, dass ihr Mann Friedrich v.R. Eichmedien nicht hätte verlassen
müssen und seinen Lebensabend in gewohntem Rahmen nicht nur hätte
verbringen dürfen, sondern auch erleben konnte, dass Sohn Eberhard
seine Familie gründete und ihnen Enkel geschenkt wären. Ob nun der
Sohn im Geiste des Vaters lebte und dachte, scheine ihr zweifelhaft....
(Die nächsten Sätze sind hier nicht wiedergegeben).
Als 1939 kurz vor Kriegsausbruch P.G. und Eberhard v.R. mitsamt allen
wehrfähigen Männern von Powarben und Eichmedien zum Heeresdienst
einberufen wurden, machte M. den Vorschlag, die Oberverwaltung von
Eichmedien dem Powarber Oberinspektor Bernhard Andersson zu übertragen,
der nicht eingezogen wurde, da er Schwede war. Vater Frierich v.R.
war viel zu hinfällig, um all die vielen kriegsbedingten
(Seite 42:)
Unbequemlichkeiten des Gutsbetriebes zu meistern, wenngleich es eine
Gnade war, dass er anwesend war mit seiner Autorität. Mitte August 1939
wurden die Männer eingezogen. Mitte Oktober trieb M. die Sorge, nach
Eichmedien zu fahren und die Lage festzustellen. Auf einer Fahrt über die
Felder sprachen die Eheleute Goertz davon, dass Eberhard v.R. abgereist
sei, ohne eine ausreichende Vertretung zu besorgen. M. hatte Andersson
vorgeschlagen, den aber Eberhard abgelehnt habe. M. fragte Friedrich v.R.,
wie er sich zu Eberhards Verhalten stelle.
Darauf Friedrich v.R.: Er hätte seinen Sohn gefragt, wer ihn denn
vertreten solle, worauf dieser erwidert habe:
"Niemand. Es ist niemand nötig."
Darauf sein Vater:" Eberhard. Du bist verrückt!"...
Darauf wurde Andersson angewiesen, sofort den Betrieb in Eichmedien zu
übernehmen und alle 14 Tage hinzufahren.
Eberhard und P.G. wurden bald u.k. gestellt und kamen wieder nach Hause.
P.G. und M. hielten sich oft in Gisbertshof auf, Friedrich v.R. war
1942 gestorben, seine Frau Erna führte dort den Goertz-Haushalt.
Das Verhältnis war unklar. Es ging unausgesprochen darum: Wer ist hier
der Herr am Ort. Die letzte Hasentreibjagd (wohl Jan.1943) brachte es so
recht zum Audruck.
(Seite 43:)
Eine Jagdrede des Forstmeisters Schwarz-Bussen wurde gehalten auf den
JagdHERRN (!) Eberhard von Redecker in Anwesenheit von P.G. und M.
Und für die vier Goertzkinder (Adalbert, Ida, Peter, Johann)
war nicht einmal Kuchen da. Sie mussten enttäuscht nach Gisbertshof
zum alltäglichen Essen fahren. Kaffee und Pfannkuchen waren nur für
die Gäste.
Eines Tages kam für P.G. ein Anruf nach Gisbertshof aus Sensburg
von Kreisbauernführer Steppke - Gr.Peitschendorf, er möchte ihn
in Sensburg auf seinem Büro sprechen. P.G. und M. fuhren am nächsten
Tag nach Sensburg. Es war ein Sonntag, vormittags.
P.G. und M. hatten in Schnittken bei Georg Geddert übernachtet.
Kreisbauernführer Steppke teilte mit, dass von einem Kartoffelgeschäft,
das Eberhard v.R. für die ganze Bezirksbauernschaft in Händen hatte,
ein Betrag von etwa 3.600 RM gezahlt sei neben anderen Beträgen.
Es wäre festzustellen, ob dieser Betrag ordnungsgemäss in der
Eichmedier Gutskasse gelandet sei...
(Die folgenden Sätze sind hier übergangen)
Es sei auch Tatsache, dass E.v.R. das Auto auf Gutskosten fahre, kaputtfahre
und reparieren lasse, jedoch die Fahrten, die er als stellvertretender
Kreisbauernführer von der
(Seite 44:)
Kreisbauernschaft bezahlt bekomme, nicht in die Gutskasse fliessen lasse,
wohin diese Gelder ja gehörten.
Eine Prüfung der Gutsbücher nach den genannten Beträgen
verlief negativ.
M. fuhr nach Sensburg zu dem Getreidehändler, der den Kartoffelbetrag
ausgezahlt hatte, und bat um einen Kontoauszug. Das Bürofräulein
durchsuchte einen Kasten nach der Eichmedier Kontokarte und hielt diese
in der Hand: Eichmedien. Nein, das war sie nicht, legte sie aber auf den
Tisch und suchte weiter. M. stand mit Notizbuch und Bleistift bereit
und schrieb geschwind die Notierungen der vorliegenden Kontokarte ab:
Bezirksbauernschaft Eichmedien, für Kartoffeln 3.600 RM Guthaben.
Nun war die Bezirksbauernschaft Eichmedien nicht so gross, dass sie
ein eigenes Konto haben musste. Also war es ein fingiertes Konto.
Das Fräulein fand dann auch eine Karte der Gutsverwaltung Eichmedien,
die fälschlich auf den Namen "von Redecker - Eichmedien" geführt
war. Es gab keine Konten "Goertz - Eichmedien" oder "Gutsverwaltung
Eichmedien", ob es die Stutbuch-Verwaltung oder den
Schafzüchterverband oder sogar die Hofkarte war. Wenn man den Büchern
glauben sollte, gehörte dem P.G.Goertz kein Schwanz.
