Adalbert Goertz:                                (August 2004)
 
Ein Amerikaner besucht Langenau, Kreis Rosenberg (1927)
 
Im Sommer 1927 machte der Schriftleiter (Editor) H.P.Krebiel (1862 - 1940)
der mennonitischen Zeitschrift "Der Herold" in Newton, Kansas mit seiner
Frau eine Europareise, die ihn auch nach Westpreußen und Schloß
Langenau, Kreis Rosenberg führte. In der Ausgabe vom 8.Dezember 1927
lesen wir u.a.:

Es war um die Mittagszeit, als wir in Seeberg bei Riesenburg anlangten, bei dem Seeberg Domänenpächter Aron Geddert (1864 - 1944), wo wir bei diesem Bruder und deßen Gattin, auch Glieder der Elbing Gemeinde, gastfreundlich aufgenommen wurden. Sie ist eine (Johanna) geb.Goertz (1876 - 1945, s.DGB 133, S.249). Er hat dieses Gut von etwa 1000 Acker auf 18 Jahre gepachtet und betreibt eine große Wirtschaft. Gern wäre man bei diesen uns so liebreich entgegenkommenden Geschwistern länger geblieben, doch mußten wir sofort nach Einnahme der schönen Mahlzeit uns von unsern guten Gastgebern verabschieden, um noch bei Tageszeit unser eigentliches Reiseziel Schloß Langenau zu erreichen. Der Weg führt hier durch eine Gegend, die nahe der slawischen Front liegt....


Landkarte um Freystadt-Langenau-Neudeck
Etwa drei Uhr war es, als wir durch den kleinen Ort Freystadt kamen, in deßen Nähe Langenau sich befindet, das eigentliche Ziel unserer heutigen Reise. Die Geschichte weiß nichts zu erzählen von Mennoniten, die in Schlößern wohnen, wohl aber recht viel von Mennoniten, welche in Löchern, Höhlen und elenden Hütten von Schloßherrn, Grafen und Rittern gnädiglich erlaubt wurden, ein kümmerliches Dasein zu fristen.... Das wurde uns heute lebhaft vor Augen geführt. Denn Br. (Mennoniten-Pastor Emil) Händiges (1881 - 1965) teilte uns mit, daß wir hier ein Glied seiner Gemeinde Br. Paul G(erhard) Goertz (1887 - 1945, s.DGB 133, Seite 261 - 263) besuchen wollen, und daß dieser Bruder in Schloß Langenau wohne, und zwar kämen wir hin auf eine dringende Einladung deßelben nicht nur um einen Besuch abzustatten, sondern auch am Abend im Schloß einen Gottesdienst abzuhalten. Ein klares Bild hatte ich aber nun nicht, was das für ein Ort sei, auf den wir zufuhren, hatte aber eine unbestimmte Vorstellung, daß es wohl ein ziemlich zerfallenes großes Landgut sei, das ein Mennonit hier, wohl 35 Meilen entfernt von einer Mennonitengemeinde (Elbing), gepachtet habe. Als wir dem Schloß, das hinter großen Bäumen und Heckenzäunen unsern Augen sich entzog, uns nahten, bemerkte ich eine Anzahl Wohnungen, von welchen man mir sagte, daß sie zum Schloß gehörten. Da bog auch unser Auto schon um eine Ecke in eine große offene Parkanlage. Hinter demselben erhob sich unseren Augen Schloß Langenau. Ein großes stattliches Gebäude ist es, vor welches der gebogene Weg durch den Park uns führte. Empfangen wurden wir von einem noch jung aussehenden Manne, der uns vorgestellt wurde als Bruder (Paul Gerhard) Goertz, auch seine Gattin (Margarete geb.Schukat, 1900 - 1996) war bald da, und wir wurden in das Empfangszimmer des Schloßes geführt....
Schloß Langenau um 1859 nach A.Duncker,Die ländlichen Wohnsitze, Schlösser und Residenzen der ritterschaftlichen Grundbesitzer in der Preußischen Monarchie, Berlin 1857-1879 (Rote Bände)
Schloß Langenau sollte eigentlich Schloß Hindenburg heißen. Denn bis vor wenigen Jahren wurde daßelbe geeignet von der Familie Hindenburg und die Schwester des jetzigen deutschen Reichspräsidenten, Präsident (Paul von) Hindenburg (1847 - 1934), sowie deßen Neffe und Familie waren noch vor einigen Jahren die Eigentümer und Bewohner des Schloßes und des damit verbundenen Gutes. Daßelbe wurde dann an den (Preußischen) Staat verkauft. Vom Staat hat Bruder Goertz das Gut samt Schloß und allem Bauwesen auf 18 Jahre gepachtet. Das bewegliche Inventar der Wirtschaft sowie das Möbel und die Hauseinrichtung und alles bewegliche Schmuck, Kunstwerke und die große Bibliothek hat Goertz käuflich erworben. In dem Schloß befindet sich sehr viel schönes und kostbares Möbel, denn alles war hier in fürstlicher Eleganz angelegt. Wie zahlreich hier elegante, gepolsterte Stühle und Sessel jetzt noch vorhanden sind, trat deutlich hervor, als bei dem Abendgottesdienst die etwa 150 Besucher alle in solchen Sitzen Platz nahmen und lange nicht alle Gesäße herbei geholt waren aus den vierzig großen Zimmern des Schloßes. (AG: Meine Mutter erzählte mir später, daß mein Vater dem begeisterten H.P.Krehbiel einen der rot-gepolsterten Sessel nach Kansas als Geschenk zusandte. Mein Versuch vor einigen Jahren, diesen Sessel dort aufzuspüren, blieb erfolglos) Auch sind diese Zimmer groß, etwa 24 x 40 Fuß; noch bedeutend größer sind die Sääle, wie Empfangszimmer, Speisesaal usw. Wichtig war mir das große Bibliothekszimmer, in welchen sich wohl mehr denn Tausend Bücher befinden, teilweise noch in den Glasschränken, andere in großen Stößen am Fußboden, weil die früheren Eigentümer einen Teil der Bücherschränke mitnahmen. In der kurzen Zeit, die ich hatte, bemerkte ich, daß mancherlei alte Werke, sogar Dokumente und Buchführungsbücher da sind, die für den Geschichtsforscher von großen geschichtlichen Wert sein könnten. Ich glaube gewiß, daß Br.Goertz solche Werke bereitwilligst an einen mennonitischen historischen Verein oder Forscher schenken würde.....
Schloß Langenau 1928-1931.

Paul Gerhard Goertz (1887-1945), Domänenpachter zu Langenau 1922-1933,Aufnahme 1925.
Das zum Gut gehörende Land beläuft sich auf etwa 5600 Acker. Nebstdem eignet Goertz noch zwei große Güter, die zusammen etwa 7500 Acker enthalten (Schwetz, Kreis Graudenz und Arnstein, Kreis Heiligenbeil). Selbstverständlich ist die Räumlichkeit des Schloßes viel zu groß für die kleine Familie, denn für die Arbeiter sind ja separate Wohnhäuser vorhanden. So bewohnt Goertz zu dieser Zeit nur ein Ende des Schloßes. Es nahm längere Zeit, nur durch alle die Zimmer, die großen, breiten Hallen und die eleganten marmornen Treppen hinauf und hinab zu gehen, an all dem interessanten prächtigen altertümlichen Möbel, den Tischen, Stühlen, Divane, den Bildern, großen Spiegeln (4 x 12 Fuß), den großen aus Stein gehauenen Büsten, in der offenen Halle stehenden Palmenbäume, den großen prächtigen für hunderte Kerzen eingerichteten hängenden und Wandleuchtern vorbei, über kostbare Teppiche hinweggehend und das alles auch nur einigermaaßen zu besehen. Beim Erzählen und Besehen wars Abend geworden. Man lud zu Tische in dem großen Speisesaal und an den großen langen Tisch, an welchem die Hindenburgs und die früheren Schloßherrn und Familien vormals pflegten zu speisen. Beleuchtet war Tisch und Zimmer nach der Manier alter Zeiten mit Kerzen, getragen von künstlerisch verzierten Kerzenhaltern. An den Wänden hingen die Gegenstände, die Ritter und Fürsten dahin gebracht, allerlei Kunstwerke aus alter Zeit umstanden uns, in den vergoldeten und versilberten Rahmen der Bilder, dem Möbel und den Spiegeln schimmerte es in einem Halbdunkel, als wenn hunderte dunkle Gestalten aus alten Zeiten schleichend beobachteten und munkelnd dagegen protestirten, daß hier nun diesen Tisch statt der einstigen Ritter, Fürsten, Grafen nun verachtete Mennoniten in friedlicher Geselligkeit sich zu Hause machten. Wie schon erwähnt, war für den Abend Gottesdienst im Schloß angesagt. Mennoniten sind außer Geschw.Goertz in dieser Umgebung keine. Es waren aber die Arbeiter auf dem Gute sowie die anderen Einwohner der Nachbarschaft eingeladen. Als ich auf dem Wege erfuhr, daß dieses Schloß von Hindenburgs bewohnt gewesen sei, war ich gespannt zu erfahren, ob etwa Frl. Hindenburg, des Präsidenten Schwester, hier gewohnt habe. Denn von Frl. Hindenburg hatte ich in amerikanischen Zeitungen vor nicht langer Zeit gelesen, daß sie, die ja edel um das geistliche Wohl der Soldaten angenommen hatte, nun seit Jahren unter dem Volk ihrer Umgebung Evangelisationsarbeit mit großen Erfolg betrieben habe. Bald nachdem wir angekommen, erkundigte ich mich hierrüber bei Br. Goertz, und er bestätigte, daß es Frl. Hindenburg war, die hier wohnte, und daß sie solche Seelenrettungsarbeit getan habe. Daher war ich gespannt zu sehen, ob von einer Nachwirkung von ihrer Tätigkeit etwas zu merken sein würde an diesem Abend. Ungünstig war der Abend für eine Versammlung, denn als es Abend wurde, begann es zu regnen, aber manche Leute mußten bedeutende Strecken zu Fuß gehen, um nach dem Schloß zu gelangen. Als aber die festgesetzte Zeit heranrückte, begannen Leute zu kommen, und bei Anfangszeit war der große prächtige Gelbe Saal angefüllt mit Menschen. 150 oder mehr. Dieser Saal ist der prächtigste im ganzen Schloß, alle Rahmen, Fenstergesimse, Türen, Pfeiler vergoldet und versilbert, sehr große Spiegel reichen vom Fußboden bis hoch hinauf an den Wänden. Mehrere marmorne Kunstwerke in Lebensgröße zieren den Raum. Ein gutes großes Flügel Piano stand in der Ecke. Prächtige verzierte Leuchter hängend und an den Wänden trugen hunderte Kerzen, in deren Glanz der Saal hell beleuchtet war. Meinem Gefühl des Rechtes entsprach es, daß gerade in diesem am herrlichsten ausgeschmückten Saal die Arbeiter des Gutes und aus der Umgebung sich zu einer Andacht versammeln durften. Da allerlei Volk eingeladen war, waren sie auch gekommen, die Evangelischen, Lutheraner, Katholiken, Polen, Deutsche, um im Schloß Br. Haendiges und den "Amerikaner" zu hören. Auch der Evangelisch Lutherische Prediger des nahen Ortes, sowie ein Prediger aus der Gemeinschaftsbewegung zur Chrischana gehörend, waren da. Man hatte Erweckungsliederbücher, und als angestimmt wurde, sang die ganze Versammlung sofort frisch und lebendig mit. Man merkte sofort, daß sie mit etwas anderen in Berührung gekommen waren als dem steifen und schleppenden Formalismus der "Kirche". Als die Predigten gehalten wurden, war eine Response wahrnehmbar, die da zeigte, daß ihnen das Wasser des Evangeliums Christi nicht etwas Neues, etwas Unbekanntes sei. Zur Hebung der Andachtsstimmung trug auch bei das geistliche Lied von Schwester Haendiges gesungen. Begleitet auf dem Piano wurden die Gesänge von Frau Goertz, welche auch nebstdem einige Stücke auf dem Piano spielte. Nach Schluß der Versammlung blieben noch viele der Besucher. Durch unsern Gastgeber wurde noch allen Kaffee und ein kleiner Imbiß verabreicht, und nun galt es abzufahren, denn wir wollten noch zurück nach Br. (Otto) Bartels Heim (in Grunau, Kreis Marienburg). Geschwister Haendiges entschloßen sich erst am nächsten Tag mit dem Zug nach Elbing zu fahren. Bei mancherlei Unterhaltung besonders über tiefe Lebensfragen wurde die Stunde aber doch spät, so daß es bereits elf Uhr war, als die Lieben uns in dem hinwegeilenden Auto noch Lebewohl nachriefen.... Literatur: DGB = Deutsches Geschlechterbuch, Bd.133 (3.Westpreußen-Band), Starke-Verlag, Limburg, 1964. Hier die Stammfolge Goertz, Seite 237-271. Check here
PS. Schloß Langenau wurde 1945 von Polen abgebrannt. I invite your comment and suggestions on this page: goertza(at)hotmail.com