(geschrieben um 1967 - 1968)
Ich bin ein Preuße
(Margarete Goertz geb.Schukat, geb. 31.3.1900 in Schattern Kreis Memel gest. 14.2.1996 in Thunder Bay, Ontario, Canada)Margarete Schukat, 1914-Konfirmation Ich bin in Ostpreußen geboren, Jahrgang 1900. Das ist die östlichste von den 12 preußischen Provinzen des ehemaligen Kaiserreiches. Die 12 preußischen Provinzen sind: Ostpreußen, Westpreußen, Posen, Pommern, Schlesien, Brandenburg, Sachsen, Schleswig-Holstein, Hessen-Nassau, Westfalen, Rheinprovinz, Hannover. Dieses war das Königreich Preußen mit der Haupt- und Krönungsstadt Königsberg. In Königsberg hatte sich der erste preußische König am 18.Januar 1701 zum König krönen lassen und sich und seiner Gemahlin die Königskrone selbst aufs Haupt gesetzt. Er hieß von jetzt an König Friedrich I, Vater des bedeutenden Königs Friedrich Wilhelm I, der Preußen und besonders das unterentwickelte, sumpfige Ostpreußen aufgebaut und entwickelt hatte durch Entwässerung, Schaffung von Ackerland, Gründung des Landgestüts Trakehnen u.a.m. Sein Sohn Friedrich II. genannt der Große, setzte des Vaters Aufbauwerk fort. Ostpreußen war die Heimat der heidnischen Pruzzen und der Kuren. Der Deutsche Ritterorden eroberte dieses Land zwecks Christianisierung. Die Pruzzen wehrten sich mit großer Kraft und Erbitterung, der Bischof Adalbert von Prag wurde von ihnen 997 erschlagen - und ich bin als Kind mit meiner Schulklasse aus Königsberg im Rahmen eines Schulausflugs an der Ostseeküste an seiner Grabstätte gewesen, wo er gefallen sein soll. Die genaue richtige Stelle war einige km in der Ostsee, da das Meer die Steilküste ständig abreißt und wegspült. Adalbert von Prag wird der Apostel der Preußen genannt. Das Grab von Adalbert von Prag war etwas östlich von Rauschen an der Samlandküste. Es stand dort ein granitenes Denkmal mit Inschrift und gußeisernem Zaun darum. Als die Pruzzen schließlich besiegt und Christen geworden waren, verschmolzen sie mit der eingewanderten Bevölkerung verhältnismäßig rasch, jedoch kann man heute noch an ihren pruzzischen Namen deutlich erkennen, daß die pruzzischen Familien naturgemäß weitgehend immer untereinander heirateten und sich in den verschiedenen Familienlinien dieselben Familiennamen finden: Bojahr, Ferkuhn, Sprie, Kuhr, wie man das ja auch in anderen Volks- und Gesellschaftsgruppen beobachten kann, der sogenannt "Heiratskreis". Man will sich blutmäßig rein halten und sich nicht mischen. Auch die pruzzischen Ortsnamen sind deutlich erkennbar mit ihren häufigen Endung -en, wie z.B.Mehlauken, Popelken (umgetauft in Markthausen bei Hitler), Uzballen, Schmilgienen (Kornfelde), Skaisgirren (Kreuzingen), Gowarten, Eichmedien, Asznaggern, Lyszeiten, Joneiten, Dogehnen, Powunden, Powarben, Szemlauken, Korehlen, Neuhausen, Schaaken, Schaaksvitte, Conradsvitte, Postnicken am Kurischen Haff. (sz- wird hier wie das französische j- wie in journal ausgesprochen) Im nördlichen Ostpreußen lebten sehr viele Litauer. Litauen gehörte damals zu Rußland wie die anderen baltischen Staaten auch. Es wurde 1918 nach dem 1.Weltkrieg selbständig mit der Hauptstadt Wilna. Die Litauer in Preußen sprachen litauisch. Die Alten konnten noch kein deutsch. Erst die Jüngeren lernten durch den Schulbesuch deutsch, und es mußte in den Kirchen deutscher und litauischer Gottdesdienst gehalten werden, so daß die Pfarrer in dieser Gegend beide Sprachen beherrschen mußten. Die Litauer sind ein baltischer Volksstamm mit blauen Augen und blondem Haar, jedoch ist es ein aschblond im Gegensatz zu goldblond. Wer es nicht weiß, merkt diesen Unterschied nicht. Auch ich selbst habe dieses aschblonde Haar, denn ich habe durch meinen Vater litauisches Blut in den Adern. Auch die litauischen Personen- und Ortsnamen kann man leicht herausfinden. Alle Personennamen mit den Endungen -eit-, -keit, -kies, -kus, -kat sind litauisch: Schukat, Adomeit, Windzus, Buttkus, Pakschies, Butzkies, Buddrus, Warstat, Bunsas, Gusovius. Die jüngere Generation der preußischen Litauer strebte danach, preußisch zu werden und hielt es für eine Schande als Litauer zu gelten. Da sie in der sehr fruchtbaren Schwarzerde gute Bauernhöfe hatten und sie von jeher ein friedliches Bauernvolk gewesen waren, so war es sehr verbreitet, daß der älteste Sohn den väterlichen Hof erbte und der zweite Sohn mit kompletter guter Zimmereinrichtung auf ein preußisches Lehrerseminar geschickt wurde, was solch ein Bauer damals finanziell leicht bezahlen konnte, ein Zeichen der "guten alten Zeit". So war es bei meinen Vater auch gewesen. Ja, mein Großvater hatte sogar als Altenteil für sich einen kleinen Hof von 28 Morgen gekauft mit bester Verkehrslage mitten in Gowarten, Post Szemlauken, Kreis Niederung, den mein Vater nach seinem Tode erbte und wo er herrliche Obstsorten und Sauerkirschen in Unmengen (Kirschenwäldchen) nebst Bienen pflegte. Außerdem kleine Landwirtshaft mit 2 Pferden (Trakehner), 2 Kühe, 2 Schweine und reichlich Geflügel als Hobby, denn er hatte ja eine gute Lehrerpension. Das "Bauern" lag denLitauern im Blut. Sie nannten sich aber nicht Bauern sondern "Besitzer" und "Gutsbesitzer" als Klasse. Sie galten aber auch als prozeß-süchtig. Wegen eines Grenzgrabens konnten sie sich sehr ereifern: "Recht muß doch Recht bleiben" In meinen Schullesebuch lernte ich ein Gedicht: Ja,ja, Prozesse müßen sein", -das konnte man dort gut anwenden. Meine Mutter liebte das gar nicht und litt darunter sehr, denn sie war Salzburger Abstammung. Mein Vater hatte in Ragnit bei Tilsit das Lehrerseminar besucht, zusammen mit einem litauischen Studiengefährten Wilhelm Storost, der sich später als "Vidunas", geistiger litauischer Führer, einen Namen machte und mit dem wir zusammen 1945 auf die Flucht gingen, da er schon 1944 mit 2 seiner Schwestern aus Tilsit zu uns auf unser im Samland gelegenes Gut Powarben, Kreis Königsberg geflüchtet war. Die Schwestern konnten aber bald weiter nach Berlin flüchten, während er bei uns blieb als Jugendfreund meines Vaters. Seine Frau war schon im Krieg gestorben. Seit 1732 lebten viele evang. Salzburger in Ostpreußen, die aus ihrer Salzburger Heimat vor der Inquisition der katholischen Kirche geflüchtet und durch den preußischen König Friedrich Wilhelm I in Ostpreußen aufgenommen und dort angesiedelt waren. Ihre Zentrale war in Gumbinnen im Salzburger Verein. Auch die Salzburger kann man an ihren Namen mit der Endung "-er" leicht erkennen: Pichler, Simbriger, Zieher, Feuersänger, Wenger, Stillger, Forstreuter, Reeder. Natürlich hatten wir durch die Nachbarschaft des Polenreiches auch polnische Namen mit den Endungen -a,-ke,-ek, -kow, -sky wie Rochna, Steppke, Radek, Grzibeewsky, Lesinski, Bukowsky. Aus der Schwedenzeit waren natürlich auch Schweden dort wohnhaft, die an den Namen mit -son und -sen leicht zu erkennen waren: Andersen, Peterson,Johnson. In Südostpreußen, in der Landschaft Masuren, die teils fruchtbar, teils sehr armselig, sandig, steinig mit viel Wald und Wasser war, lebte ein slavischer evangelischer Volksstamm, die Masuren, die neben deutsch ihre eigene masurische Sprache erhalten hatten. Sie werden meist fälschlich für Polen gehalten, jedoch sind die Polen katholisch. Polnisch ist gleichbedeutend mit katholisch, Masuren ist jedoch evangelisch. Ihre Sprache ist dem polnischen ähnlich. Polen hat im Jahre 906 unter Herzog Mieszko I das Christentum angenommen. Das polnische Reich wurde im 10.Jahrhundert gegründet, geriet aber bald in eine Krise durch innere Machtkämpfe und verlor dadurch westliche Nachbargebiete. Durch das Testament von Herzog Boleslaw III (1102 - 1138) wurde das polnische Gebiet in ein großfürstliches Seniorat Kleinpolen und mehrere Teilherzogtümer aufgegliedert. Erst Wladislaw Lobietek und sein Sohn Kasimir III (1333 - 1370) konnten die Teilgebiete wieder vereinigen. Im Jahre 1336 wurde durch Heirat zwischen Jadwiga von Polen, Enkelin von Kasimir III, und dem litauischen Großfürsten Wladislaw Jagiello, Polen und Litauen durch diese Personalunion vereinigt und wurde dadurch ein blühendes Großreich, in dem auch viele Deutsche einwanderten und siedelten und Städte gründeten. Die Jagellionen starben 1572 aus. Im Jahre 1225 wurde der Deutschritterorden vom Herzog von Masovien (das ist nicht Masuren) - von 1138 - 1576 war Masovien ein selbständiges polnisches Herzogtum zwischen Weichsel und Narew - ins Kulmer Land am Weichselknie zu Hilfe gerufen, um die heidnischen Pruzzen zu christianisieren, weil der polnische Herzog die tapferen Pruzzen nicht besiegen konnte. Er war zu schwach. Natürlich mußte er damit dem Deutschritterorden das Land, das er besiegte, auch überlassen. Im Einvernehmen mit Kaiser Friedrich II und dem Papst begann der Orden die Bekehrung der heidnischen Pruzzen zum Christentum, die östlich des Unterlaufs der Weichsel wohnten. Sie gehörten der baltischen Völkerfamilie an und lebten in losen Stammesverbänden. Diese Aufgabe entsprang der damaligen mittelalterlichen Kreuzzugsidee. Bis etwa 1283 wurde das ganze Land der Pruzzen erobert und seitdem planmäßig mit deutschen Ansiedlern kultiviert, entwässert, besiededlt, Burgen und Städte gegründet. Die Pruzzen verschmolzen allmählich mit den deutschen Einwanderern. Der Hauptsitz des Ordens war die Marienburg. Es entstand ein blühender, gut organisierter, fortschrittlicher Ordensstaat durch deutsche Bischöfe bis hinauf in den baltischen Raum. Man kann an den Namen der Burgen und Städte noch heute die Ordensgründungen erkennen. Die Namen enden meistgens mit -burg oder -berg: Königsberg, Insterburg, Sensburg, Rastenburg, Allenstein, Balga (war ich beim Schulausflug), Burg Rheden, Rhein, Schaaken, Neuhausen, Riga usw. Auch die Nachkommen französischer Refugies lebten in Ostpreußen. In meiner Schulklasse hatten wir eine Gertrud Chales de Beaulieu. Selbstverständlich lebten dort auch Juden, die z.B. als Ärzte, Wissenschaftler, Bankmenschen bedeutend waren und auch treue Deutsche waren, wenngleich wir schon als Kinder sie als etwas Fremdes betrachteten, jedoch nicht feindlich. Vergessen darf ich auch nicht, die holländischen Mennoniten, die besonders die Flußniederungen kultiviert hatten, die auch wie die Salzburger und Refugies vor der Inquisition geflohen waren und vor 1732 an Weichsel und Memel angesiedelt waren. Es waren immer dieselben Namen: Friesen, Janzen, Regehr, Dyck, Goertz, Klassen, Thyart, Schroeder, Driedger, - weißblond mit sehr heller Hautfarbe, typisch friesisch, mit großen blauen Augen wie meine Tochter Ida Johanna. Das waren die Ostpreußen. Da die ostpreusische Kultur jünger war als die westdeutsche, so war sie naturgemäß moderner, fortschrittlicher im Jahre 1900. Die Schulpläne waren sehr gut, und wir lernten Geographie und Geschichte von ganz Deutschland, nicht nur von Ostpreußen, Lokales. Gerade durch die blutsmäßige Vermischung ist die ostpreußische Bevölkerung wahrscheinlich großzügiger und nicht engherzig. Ich selbst bin die erste Mischung in meiner Familie: litauisch-salzburgisch. Da ich einen reinblütigen Mann holländischer Abstammung, einen Mennonit, heiratete, so haben meine Kinder dreierlei Blutmischung: holländisch-litauisch-salzburgisch. Im Jahre 1871 wurde durch Zusammenschluß aller deutschen Länder durch Bismarcks Wirken das deutsche Kaiserreich gegründet. Es war ein Bundesstaat wie Amerika oder Sowjetrußland oder das ehemalige Österreich-Ungarn. Es bestand nun aus 26 Staaten, drei freien Hansestädten und einem freien Reichsland (Elsaß-Lothringen). Die 26 Staaten waren folgende: Vier Königreiche (Preußen, Sachsen, Bayern, Württemberg), sechs Großherzogtümer (Baden, Hessen, Mecklenburg-Schwerin, Mecklenburg-Strelitz, Sachsen-Weimar, Oldenburg), fünf Herzogtümer. Als Oberhaupt und erster Deutscher Kaiser dieses neuen Reiches wurde der König von Preußen durch die Fürsten gewählt - was ihm selbst gar nicht gefiel - als Kaiser Wilhelm I, mit den Rechten eines heutigen Bundespräsidenten mit dem Sitz der Kaiserlichen Hauptstadt Berlin in der Provinz Brandenburg. Sein Reichskanzler war Otto von Bismarck. Wilhelm I. starb 1888. Sein Sohn als Kaiser Friedrich III war halskrebskrank und regierte nur 88 Tage bis zu seinem Tode. Ihm folgte dann sein 27j. Sohn als Wilhelm II. 1888 auf dem Thron als Kaiser von Deutschland und König von Preußen. Das war das strahlende, glanzvolle, geachtete Land, in dem ich am 29. März 1900 in Schattern, Kreis Memel, als Tochter des Lehrers Julius Schukat und seiner Ehefrau Johanne Friedericke Louise geb. Pichler geboren wurde. Mein Vater ließ sich im Jahre 1901 von seiner ersten Lehrerstelle in Schattern nach Schmilgienen, Kreis Labiau, Post Mehlauken (Liebenfelde) versetzen, wo wir meiner so sehr geliebten Großmutter Amalie Pichler ganz nahe waren. Ich als 1-2Jährige entwischte oft meiner Mutter und lief durch die "Pinsels" - gemeint war hohes Timotheegras -auf einem Fuß-Steig zu Omama, die mich gern empfing und mit einem weißen Tuch meiner Mutter winkte und mein Dortsein anmeldete. Meine Mutter erzählte mir, daß ich in jener Zeit nach dem Mittagessen ein Sofakissen holte und damit unter dem Sofatisch ein Mittagschläfchen hielt, ohne mich um sie zu kümmern, und danach das Kissen wieder an seinen Platz trug.
Margarete Schukat, 1922.
Margarete Schukat, 1923.
Eltern Schukat
Familie Schukat
Siegfried, Oma Schukat, c1943.
Oma Schukat, 1945.
Margarete Goertz in Powarben
Margarete Goertz, Januar 1945, eine Woche vor der Flucht aus Powarben.
Margarete Goertz, 1947, Rantum,Sylt.
Margarete Goertz, 1957, Frankfurt a.M.
Margarete Goertz, 1959, zu Besuch in Aachen
Margarete Goertz, 1964, Enkenbach,Pfalz.
Margarete Goertz, Adalbert Familie, 1966, Boulder,CO.
Margarete Goertz, Jan Familie, 1977, Ontario.
Margarete Goertz, 1980, Ontario, Canada.
In Schmilgienen wurde 1901 meine Schwester Anna geboren.
Schmilgienen-Korehlen, Kreis Labiau.
Steinort, Kreis Königsberg am Kurischen Haff.
Gowarten, Kreis Niederung, bei Gr.Skaisgirren (Kreuzingen).
1903 wurde mein Vater nach Steinort am Kurischen Haff, Kreis Königsberg in Preußen versetzt, Postort Schaaksvitte. Von dort sind mir meine ersten Reitversuche auf unserer Trakehner Stute (Fuchs mit weißer Blesse) "Lotte", Boote und Fischerei auf dem Haff deutlich in Erinnerung. Hier war die Hochburg pruzzischer und kurischer Namen wie Kur, Sprie, Bojahr, Perkuhn. Man merkte, daß die alten Pruzzenfamilien möglichst immer untereinander geheiratet hatten, denn es waren immer dieselben gleichen Namen verschiedener Familien. In Steinort sind meine Schwestern Alice und Ella 1903 und 1904 geboren. Ella war die einzige von uns mit Muttchens schwarzem Haar und dunklen Augen. Alice war blond und sehr schön und sehr begabt, starb jedoch mit etwa 4 Jahren an einer Darmgeschichte. Von Steinort aus konnten wir unseren Kirchturm in Schaaken sehen, wo in der Nähe der Kirche Alices Grab lag. Steinort erschien uns damals und auch später als der schönste Ort der Welt. Wir lebten 6 Jahre dort, also bis 1909. Im Sommer durftem wir im Haff baden, im Winter fuhren wir auf dem Haff und noch lieber auf den überschwemmten gefrorenen Haffwiesen einen sehr eleganten Schlitten mit unserer geliebten "Lotte". Die Fischer fischten im Sommer mit grosßen Segelkähnen. Im Winter "klapperten" sie auf dem Eis, um die Fische zu fangen (durch ein Loch im Eis? A.G.). Die Haffküste entlang lag ein großer Wall riesengrosser Steine und standen Weiden entlang der Steine. Davor zog sich ein Sandweg, den man nur Schritt fahren konnte. Von Steinort über Konradsvitte-Sand nach Schaaksvitte, der Endstation der Königsberger Kleinbahn: Königsberg-Devau-Mandeln-Neuhausen- Konradswalde-Molsehnen-Powarben-Ginthieden-Schaaken-Schaaksvitte. Dem Haff entlang vorgelagert lagen die Haffwiesen, wo wir auch zwei davon hatten, um unsere 2 Kühe und unsere "Lotte" zu ernähren. Da ich immer alles tun wollte, was die Erwachsenen taten, so quälte ich unser Hausmädchen Tine, mich melken zu laßen, denn ich wollte malken können. Sie gestatte es mir unter der Bedingung, daß ich Milch trinke, was ich denn auch tat. Auf diesen Wiesen lag in der Nähe unserer Schulwiesen ein Riesenstein, den ich ohne Hilfe nicht erklettern konnte. Alle Besucher kletterten hinauf. Die sogenannten Fischer-Besitzer hatten außer ihren großen und kleinen Fischerkähnen auch etwas Landwirtschaft nach der Südseite des Dorfes gelegen in Richtung des Waldes. Es gab so gut wie keine Obstbäume. Nur unser Freund Bojahr hatte einen alten fruchtbaren Apfelbaum, und "Lehrersch Jretke" erhielt stets reichlich von seinen Früchten wie auch sonst allerlei Leckereien, und wenn es nur eine Scheibe frisch gebackenes Brot war. Meine Mutter besuchte und pflegte die kranken Armen im Dorf und mußte manches Körbchen mit Mittagssuppe zu den Kranken tragen. Solange in Gowarten mein Großvater Daniel Schukat lebte, fuhren wir in den Sommerferien nach Gowarten und holten uns jedes Jahr eine Tonne Schwarzkirschen. Daraus wurde die geliebte Kirschkreide und Kirschkonfekt gekocht. Ich mußte immer helfen, Kirschen auszusteinen. Natürlich war ich Großvaters Liebling, der mich überall mitnahm. Mit Großmutter (Anne Tuleweit) Schukat hatte ich nicht viel im Sinn, denn sie konnte nicht deutsch und sprach nur litauisch, das ich nicht konnte. Zu Mittag gab es fast nur gebratenen Speck mit Rührei, wenn meine Mutter nicht anderes kochte. Mir passierte einmal ein Malheur: An der Wand hing eine alte Uhr mit 2 langen bronzenen Gewichten, die an Ketten hingen. Eines Tages war ich allein mit der Uhr, und ich sah, daß sie dringend aufgezogen werden mußte, da die schweren Bronzegewichte schon ganz unten waren. Tatkräftig schritt ich also zur Uhr, erfaßte die Kette und zog sie energisch herunter, und die ganze Uhr fiel dadurch von der Wand auf den Fußboden und kollerte in 1000 Stücken herum. Ich verschwand blitzschnell aus dem Hause und erschien mehrere Stunden nicht wieder auf der Bildfläche. Meine Angst galt der schweigenden Großmutter. Erst als mein Muttchen mich zum Essen rief, kam ich ins Zimmer und fand erstaunt die Uhr wiedrer heil an der Wand, und niemand sagte ein Wort zu mir darüber. Das war wohl Opas Werk. Als in Steinort eines Tages ein Telegramm Opapas Tod meldete, war allgemeines Wehklagen. Mein Vater weinte. Ich war erschüttert darüber, denn ich hatte bisher noch nie einen Mann weinen gesehen und glaubte, so etwas gäbe es nicht. Natürlich fuhr ich mit zur Beerdigung. An seinem offenen Sarge mußte ich ein geistliches Lied singen: "O lasst den Geist nicht von mir ziehn...". Das war der einzige Moment, wo Großmutter Schukat aufhörte zu weinen. Opapa war eines wunderbaren leichten Todes gestorben. Er hatte sich abends um 6 Uhr - also sehr früh nach unseren Begriffen - mit Omama zu Bett begeben. Sie hatten sich unterhalten. Auf einmal erhielt Großmutter keine Antwort. Sie fragte wieder, erhielt wieder keine Antwort. Da stieg sie aus dem Bett, um nach ihm zu sehen. Er war tot. Herzschlag. In bester Form. In bester Kraft. Ohne Leiden. Ohne Krankenlager. Wir vermissten ihn sehr. Großmutter zog von Gowarten fort zu ihren Verwandten. Wir haben sie nie wiedergesehen. Mein Vater erbte das Grundstück. Er hatte noch einen älteren Bruder Christoph und drei sehr nette Schwestern: eine Frau Schroeder, die einen Bauernhof im Moosbruch bewohnte mit Mann und Kindern: Auguste, die auch verheiratet war, und Minna, die in Königsberg in der "Barmherzigkeit" (ein Krankenhaus: A.G.) Diakonisse war. 1909 wurde mein Vater von Steinort nach Korehlen (Kreis Labiau, Kirchspiel Popelken) versetzt. Das war an sich eine große Verbesserung. Wir hatten einen wunderbaren Obstgarten. Die Landwirtschaft war größer. Das Klima war milder, der Acker war fruchtbarer. Gowarten war näher, die Großbahnstrecke Königsberg-Labiau-Tilsit war nahe. Die Schule war 2-klassig. Ein zweiter Lehrer war da, also dienstlich leichter für meinen Vater. Aber der Abschied von Steinort war schwer. Wir hatten mit den umliegenden Lehrerkollegen in Postnicken (Döbler, Jarosch, Müller), Schaaksvitte (Vogel), Neuendorf (Grigat), Damerau, Schaaken (Breuer), so wunderbar verkehrt. Bei Lehrer Vogel war Vatchen einen Winter lang täglich mit mir per Schlitten übers Haff (übers Eis) zu Besuch eingekehrt. Dort hatte ich zum ersten Mal ein Klavier kennen gelernt und die Tochter spielen gehört. Daraufhin, zu Hause angekommen, stellte ich meine Fibel als imaginäres Notenbuch auf einen Stuhl und mimte Klavierspiel auf einem Fuß-Schemel sitzend. Mein Vater stiess meine Mutter an und sagte: "Nun weißt Du, was Du zu tun hast. Ein Klavier müßen wir kaufen." Das Klavier wurde sofort in Königsberg gekauft. Eine Hauslehrerin wurde engagiert, die mich und Anna unterrichtete und mir Klavierstunden gab. Es war eine Lehrertochter aus Laukischken, Frl. Woischwill. So fiel mein erstes Klavierspiel und meine ersten ängstlichen Reitkünste in die Steinorter Zeit. Der Abschied war schwer. Steinort wurde nie vergessen. Korehlen lag im Kreise Labiau. Schmilgienen war nicht sehr weit davon. Skaisgirren lag sehr nahe. In Skaisgirren erhielt ich meine ersten wenigen Orgelstunden von Rektor Schillak. Jedoch gestattete der Kirchenvorstand nicht die Benutzung der Kirchenorgel, so daß die Stunden ein schnelles Ende erreichten. In der Korehlenzeit starb leider mein Bruder Herbert in einer Königsberger Klinik an einer Mittelohrentzündung, die er sich schon in Steinort zugezogen hatte. Meine Eltern hatten mich nach Königsberg zu einer Frau Hamann gegeben, damit ich den kranken Bruder täglich besuchen sollte. Denn durch diese gewaltsame Trennung von Muttchen hatte er offenbar ein gebrochenes Herz davongetragen. Er schlug bei der Trennung in der Klinik um sich, schrie entsetzlich, als er von der Krankenschwester in ein Gitterbettchen gestellt wurde, weil sie ihn nicht bändigen konnte. Als er Muttchen nicht wieder sah, verfiel er in absolute Apathie und reagierte auf nichts. Wir waren alle der Meinung, er sei nicht so sehr an seiner Mittelohrentzündung gestorben, sondern mehr an gebrochenem Herzen. Er ist in Korehlen beerdigt. Meine Eltern waren untröstlich über den Verlust des heißersehnten Sohnes. Es war damals üblich, daß ein Landlehrer öfters den Kirchspielpfarrer in der Gemeinde vertreten mußte. Wenn kein Gotteshaus zur Verfügung stand, mußte er in der Schule Gottesdienste halten. Meinem Vater war es gegeben, gute Predigten zu halten. Es bürgerte sich ein, daß die Gemeindeglieder im Falle eines Todes in der Familie meinen Vater zum "Aussingen" baten, wie man es nannte. Die Leute sagten dann: Der Herr Lehrer predigt ja viel "scheener" als der Herr Pfarrer. Natürlich war "Lehrers Jretke" stets mit dabei und mußte hin und wieder ein "geistliches Lied", manchmal zu leiser Harmoniumbegleitung bei schimmernden Kerzen am offenen Sarge singen. Vatchen hatte auch immer einen "Jungfrauenchor", mit dem er solche meistens "geistlichen Lieder" für festliche Anläße übte. Korehlen gehörte zum Kirchspiel Popelken. Popelken lag aber so weit ab, daß Vatchen den "geistlichen Dienst" zum großen Teil erledigte. Von Korehlen aus waren wir, wie schon gesagt, ganz und gar mit unseren Anliegen nach Skaisgirren hin orientiert. Da mein Vater immer eigenes Fuhrwerk gehabt hatte, war er beweglicher und unabhängiger als seine Kollegen und galt als "reich". Unsere geliebte "Lotte" war ein Teil von Muttchens Mitgift gewesen. Nicht nur eine komplette sehr gediegene Möbeleinrichtung hatte sie nebst eigenhändig gewebter Wäscheaussteuer - alles in Dutzenden - mit in die Ehe gebracht, sondern auch neben "Lotte" 1 Kuh, 1 Sterke,- die ja bald 2.Kuh wurde -, 2 Schweine und Geflügel, und natürlich hatten wir einen Bienenstand von 12 - 14 Bienenvölkern, so daß ich mit Bienen und Honig aufgewachsen bin. Opapa hatte die Sterke nicht gleich mitgeliefert. Da mußte Muttchen mahnen, erzählte sie mir. Es war schon angenehm, wenn wir jedes Jahr 1 Trakehner Fohlen. 2 Kälbchen und Geflügel verkaufen konnten. Wir Kinder weinten uns jedes Jahr die Augen aus, wenn das süße Trakehner Fohlen verkauft wurde. Außer dem Bargehalt eines Landlehrers gehörte auch Schulland, also Landwirtschaft dazu. Da die Landgemeinden größtenteils aus Bauern bestanden, mußte die Gemeinde dem Lehrer den Acker bestellen und einernten, Schulholz fahren und einen bestimmten Teil Getreide liefern, also Naturalien. Man nannte diesen Teil des Einkommens "Kalende". Ein städtischer Lehrer dünkte sich immer vornehmer, und man sah heimlich auf den Landlehrer herab. Aber als in den beiden Weltkriegen die Ernährungslage schwierig, ja katastrophal wurde, erwies es sich, daß ein Landlehrer König war, der keinen Hunger leiden mußte. Wir mussten sogar Speck abliefern, wenn wir unser Schwein schlachteten. Wie manchen Königsberger Freund haben wir im Kriege mit ein paar Eiern oder 1 Gans erfreuen können. In meiner kindlichen Phantasie überlegte ich mir, welches die schönsten Feste waren, die ich mitfeiern durfte. Ich stellte eindeutig fest, daß es die Hochzeitsfeste seien. Ich zählte die und verglich, wo es am schönsten gewesen war. Die erste Hochzeit etwa 1907 war in Schmilgienen von meiner Mutter jüngsten Schwester, Tante Pauline. Am Abend vor der Hochzeit fand der sogenannte "Polterabend" statt. Da wurden Gedichte und kleine Stücke vorgetragen und die herrlichsten Hochzeitsgeschenke überreicht. Ich selbst sagte - entsprechend meinem Alter - folgenden kleinen Vers auf: Ich bin noch jung und klein Mein Wunsch kann nicht groß sein: Ich wünsch Euch allerwegen des Lieben Gottes Segen und überreichte als Geschenk 1 Staubwedel und eine silberblanke, längliche Brötchenschale für die schönen "Bäckerbrötchen", die allgemein in Deutschland frisch zum Frühstück gegessen werden, auch Semmeln genannt. Sie waren über Deutschlands Grenzen berühmt und beliebt. Ihre Herstellung ist Geheimnis der Bäckerzunft. Als am nächsten Tag nach dem Polterabend die herrliche Braut in Kranz und Schleier erschien, war für uns Kinder alles verklärt, und in der Folge spielten wir noch "Hochzeit" mit einer alten Fenstergardine als Schleier. Jeder wollte die Braut sein. Damals lebte Alice noch. Die nächste Hochzeit war bei Lieschen Bojahr in Steinort, die dritte allerherrlichste bei Lehrerfamilie Grigat in Neuendorf. Da konnte ich schon etwas tanzen. Da wagte auch kein "Herr" mehr, mit mir ringelreihe zu tanzen, sondern richtig Walzer. Diese "Groß" ausgerichteten "Tanzhochzeiten" waren herrlich. Eine engagierte Kochfrau sorgte für das leibliche Wohl. Eine kleine Hauskapelle, - meistens 4 Mann, 1 Geige, 1 Klavier, 2 Bläser -, sorgten für Tanzmusik. Meine liebe Mutter lehrte uns sehr früh zu tanzen, das zur "allgemeinen Bildung" gehörte. Sie schwärmte noch von ihrem eigenen französichem Tanzlehrer in Mehlauken, der die Tanzschritte graziös vorgeführt hatte und der sich über einen ungelenken Schüler entsetzt hatte. Sie gehörte natürlich zu den besten Tanzschülern und mußte als Beispiel vortanzen. Muttchen lehrte uns Polka, Walzer, Rheinländer, Tirolienne und Quadrille, ein großes Pensum also. Auf jeder Hochzeit wurde mit Begeisterung eine Quadrille getanzt, ein Gruppentanz mit vier Paaren. Muttchen hatte noch einen anderen Gruppentanz gelernt, der aber zu meiner Zeit nicht mehr getanzt wurde und deßen Namen ich vergessen habe. Diese herrlichen Tanzhochzeiten gab es bis 1914. Als der Krieg ausbrach, hörte das zwangsläufig auf. Man lernte zwar in der Schule als Pflichtfach noch tanzen, aber man hatte kein Geld mehr für große Hochzeiten. Im Herbst 1909 wurde ich nach Königsberg zu Frau Kanter (oder Präzentor - Bezeichnung für Organist) Döbler aus Postnicken am Kurischen Haff in Pension gegeben, um die höhere Schule und das Kühnsche Konservatorium für Musik zu besuchen (in der Fanzösischen Sraße). Die Pension kostete jährlich 400,- Mark. Diese 400,- Mark kamen aus den Miet- und Pachteinnahmen des Gowarter Grundstücks, ein Vorzug, den andere so leicht nicht hatten. Das Gowarter Wohnhaus war nebst Obstgarten an drei verschiedene Parteien vermietet, unten zwei und oben wohnte eine Lehrerwitwe. Als Frau Döbler mich im Konservatorium zu Klavierstunden anmeldete, wollte der Direktor Emil Kühn mich wegen Überfüllung nicht annehmen. Meine Kleinheit mag ihm nicht sehr viel Vertrauen eingeflößt haben. Sicher dachte er, die wird nie eine Oktave greifen können! Jedoch Frau Döbler ließ sich nicht abweisen. So ließ er mich ein kleines Stück aus der Dammschen Klavierschule vorspielen, was ihn aber nicht beeindruckte. Er setzte sich ans Klavier, drehte sich mit dem Gesicht fort und fragte, welche Töne er anschlage. Er wollte offenbar prüfen, ob ich das absolute Gehör habe. Das Resultat war: "Die nehm' ich, die nehm" ich." So bin ich meine ganze 7j. Schulzeit in Königsberg hindurch ins Konversatorium gegangen. Es gab halbjährige Prüfungen mit Zeugnissen, in denen bei mir stets für Fleiß und Fortschritt "sehr gut" stand. Nur ein einziges Mal stand in Fortschritt "recht gut". Das war Gift für meinen Vater. Übrigens wollte er mich nach vier Jahren eines Tages aus dem Konservatorium herausnehmen, weil er der Meinung war, ich könnte genug. Ich konnte sehr gut vom Blatt spielen, was nicht jedermanns Begabung ist. Da gab Direktor Kühn mich nicht heraus, und dafür bin ich ihm heute noch sehr dankbar. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler gewesen, mit den Klavierstunden aufzuhören. Man muß sich eins klar machen: Wer Klavierstunden nimmt, muß sehr fleißig sein und jeden Tag eine Stunde üben. Das will durchgehalten werden. Ohne Fleiß kein Preis. Aber auch das ist Gewohnheit. Gleichzeitig besuchte ich von Okt.1909 bis Okt.1916 das Lyceum von Frankenberg und Proschlitz in Königsberg, Prinzenstr.8. Abschluß mit Reifezeugnis, das zum Unterrichten bis 12 Jahren (privat) berechtigte unter Aufsicht eines Schulrates (Treutel, Heinrichswalde). Frau Döbler hatte wegen der Ausbildung ihrer eigenen vier Kinder - Ella, Magdalene (spätere Frau Fuchs), Erich (Mediziner, im Krieg gefallen), und Gretchen (genannt Deta) in Königsberg eine Wohnung, Sackheim, Rechte Straß 90 III gemietet und Kinder von Bekannten in Pension genommen. Die Anzahl der Pensionäre vermehrte sich, so daß sie eine zweite Wohnung im Parterre für die Knaben mietete (Georg Boy- Gallgarben, Ernst Kohrt-Mettkeim, Fritz Hinz-Kropiens). Oben blieben wir Mädchen, Erna und Lotte Struwe aus Postnicken und ich als Pensionärinnen. (Ende der Aufzeichnung) Leipziger Zeit Date: Tue, 08 May 2001 19:17:11 +0200 From: BibliothekSubject: Margarete Schukat Hochschulbibliothek Bereich Archiv Leipzig, 8. Mai 2001 vielen Dank für Ihre Anfrage vom 3. Mai 2001. Margarete Schukat wurde am 16.1.1925 am Konservatorium aufgenommen. Sie studierte Klavier, offenbar bei Frau Nelly Lutz. Margarete Schukat hat, soweit wir ersehen können, bereits am 19.7.1925 das Konservatorium wieder verlassen. Daher besitzen wir kein Zeugnis von ihr. In unserem Bestand befindet sich ausschliesslich Ihr Aufnahmeantrag für das Konservatorium sowie der Eintrag ins Inskriptionsregister. Falls Sie beides als Kopie geschickt haben möchten, bitten wir Sie um Mitteilung Ihrer Postadresse. Mit freundlichen Grüssen Maren Goltz (Wiss. Mitarbeiterin) Kinder Schukat: 1. Margarete Johanna Julie geb.Schattern, Kreis Memel 31.3.1900 gest.Thunder Bay, Ontario, Canada 14.2.1996 2. Anna Louise Charlotte geb.Schilgienen, Kreis Labiau 17.7.1901 gest. Neumünster, Holstein 7.1.1962 3. Alice Martha Paula geb. Steinort, Kreis Königsberg 22.12.1903 gest. Steinort 1906 4. Ella Gertrud Erika geb. Steinort, Kreis Königsberg 20.12.1904 gest.München 24.11.1983 heiratete I. 30.12.1930 Bruno Schmidt aus Gräfenstein, Kreis Sagan Schlesien heiratete II. ... Säckl 1 Sohn Knut Gexa Gösta Schmidt geb.Chemnitz 18.1.1931 5. Herbert Julius Waldemar geb. Steinort, Kreis Königsberg 1906 gest.Königsberg 1919? 6. Gerhard Martin Werner geb.Steinort 20.9.1908 gest. Geestacht bei Hamburg 4.12.1932 (tbc) 7. Heinz Paul Manfred geb. Korehlen, Kreis Labiau 8.5.1910 gest. Gowarten, Kreis Niederung 1927 8. Siegfried Arnold Hilmar geb. Korehlen, Kreis Labiau 17.4.1912 gest. Bochum 3.4.1996 heiratete in Lutherstadt Wittenberg 2.10.1943 Ingeborg Dröher Per Brief vom 20.III und 1.April 1968 aus RR1, Kaministiquia, Ontario schrieb mir meine Mutter nach Waynesboro,PA auf meine Fragen u.a. folgendes: Wann sich mein Grossvater Daniel Schukat das Altengrundstück kaufte, weiss ich nicht, als er den Haupthof seinem ältesten Sohn Christoph (oder Christian?) übergab. Wann mein Vater Julius das Seminar besuchte, weiss ich auch nicht. Das kann man sich aber wohl ausrechnen. Er ist 1867 geboren. Wenn er bis zum 14.Jahr die Volksschule besucht hat - was ich annehme -, so war das bis 1881. Wenn er danach auf die Präparandenanstalt in Ragnit ging, die drei Jahre dauerte, um die Seminarreife zu erhalten, so war das bis 1884. Wenn er das Seminar drei Jahre besuchte, so war das bis 1887. So war er bis zu seiner Verheiratung 1899 also erst mal 12 Jahre lang Junglehrer gewesen. In der Zeit musste er etwa nach drei Jahren Praxis das sogenannte Hauptlehrerexamen machen. So war die Vorschrift für die Ausbildung. Mein Vater ist niemals Lehrer in Gowarten gewesen, sondern er hatte von seinem Vater ein 30 Morgen grosses Landgrunstück mit Haus und grossem Obstgarten als Alters-Ruhesitz nach dessen Tode geerbt, wohin wir Januar 1916 gezogen sind, als er sich krankheitshalber pensionieren liess und wo er Januar 1918 starb und beerdigt ist. Er lebte also nur 15 Monate in Gowarten. Meine beiden Brüder Gerhard und Heinz sind nach dem 1.Weltkrieg in den Hungerjahren an den Folgen des Hungers an Tbc gestorben, zuerst Heinz mit 17 Jahren 1927 noch im letzten Schuljahr als Schüler in Gowarten. Dann Gerhard, der in der Ausbildung als Bau-Ingenieur und zufällig nach Hamburg gefahren war, als er schwer erkrankte. Wir wissen nichts näheres, erhielten nur vom Krankenhaus eine Nachricht vom Tod und Beerdigung 1932. Ich hatte alle drei Brüder (Heinz, Gerhard und Siegfried, A.G.) für die Aufnahmeprüfung in der Sexta vorbereitet. Wir hatten alle drei nach Vatchens Tode in das sogenannte "Beamten-Waisenhaus" am Sackenheimer Tor in Königsberg gegeben - nicht in das "Volks-Waisenhaus" - wo nur Söhne von Pfarrern, Lehrern, Landwirten d.h. Gutsbesitzern und Offizieren augenommen wurden, sobald sie sexta-reif waren. Das Waisenhaus ist vom ersten preussischen König Friedrich I bei seiner Krönung (1701) in Königsberg gegründet worden und lag am Sackheimer Tor. Du wirst Dich erinnern (Ja, ich war dort im Februar 1945 einquartiert, A.G.) Mein Vater liess sich 1913 als Sanitäter ausbilden, da er bei der Musterung als militäruntauglich befunden wurde. Man war damals sehr streng damit. Sie jungen Leute mussten vollendet gesund sein, was er aber nicht war. Seine Augen brauchten eine Brille in ganz geringem Prozentsatz. Er hat aber nie eine Brille besessen, weil es gar nicht nötig war. Als 1914 der Krieg ausbrach war er in einem Königsberger Lazarett als Sanitäter tätig, wo er 1916 krankheitshalber infolge Erkältungen der Nieren im Dienst aufhören musste. Er liess sich auch vom Schuldienst pensionieren mit 50 Jahren, und wir zogen 1916 nach Gowarten.