(Seite 45:)
Hier war also der Grund, warum Eberhard v.R. nicht Herrn Andersson
als seinen Vertreter in Eichmedien haben wollte. Sein Auftreten
als "Besitzer von Eichmedien" gegenüber der Aussenwelt wäre dann
ans Licht gekommen. Das Sensburger Bürofräulein war natürlich
ahnungslos. M. ging zu ihrem Rechtsanwalt. Urteil: Fristlose Entlasssung...
(Die folgenden Sätze sind hier übergangen).
... Kurz danach wurde durch den Zusammenbruch des Krieges und die
Flucht auch dieses unrühmliche Kapitel abgeschlossen...
Literatur:
Stammfolge Goertz aus Gr.Lubin und Kommerau bei Gruppe, Westpreussen,
in: Deutsches Geschlechterbuch, Band 133, C.A.Starke: Limburg 1964,
Seite 261 - 266.
Hans Bloech: Ostpreussens Rinder und ihre Zuchstätten, Köln
1974, Seite 361 - Eichmedien ; Seite 899 - Powarben
((Hierzu schreibt E.v.Redecker:
(Margarete Goertz: Aus dem Leben einer Gutsfrau Ostpreussens, I.),
hier: S. 43-45
1. Das Privatauto
Ich fuhr zu dieser Zeit ein Privatauto, das ich von meinem eigenen Geld gekauft
hatte. Es handelte sich um einen DKW (weisser Kabriolett mit schwarzem Leder),
erworben auf eigene Rechnung und im eigenen Namen beim Autohdndler Kohn in
Rastenburg. Den Wagen habe ich regelmässig bei der Tankstelle in Sensburg
auf eigene Kosten betankt. Bei Dienstfahrten, die ich mit meinem Privatauto
für das Gut unternahm, habe ich mir den Treibstoff vom Gut bezahlen
lassen. Ausserdem erhielt ich als Kreisbauernführer von der
Kreisbauernschaft Benzingeld.
2. Die Treibjagd
Jagdherr wird bei einer Treib- und Drückjagd grundsätzlich derjenige
genannt, der die Schützen anstellt und die Treiber anweist. Bei Jagdessen
waren seinerzeit grundsätzlich keine Kinder anwesend.
3. Die Kartoffeleinmietung
Im Herbst 1943 gab es die staatliche Anordnung, dass der Staat die
Speisekartoffeln bereits im Herbst kauft. Der Reichsnährstand war
beauftragt, die Kartoffeln vor Ort winterfest einzumieten. Für jedes
Kartoffellager wurde vom Reichsnährstand eine zuverlässige Person
für die Überwachung der Einmietung und Auslieferung beauftragt.
Die vom Reichsnährstand mit der Überwachung der Einmietung und
Auslieferung beauftragten Personen waren ganz unterschiedliche Leute (viele
waren ja im Krieg). So gab es unter den Beauftragten im Kreis Sensburg einen
Lehrer, den Geschäftsführer der Raiffeisengenossenschaft und den
Kreisbauernführer. Ich war 1943 Kreisbauernführer,
Bezirksbauernführer im Bezirk Eichmedien war jemand anders (Schikowski).
Für den Bezirk Eichmedien war ich der beauftragte Verantwortliche. Die auf
dem Gut Eichmedien eingemieteten Kartoffeln kamen nicht nur vom Gut, sondern
auch von anderen Bauern aus dem Bezirk. Im Kreis Sensburg gab es 14 Bezirke.
Die fünf Dörfer des Bezirks Eichmedien lieferten ihre Kartoffeln alle
an das Kartoffellager auf dem Gut Eichmedien ab. Daher habe ich bei der Bank
ein eigenes Konto unter dem Namen #Bezirksbauernschaft# eingerichtet, über
das sämtliche finanziellen Transaktionen im Zusammenhang mit der
Kartoffeleinmietung und -auslieferung geflossen sind.
Für die Überwachung der Einmietung und Auslieferung der Kartoffeln
erhielt ich vom Reichsnährstand 20 Pfennig für jeden gesunden,
abgelieferten Zentner Kartoffeln. Dies war so mit Herrn Goertz besprochen.
Das Kartoffellager Eichmedien hatte im Herbst 1943 10.000 Zentner Kartoffeln
an den Reichsnährstand zu verkaufen, die auch im Herbst bereits
bezahlt wurden.
Das Stroh für die Einmietung kam vom Gut, und die erforderlichen Arbeiten
wurden von Gutsleuten ausgeführt und auch vom Staat bezahlt. Diese Gelder
sind alle in die Gutskasse geflossen.
Die Darstellung in den o.g. Lebenserinnerungen der Margarete Goertz beruhen auf
reinen Vermutungen, die # wie sie schreibt # auf einer Beobachtung basieren,
die sie in der Bank machte, als sie heimlich und schnell die Konten-Karten
überflog, welche auf dem Banktresen lagen.
4. Zur Kündigung
Ich habe beim Leitenden Richter beim Arbeitsgericht Sensburg am Kreisgericht
Sensburg sofort Widerspruch eingelegt gegen die unrechtmässige fristlose
Entlassung. Wenig später wurde ich als Soldat in den Krieg eingezogen, zu
dem Gerichtsverfahren ist es nicht mehr gekommen. Oder in den Worten von
Margarete Goertz: "Kurz danach wurde durch den Zusammenbruch des Krieges und
die Flucht auch dieses unrühmliche Kapitel abgeschlossen". Möge
es dabei bleiben.
gez.
Eberhard von Redecker ))
Fortsetzung: